Erfolg durch Nähe: Anna Schoeppe über die hessische Filmförderung
Frau Schoeppe, es gab Jahrzehnte, in denen Hessen Film nicht unbedingt in Cannes ein und aus gegangen ist. Nun gibt es Ehrungen auf internationalen Festivals, eben hat der von Hessen Film und Medien geförderte Film „Vaterland“ von Pawel Pawlikowski in Cannes den Preis für die beste Regie gewonnen. Seit wann ist das denn wieder so?
Die Präsenz von in Hessen geförderten Filmen bei internationalen A-Festivals ist seit zwei, drei Jahren enorm nach oben gegangen. „Silent Friend“ von Ildikó Enyedi etwa ist 2025 im Wettbewerb in Venedig und danach in Toronto gelaufen, das ist für Hessen auch ein sehr wichtiges Projekt gewesen. Cannes, der wichtigste Wettbewerb, war dieses Jahr so ein wenig die Krönung auf dem Weg. Das erhöht die Sichtbarkeit des Standorts enorm. Ganz aktuell sind zehn aus Hessen geförderte Projekte beim Filmfest in München zu sehen, darunter auch „Vaterland“ als Eröffnungsfilm.
Was hat das für die hessische Filmszene zur Folge?
Wir hatten jetzt einen großen Strategietag mit der Branche, um unsere künftige Ausrichtung zu diskutieren. Einige Produktionsfirmen aus Hessen geben an, dass sie aktuell bis zu 20 Anfragen für internationale Ko-Produktionen im Monat bekommen. Die sie nicht alle bedienen können, denn die Unternehmen sind nicht so groß. Aber das zeigt: Es wird international ein Standort wahrgenommen, an dem man gut koproduzieren kann. Das weist über aktuelle Erfolge hinaus und stärkt den Standort auch lang- und mittelfristig.
2016 ist die Hessen Film und Medien gegründet worden, und damals waren die Träume sehr, sehr groß: Hollywood nach Hessen zu holen, und zwar als Führungsstandort. Es hat damals das böse Wort vom „stupid hessian money“ gegeben, also von großen internationalen Playern, die Fördermittel abgreifen, ohne Mehrwert am Standort zu lassen.
Die verzinslichen Fördermittel, die bis 2021 vergeben wurden, waren im Grunde nur für große Produktionsfirmen attraktiv, die ohne Probleme diese Zinsen nachher zurückzahlen konnten. Deswegen ist die Antragslage für diese Mittel auch nicht gut gewesen. Das war ein zentraler Punkt der neuen Strategie seit 2020: Wir müssen kompatibel sein mit dem deutschen und mit dem europäischen Fördersystem. Das funktioniert nicht mit verzinslichen Mitteln. Das klingt sehr technisch, aber diese Umstellung ist enorm wichtig gewesen, um regionale Produzentinnen und Produzenten überhaupt in die Lage zu versetzen, Geld zu beantragen. Es ist unser Job, darauf zu achten, dass das Geld am Standort ausgegeben wird, und zwar filmspezifisch. Also nicht nur für Versicherungen oder Automieten.
Ganz vereinfacht gesagt, lautet die Strategie seit 2020: Zinsen weg, Rückzahlung nur bei großem Erfolg?
Die Finanzstrategie ist nur ein Baustein. Im europäischen Vergleich zahlen zehn Prozent der Projekte ihre Erfolgsdarlehen zurück, da liegt Hessen ziemlich im Schnitt. Das ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass das, was wir machen, im Kern Kulturförderung ist.
Liegt die aktuelle Erfolgsgeschichte auch darin, kleinere Brötchen zu backen?
Ich glaube, wir haben Erfolg, weil wir realistische Brötchen backen. Wir haben uns auf das besonnen, was es hier gibt, nämlich kleine und mittlere Firmen, die auch bestimmte Budgets stemmen können. Das müssen dann keine kleineren Brötchen sein, wie das Projekt „Silent Friend“ zeigt, mit Weltstars wie Tony Leung.
