Wirkung von Koffeinshampoo nicht belegt
Haarausfall
Koffein in Shampoos soll das Haarwachstum fördern und somit gegen Haarausfall wirken: Diesem Versprechen einschlägiger Produkte fehlt die wissenschaftliche Evidenz, wie die Medizinerin Jana Meixner vom Rechercheprojekt „Medizin transparent“ in einem Gastbeitrag schreibt.
Online seit heute, 6.00 Uhr
Haarausfall ist keine Krankheit. Und trotzdem will ihn keiner haben. Besonders Männer leiden oftmals unter Glatzenbildung und schütter werdendem Haar, manche schon in jungen Jahren. Aber auch Frauen sind betroffen. Anbieter von Haarpflegeprodukten wissen um das Problem und bieten schon lange eine vermeintliche Lösung an: Koffein.
Über die Autorin
Jana Meixner ist ausgebildete Medizinerin und Biologin. Derzeit ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin und Redaktionsleiterin am Department für Evidenzbasierte Medizin und Evaluation an der Universität für Weiterbildung Krems beim Projekt „Medizin transparent“.
In Shampoos, Spülungen und Tonics soll es die Haarwurzeln munter machen und das Wachstum anregen – Morgenkaffee für die Haare quasi. So lautet zumindest die recht einleuchtend klingende Theorie. Wie die Studienlage dazu aussieht, hat sich das Team des wissenschaftlichen Faktencheck-Projekts „Medizin transparent“ angeschaut.
Wirkung im Labor bestätigt
Die Theorie vom Koffeinkick für die Haare kommt nicht von ungefähr: Im Labor beobachteten Forscherinnen und Forscher, dass aus Haarfollikeln schneller Haare sprießen, wenn sie in einer Koffein-Lösung liegen. Das ist zwar interessant – aber lange noch kein Beweis dafür, dass das mit einmal täglich Koffeinshampoo ebenso funktioniert. Um das herauszufinden, braucht es Studien mit Menschen, die genau das untersuchen.
Die gibt es auch. In insgesamt neun sogenannten randomisiert-kontrollierten Studien wurden Männer und Frauen mit Haarausfall einer von zwei Gruppen zugelost. Eine Gruppe verwendete nun regelmäßig Haarpflegeprodukte mit Koffein, die andere Gruppe verwendete Placeboprodukte ohne Koffein. Am Ende untersuchten die Forschenden, welche Gruppe im Schnitt mehr Haare am Kopf hatte.
Nicht nur widersprüchlich, sondern auch mangelhaft
Schlau wird man aus diesen Studien aber nicht: In manchen hatte das Shampoo keinen Effekt, in anderen wurde dank Koffein von mehr Haaren am Kopf berichtet. Doch selbst wenn die Studien eindeutige Ergebnisse liefern würden, wäre diesen nicht zu trauen.
Einerseits, weil beim Zählen der Haare sehr unterschiedlich und oft nach dem Prinzip Daumen-mal-Pi vorgegangen wurde. In einem Großteil der Studien wurden nicht alle Ergebnisse vollständig berichtet, in zwei waren die errechneten Ergebnisse mathematisch gar nicht möglich. In manchen Studien wussten außerdem Teilnehmende und Forschende, wer das Koffeinshampoo verwendet hatte und wer das Scheinmittel. Die Erwartung eines Effekts kann Haare schon einmal dichter erscheinen lassen, als sie eigentlich sind – Stichwort Placeboeffekt.
Zu guter Letzt ist da auch noch die Frage der Objektivität: Hinter sämtlichen Studien zu Koffeinshampoos stehen nämlich Herstellerfirmen von ebensolchen Produkten. Diese haben natürlich Interesse daran, den angeblichen Nutzen ihrer Shampoos, Spülungen und Tonics zu zeigen. Das kann zu geschönten Ergebnissen führen, oder dazu, dass Studien mit negativen Ergebnissen nie veröffentlicht werden.
Wichtige Rolle von Testosteron
Haarausfall kann unterschiedliche Ursachen haben. Zumindest bei Männern liegt es jedoch meistens an einer Form des männlichen Geschlechtshormons Testosteron, dem sogenannten Dihydrotestosteron. Wenn Männer die Veranlagung dazu geerbt haben, bewirkt Dihydrotestosteron ein Schrumpfen der Haarfollikel in der Kopfhaut. Die Folge: Das Haar wird dünner und fällt aus.
Hier soll Koffein helfen: Es hemmt die Bildung von Dihydrotestosteron und schützt die Haarfollikel vor dem Hormon – zumindest in der Petrischale. Ob diese im Labor beobachtete Wirkung ausreicht, um Haarausfall zu bekämpfen, ist aber unklar.
Obwohl auch Frauen eine gewisse Menge Dihydrotestosteron im Körper haben, sind bei ihnen die Ursachen für Haarausfall weniger gut erforscht. Zum Beispiel ist nicht geklärt, in welchem Ausmaß Hormone und Vererbung am schütter werdenden Haar beteiligt sind. Damit ist auch in der Theorie vollkommen unklar, ob Koffeinshampoos bei Frauen etwas bewirken könnten. Fazit: Die Wirksamkeit von Koffein-Haarprodukten ist nicht belegt. Unerwünschte Effekte sind jedoch auch eher nicht zu erwarten – zumindest laut den verfügbaren Studien.
Was nachweislich wirkt
Haarausfall, der aus einer Mischung aus Hormonen, Alter und genetischer Veranlagung entsteht, heißt in der Fachsprache androgenetische Alopezie. Es gibt Medikamente dagegen, die nachweislich wirken. Zum Beispiel Minoxidil, das bei Männern und Frauen gleichermaßen wirkt, wobei noch nicht geklärt ist, über welchen Mechanismus. Das Mittel gibt es zum Schlucken und zum Auftragen auf die Kopfhaut. Nebenwirkungen sind Anschwellen der Beine und vermehrtes Haarwachstum an anderen Körperstellen.
Gut erforscht ist der Wirkmechanismus von Finasterid. Es hemmt den Effekt von Testosteron auf die Haarfollikel. Als Medikament zum Schlucken kann es bei Männern allerdings die Potenz und sexuelle Lust beeinträchtigen. Bei Frauen dürfte Finasterid unwirksam sein.
Neben der androgenetischen Alopezie gibt es auch noch den Haarausfall durch Medikamente, wie zum Beispiel in einer Chemotherapie. Oder Haarausfall, der entsteht, wenn das Immunsystem die eigenen Haarfollikel angreift und zerstört. In diesem Fall spricht man von sogenanntem kreisrundem Haarausfall oder Alopecia areata. Die Therapie der Wahl sind hier zum Beispiel Immunsystem-dämpfende Kortikosteroide, wie etwa Cortison. Es kann helfen, Entzündungen zu hemmen und schwächt Reaktionen des Immunsystems ab.