«Unser Finanzplatz ist nicht automatisch der beste», sagt der EFG-Chef

«Wir dürfen als Finanzplatz nicht davon ausgehen, dass unser Spitzenplatz gesichert ist», sagt der Chef der Privatbank EFG

Der CEO Giorgio Pradelli hat mit EFG mehr Neugeld angezogen als prognostiziert. Doch der künftige Präsident der Bankiervereinigung warnt vor Selbstzufriedenheit. Die Schweiz brauche den Marktzugang zur EU.

22.07.2026, 18.24 Uhr

4 Leseminuten


Die Privatbank EFG wächst stark in Asien.

Die Privatbank EFG wächst stark in Asien.

Gaëtan Bally / Keystone

Schweizer Privatbanken stehen für Sicherheit und Stabilität. Dieses Versprechen hatte lange Bestand. Reiche Kunden aus dem Ausland brachten ihr Geld in die Schweiz, grenzüberschreitende Bankdienstleistungen wurden zur Königsdisziplin des Finanzplatzes.

Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen

NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.

Bitte passen Sie die Einstellungen an.

Der Spitzenplatz der Schweizer Banken wird jedoch zunehmend infrage gestellt. Das Bankkundengeheimnis ist schon länger Geschichte, die Digitalisierung macht Dienstleistungen in der Vermögensverwaltung zunehmend austauschbar.

Aufgeschreckt hat die Finanzbranche kürzlich eine Studie der Boston Consulting Group (BCG), die im Mai erschienen ist. Sie geht davon aus, dass Hongkong die Schweiz bis 2030 als Standort für das Offshore-Banking überholt haben wird.

Vermögen sind stärker mobil

Den CEO der Privatbank EFG, Giorgio Pradelli, beunruhigt diese Entwicklung nicht. «Traditionell wollten Unternehmer und wohlhabende Familien ihr Vermögen in erster Linie nach Assetklassen diversifizieren», sagt Pradelli im Gespräch mit der NZZ. Heute komme angesichts der geopolitischen Unsicherheiten eine geografische Dimension dazu. Vermögen werden vermehrt regional auf verschiedenen Finanzplätzen diversifiziert.

Giorgio Pradelli, CEO von EFG.

Giorgio Pradelli, CEO von EFG.

Keystone

EFG beobachtet schon seit einigen Jahren, dass Kundengelder mobiler werden. Die unterschiedliche Dynamik beim Wachstum zeigt sich auch im Halbjahresabschluss, den EFG am Mittwoch veröffentlicht hat. Die Privatbank ist im ersten Halbjahr 2026 in Asien beim Neugeld deutlich stärker gewachsen als in der Schweiz.

Von den 5,7 Milliarden Franken, welche die Privatbank seit Jahresbeginn eingesammelt hat, entfallen 2,2 Milliarden auf Asien. Aus der Schweiz stammt dagegen lediglich 1 Milliarde Franken. Aufs Jahr gerechnet liegt das Wachstum bei 6,2 Prozent und damit über dem selbstgesteckten Ziel der Bank von 4 bis 6 Prozent.

Solange sie dieses erreicht, dürfte es für die Privatbank allerdings weniger wichtig sein, wie stark sie in den einzelnen Regionen wächst. Zumal es für sie schwierig werden könnte, auf ihrem Heimmarkt Schweiz ähnlich viel Neugeld einzusammeln wie in Asien, da sie hier bereits einen höheren Anteil hat.

In Asien boomt primär Hongkong. Der Finanzplatz profitiert vom starken Vermögenswachstum in Festlandchina. Hongkong lässt sich allerdings nur bedingt mit der Schweiz vergleichen. Bringen chinesische Kunden ihr Vermögen nach Hongkong, gelten sie als Offshore-Kunden, obwohl die frühere britische Kolonie seit bald dreissig Jahren zu China gehört. In der Schweiz zählen Einheimische hingegen als Onshore-Kunden.

Die Schweiz ist kein einfacher Markt

Für die Schweizer Privatbanken hat ihr Heimmarkt eine hohe Priorität. Julius Bär etwa hat seit dem Wechsel an der Bankspitze Anfang 2025 verstärkt in den Ausbau des Schweiz-Geschäfts investiert. So dürfte auch ein Teil der fünfzig Kundenberater, die Julius Bär im ersten Halbjahr eingestellt hat, in der Schweiz arbeiten. Wie viele es genau sind, gibt die Privatbank auf Anfrage nicht bekannt.

Für Julius Bär dürften sich die Investitionen gelohnt haben. Anders als EFG schlüsselt Bär die Neugeldzuflüsse nicht nach den einzelnen Regionen auf. In der Mitteilung von Anfang Woche zum Halbjahresabschluss schreibt Bär, dass alle Regionen zum Wachstum beigetragen hätten, «mit besonders starken Beiträgen von Western Markets, einschliesslich der Schweiz» – vor einem Jahr fehlte die Schweiz in der Aufzählung noch.

Die Schweiz ist für Privatbanken allerdings kein einfacher Markt. Für Branchenkenner hat das mit der unterschiedlichen Verteilung der Vermögen zu tun. Die reichen Kunden in Asien sind oftmals selbst oder erst vor einer Generation zu Reichtum gekommen. Sie sind viel eher bereit, ihr Geld zu einer anderen Bank oder in eine andere Jurisdiktion zu bringen.

In der Schweiz besitzen die Kunden von Privatbanken dagegen oft Beteiligungen an Unternehmen oder verfügen über familiäre Verbindungen, die mehrere Generationen zurückreichen. Bis sich hier etwas ändert, dauert es viel länger.

Vorteile in Zukunft sichern

Die Konkurrenz zwischen den Finanzplätzen ist in den vergangenen Jahren härter geworden. «Wir dürfen nicht davon ausgehen, dass unser Spitzenplatz gesichert ist», sagt Pradelli. Die Finanzplatzteilnehmer müssten sich deshalb für Konkurrenzfähigkeit einsetzen. Wichtig ist für den EFG-Chef beispielsweise, dass die Schweiz beim Thema Marktzugang zur EU eine Lösung findet. Mit solchen Themen wird sich Pradelli künftig vermehrt befassen. Im September wird er Präsident der Bankiervereinigung.

Ein Anliegen ist Pradelli daher auch, dass die Schweiz attraktiv für Arbeitskräfte in der Finanzbranche bleibt. «Bei EFG sind wir zu einer beliebten Adresse geworden», sagt er. Vor fünf Jahren hätten nicht alle Kundenberater von Grossbanken ein Bewerbungsgespräch mit der EFG geführt. Damals war die Bank zu klein und hatte nach der Übernahme der Bank BSI mit Altlasten zu kämpfen.

Mittlerweile hat sich dies aber geändert. EFG hat sich mit starken Wachstumszahlen in die erste Liga der Schweizer Privatbanken hochgearbeitet. Der Erfolg zeigt sich bei den Neuanstellungen. Laut Pradelli wechseln mittlerweile sogar Teams von amerikanischen Grossbanken zur früheren Schweizer Aufsteigerbank.

Passend zum Artikel

Die Schweiz verliert ihre führende Stellung im grenzüberschreitenden Vermögensgeschäft an Hongkong. Dennoch profitiert der Schweizer Finanzplatz derzeit von neuen Zuflüssen aus Krisenregionen.

Die Privatbank EFG hofft auf eine Konsolidierung des Schweizer Bankensektors und kauft in der Westschweiz zu.

Nach einer weiteren Wertberichtigung steht der Vermögensverwalter Julius Bär unter Druck. Kleinere, erfolgreichere Konkurrenten profitieren davon.