Wir erleben ja im Moment, Stichwort Standortförderung, zahlreiche Neugründungen von kleineren und mittleren Produktionsgesellschaften. Dieses Arbeiten aus einer Hand, Buch, Regie, Produktion, scheint für die Region recht typisch. Wie können Sie diese Unternehmen unterstützen?
Wir haben mit der Talent-Paket-Förderung ein einzigartiges Modell, das Unternehmen in der Gründung unterstützt. Sie besteht aus Mitteln für ein Paket aus Projekten, aber auch das Unternehmen, damit es sich in den ersten drei Jahren festigen kann. Wir haben auch eingeführt, dass diese Unternehmen durch Mentorinnen und Mentoren begleitet werden. Denn die Erkenntnis aus dem Strategieprozess ist, dass Geld allein nicht reicht. Es braucht eine Begleitung durch unsere Beratung, aber auch durch erfahrene Filmunternehmerinnen und Unternehmer.
Das gibt es nur in Hessen?
Ja, dieses Format gibt es so nur in Hessen. Derzeit läuft die Bewerbungsphase für „nextSTEP“. Das ist unser neues Gründerzentrum im Kulturbunker an der Frankfurter Schmickstraße. Dort unterstützen wir die Vorphase der Gründung mit Büroräumen. Denn das Thema der teuren Mieten gilt für alle Branchen, auch den Film. Und wenn man allein irgendwo sitzt, vernetzt man sich nicht. Das soll im Kulturbunker begleitet werden. Wir werden voraussichtlich die ersten sechs Stipendiaten im September begrüßen.
Hessen Film und Medien hat relativ geringe Mittel im Ländervergleich der Filmförderung. Wie hoch ist denn Ihr Jahresbudget momentan für Hessen Film und Medien?
Knapp zwölf Millionen Euro ist unser Gesamtetat, das heißt, der Fördertopf ist gut zehn Millionen groß. Man darf aber nicht vergessen, dass wir etwas mehr als zwei Millionen Euro Festival-Förderung haben und eine halbe Million Kinoförderung. Für die reine Filmförderung müssen wir also ganz schön rechnen.
Wie bewerten Sie daher die Reform des Filmfördergesetzes?
Es ist wichtig, dass wir jetzt wissen, in welchem System künftig produziert wird. Denn wir haben einen enormen Druck auf alle regionalen Töpfe erlebt in einer Phase, in der unklar war, wohin der Bund steuert. Jetzt geht es um die konkrete Ausarbeitung, und wir müssen darauf achten, dass die kleinen und mittleren Projekte nicht vergessen werden, dass die Einstiegshürden für automatische Systeme nicht so gezogen werden, dass eben zum Beispiel viele hessische Projekte davon nicht mehr profitieren könnten.
Hessen ist traditionell ein Standort für den Dokumentarfilm gewesen, auch für experimentelle Formen und Themen jenseits des Mainstreams, oft politische Themen. Ist das weiter wichtig in der Förderung?
Ja, absolut. Ich möchte viel mehr in den Förderanträgen lesen, dass die Projekte sich ganz gezielt damit auseinandersetzen, wer die Zielgruppe ist und wie man sie findet. Es sollte nicht immer das Ziel sein, auf der Berlinale Premiere zu feiern und dann ein Film für alle zu sein. Das ist beinahe wichtiger als die Größe der Zielgruppe. Wobei wir natürlich auch große Familienfilme fördern wie „Woodwalkers“.
2016 war auch ein erklärtes Ziel, neue Formatentwicklungen gezielt zu fördern, hybride Formen, Games. Ist das noch ein Thema?
Auf jeden Fall. Die technischen Möglichkeiten haben sich stark verändert. Es gibt so viele Anträge für den Medienfördertopf in diesem Jahr, wie wir sie ganz lange nicht hatten, und es gibt da auch interessante Projekte. Trotzdem hat sich herausgestellt, dass das klassische Erzählen in Hessen im Vordergrund steht. Das prägt die Förderung. Was Serien angeht, sind wir aus meiner Sicht einen erfolgreichen Weg gegangen, weil wir auch nach dem Strategiewechsel weiter Fernsehprojekte fördern. Das sind dann aber Leuchtturmprojekte wie „Die Zweiflers“ oder auch „Love Sucks“, mit 54 Drehtagen in Frankfurt und einer Geschichte von der Dippemess’. Beides große Projekte, regional verankert.
