Wimbledon 2026: Noskova gewinnt erstes Grand-Slam-Turnier
Zuerst droht Noskova der Final zu entgleiten, dann gewinnt sie in Wimbledon doch noch das Grand-Slam-Turnier
Die tschechische Tennisspielerin Linda Noskova ist im Final gegen ihre Landsfrau Karolina Muchova überlegen – den Triumph vor Augen, wird sie jedoch nervös.
Klaus Bellstedt, Wimbledon12.07.2026, 13.59 Uhr
3 Leseminuten

Linda Noskova gewinnt in Wimbledon das erste Grand-Slam-Turnier ihrer Karriere.
Neil Hall / EPA
Es war der wahrscheinlich emotionalste Moment der vierzehn Tage von Wimbledon: Als Linda Noskova, die Siegerin im Frauen-Final, am Samstagabend zur goldenen Stunde auf dem Centre-Court ihre Rede hielt, schickte sie ganz am Ende einen Gruss hoch in den Himmel zu ihrer Mutter, die vor zwei Jahren nach einem langen Kampf gegen den Krebs verstorben war.
Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen
NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.
Bitte passen Sie die Einstellungen an.
«Es gibt noch eine Person, bei der ich mich bedanken möchte: meine Mama. Ohne sie wäre ich absolut nicht hier, also danke», sagte Noskova. Dann konnte die junge Tschechin ihre Gefühle nicht länger zurückhalten. «Normalerweise weine ich nicht, das liegt mir nicht.» Sie habe diese zwei Wochen so sehr genossen. «Alle Tränen der Trauer, alle Tränen der Freude. All der Schweiss und die Anstrengung, um hierherzukommen – das war alles wert. Ich werde diese Zeit nie vergessen.»
Der Frauen-Final von Wimbledon war im Grunde genommen die Krönung von Noskovas Gefühlschaos. Die 2 Stunden und 28 Minuten Spielzeit waren für die 21-Jährige eine wilde Achterbahnfahrt der Emotionen. Am Ende siegte sie im rein tschechischen Final gegen Karolina Muchova 6:2, 5:7 und 6:3. Noskovas erster Erfolg an einem Grand-Slam-Turnier war in erster Linie ein Beweis aussergewöhnlicher Widerstandsfähigkeit.
Muchova wehrt fünf Matchbälle ab
Im Tennis ist es ein immer wiederkehrendes Muster: Irgendwann im Lauf eines langen Matches öffnet sich die Tür für die zurückliegende Spielerin doch noch einmal. Am Samstag schlüpfte Muchova, die bis weit in den zweiten Satz hoffnungslos unterlegen war, sogar durch diesen Spalt hindurch. Sage und schreibe fünf Matchbälle wehrte die 29-Jährige ab.
Aus einem 2:5 machte Muchova ein 7:5, dabei war dieser Final doch eigentlich längst gelaufen. So dachte es auch Noskova, wie sie hinterher zugab. Aber Tennis ist ein brutaler Sport, mental der vielleicht anspruchsvollste überhaupt. Mit dem Sieg vor Augen verlor sie die Kontrolle über das Spiel. Noskovas Arm wurde immer schwerer, ihr sonst so zuverlässiger Aufschlag landete zunehmend im Nirgendwo, und sie fing an zu zweifeln. Muchova war jetzt in ihrem Kopf, wie es in der Tennissprache heisst.
Zu allem Überfluss hielt sich Noskova für alle – aber vor allem für Muchova – sichtbar die Ohren zu nach dem Verlust des zweiten Satzes. Damit gab sie ihre Deckung in gewisser Weise auf. Jeder auf dem Centre-Court des All England Club konnte es jetzt sehen: Hier war einer alles zu viel. Dass sich Noskova aus dieser Abwärtsspirale doch noch herausarbeiten konnte, war die eigentliche Sensation dieses fulminanten Tennisnachmittags in Wimbledon.
Normalerweise zermürbt Noskova die Gegnerinnen
Plötzlich war Noskovas Aufschlag wieder unangreifbar. So wie in den anderthalb Sätzen zuvor. Ihr Ballwurf verriet nichts darüber, wo der Aufschlag landen würde. Mit ihrer ruhigen, beinahe stoischen Routine zwischen den Ballwechseln – längst zu einem Markenzeichen ihres Spiels geworden – servierte sie sich immer souveräner durch den Match und schliesslich doch noch zum Titelgewinn.
«An meinem Aufschlag arbeite ich schon seit einigen Jahren», sagte sie einmal im Laufe der Turnierwochen. «In letzter Zeit hat er mir enorm geholfen. Gerade auf Rasen oder Hartplatz ist der Service meine stärkste Waffe. Wenn ich serviere, konzentriere ich mich ausschliesslich auf mein eigenes Spiel. Was in den Return-Spielen passiert, passiert eben.» Ihr Aufschlag ist das eine, die Kraft, gepaart mit ihrer Variabilität, das andere.
Noskovas Bewegungen sind schnell, ihre Schläge erbarmungslos hart. Die Tschechin zermürbt ihre Gegnerinnen normalerweise. In Wimbledon hatte sie bis zum Final nur zwei Sätze abgegeben. Gegen Muchova, die über ein schier unerschöpfliches Repertoire in ihrem Spiel verfügt und oft an eine Virtuosin auf dem Platz erinnert, wäre es beinahe schiefgegangen.
Keine ist auf Rasen so stark
«Am Ende war ich auch resilient genug. Das kannte ich so von mir gar nicht.» Als die Siegerin das sagte, musste sie lachen. Im Rückblick könnte sich gerade diese Resilienz als der entscheidende Schritt auf dem Weg zu einer grossen Championne erweisen. Auf Rasen ist Noskova das sowieso schon. Seit Beginn der Saison 2025 hat keine Spielerin auf der WTA-Tour mehr Matches auf diesem Belag gewonnen.
Mit ihrem Triumph in Wimbledon hat Noskova nun den nächsten Entwicklungsschritt vollzogen. Wirklich vieles spricht dafür, dass dieser Grand-Slam-Titel nicht das Ende einer aussergewöhnlichen Geschichte markiert, sondern erst ihren Anfang.
Passend zum Artikel


