Zucker für die Millionäre: Ja zum Prosecco, nein zur Front Row
Das Wochenende beginnt bereits am Mittwoch in der Bar und will begossen werden. Es geht auf den Funkturm, zum Rockabilly-Tanztee und zur Marylin-Monroe-Filmreihe.
Foto: Mumibo/imago
Ü ber „Home taping is killing music“ ließ sich bekanntlich streiten; „Home fucking is killing prostitution“ war auch nie ganz mein Slogan. Aber dass Home drinking den Gastwirt killt, das stimmt. Insofern stopfte ich die Woche brav voll, setzte mich am Mittwoch zunächst vor eine Bar unweit des Schlesischen Tors, schaute den vielen Touristen und Wespen zu und besprühte letztere im Falle der ungewollten Annäherung leicht aus einer kleinen Wasserflasche. Dann denken die nämlich, dass es regnet, und verziehen sich nach Hause ins Wespennest.
Ab Donnerstag sprühte der liebe Gott zurück, aber mich kriegt man nicht so schnell klein. Ich bin ja nicht aus dem Zucker, den Forscher:innen kürzlich im Weltall entdeckt haben. Diese sogenannte Erythrulose, die auf der Erde vor allem in Himbeeren zu finden ist, scheint auch in der Gaswolke G+0.693-0.027 in der Nähe des Milchstraßenzentrums vorzukommen, und ich hoffe nur, dass sich das nie extrahieren lässt, weil ich befürchte, dass Millionär:innen sich genau diesen Zucker in kleinen Tütchen abpacken werden, teuer und exklusiver als Kugelschreiber aus Mammut-Elfenbein, um ihn in ihren Espresso zu schütten.
Der dräuende Regen beeinflusste meine Wochenendplanung also kaum. Am Freitag kletterte ich in der tiefsten City-West auf den genau 100 Jahre alten Funkturm und setzte mich ins dortige Restaurant, in dem man sich angesichts des deftigen Buffets und der Historie fühlt wie ein feister Fabrikant aus den 20ern. Nur, dass man statt mit einem Glas Henkell Trocken mit den freundlichen Worten „Prosecco, ja?“ begrüßt wird. Und wer kann dazu schon Nein sagen.
Es dudelte schön jazzig, Pärchen schwiegen sich an, man schaute in die verhangenen Wolken, und ich dachte daran, dass mir eine Fluggesellschaft neulich ungefragt eine Werbemail mit dem Betreff „Front row seat YES“ geschickt hatte, die mich dazu bringen wollte, die anstehende Sonnenfinsternis am 12. August aus einem Flugzeug zu beobachten.
Mit flottem Halstuch
Aber für mich gilt „Prosecco yes – front row seat no“, bei aller Liebe zur Flamboyanz und zu netten Stewards und Stewardessen. Eine besonders nette lernte ich einen Tag später bei einem Rockabilly-Tanztee in einer kleinen Cocktailbar in Mitte kennen und konnte endlich mal die Frage loswerden, ob Stewardessen eigentlich auch die generell viel, viel, viel schickeren Vintage-Varianten ihrer Airline-Uniformen tragen dürfen. Dürfen sie jedoch nicht. „Wir haben immerhin einen schicken Schiffchen-Hut“, tröstete die Rockabilly-Stewardess sich und mich; ich bin zudem sicher, dass ihr das flotte Halstuch fantastisch steht.
Abends besuchte ich aus jeder Menge beruflichen und privaten Gründen die Marilyn-Monroe-Filmreihe im Zeughauskino und schaute mir Marilyn in ihrer allerersten Hauptrolle endlich auf einer Leinwand an. Als „Burlesque-Queen“ strahlt sie im 1948 erschienenen B-Movie „Ladies of the Chorus“ wie einer dieser Diamanten, mit denen sie später so gut befreundet war.
Vor allem freute ich mich auf die absurdeste Bühnenchoreo des gesamten 20. Jahrhunderts: Im Film singt Marilyn den Song „Every Baby needs a Da-da-daddy“, und selbst wenn sie damit einen „Sugar Daddy“ meint und die Themen Millionäre und Zucker somit auf eine fast noch missbräuchlicher konnotierte Weise vereint, als ich eingangs in meinem jugendlichen Leichtsinn, tapsen im Refrain eine Reihe Chorusdamen in ultrakurzen Kleidchen auf die Bühne, die Babypuppen (!) wiegen. Sie hocken sich hin, lassen die Püppchen auf dem Boden hin- und hermarschieren und singen „Every Baby needs a Da-da-daddy“.
„Jens Spahn, oder?“, fasste es ein Kollege später zusammen, der eine Reihe hinter mir gesessen hatte, und ich fuhr kichernd durch den weichen Regen nach Hause.
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