Hessens Kunstminister Timon Gremmels (SPD) hat eine Regierungserklärung abgegeben und betont, wie wichtig Kunst und Kultur sind. Trotzdem muss gespart werden. Wird auch an Hessen Film und Medien gespart?
Es gibt in diesem Jahr keine Gala zum Hessischen Filmpreis. Natürlich tut uns das als Ausrichterin weh, weil wir die letzten Jahre daran gearbeitet haben, diesen Filmpreis zum zentralen Filmereignis in Hessen zu machen. Gleichzeitig ist es uns das Allerwichtigste, dass der Fördertopf erhalten bleibt und dass wir eine Konstanz in der Förderarbeit leisten können. Wenn das bedeutet, dass wir die Einsparungen über die Gala erbringen müssen, dann gehen wir das auch mit. Die Film- und Kinopreise wird es auch trotzdem geben, sie werden nur in einem kleineren Rahmen verliehen.
Das heißt, für dieses Jahr ist ihr Budget sicher?
Der Haushalt für dieses Jahr ist aufgestellt. Und natürlich ist es ein sehr wichtiger Teil meines Jobs, überall Werbung dafür zu machen, dass diese Arbeit, die am Standort im Film- und Medienbereich gemacht wird, wichtig ist und dass sie so viel Strahlkraft hat, künstlerisch inzwischen so herausragend ist, dass es unbedingt notwendig ist, hier weiter zu unterstützen. Aus unserer Sicht trotz der schwierigen Zeiten nicht nur mit einem gleichbleibenden Etat, sondern potentiell auch mit einem steigenden Etat. Wir hatten 2024 doppelt so viele Anträge wie 2019.
Die Wertschätzung der Branche war Ihnen am Anfang enorm wichtig. Angefangen haben Sie als Geschäftsführerin in Corona mit Spaziergängen zu zweit, um hier die Leute und sich selbst bekannt zu machen. Welche Strukturen haben Sie heute, um in engem Kontakt mit der Branche zu bleiben?
Wenn jemand spazieren gehen möchte, um zu sprechen, halte ich das immer noch für ein gutes Format. Ich bin erst neulich wieder danach gefragt worden. Für uns ist zentral: Wir sind keine der ganz großen Förderungen. Das, was wir leisten können, ist, nahbar zu sein. Wir haben nach dem inhaltlichen Strategieprozess auch die Corporate Identity geändert, immer unter der Maßgabe: Wie sind wir gut zu finden und erreichbar? Als ich kam, war mir natürlich wichtig, dass die Branche mich kennenlernt. Allein, weil ich als Jury-Vorsitzende Entscheidungen fälle, die alle betreffen. Es geht aber um das gesamte Team. Alle gehen viel an Hochschulen, zu Festivals und so weiter. Einmal in der Woche tragen wir gemeinsam zusammen, was wir aus der Branche gehört haben. Einmal im Monat haben wir einen festen Call mit Branchenvertretern. Das ist aus der Corona-Zeit geblieben und hilft uns, im Austausch zu bleiben.
Die neue Frankfurter Stadtregierung will den Filmstandort fördern. Wie nehmen Sie das auf?
Gut natürlich. Wir wünschen uns noch viel mehr Dreharbeiten, in ganz Hessen. Aber Frankfurt ist die Metropole, in der es viele filmisch unentdeckte und spannende Ecken gibt. Wir haben große Lust darauf, Dreharbeiten mit der Stadt Frankfurt noch unkomplizierter zu gestalten. Da gibt es ganz viel Potential.
Stichwort Potential: Sie sind ja mittlerweile bekannt in der Szene und seit sechs Jahren Geschäftsführerin. Muss Hessen Film und Medien befürchten, dass Sie demnächst abwandern?
Es klingt vielleicht ein bisschen pathetisch, aber ich finde, ich habe den schönsten Job der Welt.