Fake-Videos auf Social Media: Wie die Landtagswahlen in Deutschland ins Visier geraten

Wie russische Desinformation die kommenden Wahlen in Deutschland ins Visier nimmt

Wenige Wochen vor den Wahlen in vier deutschen Bundesländern werden die sozialen Netzwerke mit gefälschten Videos geflutet. Gesteuert wird das mutmasslich aus Russland. Wie gehen die Macher vor – und wie erfolgreich ist die Kampagne?

25.07.2026, 05.30 Uhr

4 Leseminuten


Seit vier Wochen werden in sozialen Netzwerken gezielt Falschbehauptungen über deutsche Politiker verbreitet: Ihnen wird unterstellt, sie wollten die Berliner Mauer wieder aufbauen, hätten Deepfake-Pornografie über politische Gegner verbreitet oder seien in Korruptionsaffären verwickelt.

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Die Vorwürfe sind erfunden und Teil einer gross angelegten Desinformationskampagne, deren Spur nach Russland führt. Aufgedeckt wurde sie von Aktivisten des anonymen Rechercheprojekts Antibot4Navalny, das seit Jahren mutmassliche Einflussoperationen dokumentiert.

Seit Ende Juni bringen die Urheber der Kampagne täglich neue gefälschte Kurzvideos und Titelseiten in Umlauf. Sie imitieren das Design etablierter Medienhäuser, um den Eindruck seriöser Berichterstattung zu erwecken.

Neue Zahlen zeigen das Ausmass der Kampagne: Seit dem 24. Juni haben die Aktivisten von Antibot4Navalny 135 gefälschte Kurzvideos und 18 manipulierte Titelseiten identifiziert. Die meisten Videos wurden über X verbreitet, doch auch Bluesky und Tiktok sind betroffen. Die NZZ erhielt Zugang zum Datensatz und hat die dokumentierten Beiträge stichprobenartig verifiziert.

Wer hinter der Kampagne steckt

Die Kampagne richtet sich gegen vier Wahlen in deutschen Bundesländern, die im September stattfinden werden: die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern, die Kommunalwahlen in Niedersachsen und die Wahl zum Abgeordnetenhaus in Berlin.

Besonders brisant ist die Ausgangslage in Sachsen-Anhalt. Die Alternative für Deutschland (AfD) hat dort erstmals eine realistische Chance, den Ministerpräsidenten zu stellen. Im NZZ-Wahltrend liegt sie bei 41 Prozent. Das könnte für die absolute Mehrheit reichen, weil vier Parteien an der Fünf-Prozent-Hürde zu scheitern drohen. Doch selbst wenn die AfD die absolute Mehrheit verpasst, könnte die Regierungsbildung schwierig werden: Die bislang regierende CDU von Ministerpräsident Sven Schulze müsste für eine eigene Mehrheit womöglich ihr bisheriges Kooperationsverbot mit der Linken aufgeben.

Beide Szenarien würden die politische Statik des Landes erschüttern, in dem die politische Mitte in den vergangenen Jahren ohnehin massiv geschrumpft ist. Das macht die Wahlen auch für ausländische Einflussakteure interessant.

Nach Einschätzung der Aktivisten von Antibot4Navalny steckt hinter der derzeitigen Kampagne das kremlfreundliche Matrjoschka-Netzwerk. Dafür sprechen aus ihrer Sicht dieselben Muster und Mechanismen wie bei früheren Operationen, die dem Netzwerk zugeschrieben werden.

Die französische staatliche Agentur Viginum konnte für eine Matrjoschka-Kampagne mit Frankreich-Bezug nachweisen, dass die Inhalte zuerst über russischsprachige Telegram-Accounts verbreitet wurden. Eine direkte Verbindung zum Kreml konnte bisher allerdings nicht zweifelsfrei belegt werden.

Die Aktivisten von Antibot4Navalny beobachten Matrjoschka-Kampagnen seit zweieinhalb Jahren. Sie sagen: «Das ist ihre erste Kampagne dieser Grössenordnung, die auf regionale Wahlen in einem Land ausgerichtet ist.»

So funktioniert die Kampagne

Wie die Kampagne funktioniert, zeigt ein gefälschtes Kurzvideo, das am Nachmittag des 10. Juli auf X veröffentlicht wurde. Zu sehen ist Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Sven Schulze. Dazu wird behauptet, er wolle den Bau einer neuen Berliner Mauer finanzieren.

Links oben im Video ist das Signet der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» (FAZ) eingeblendet. So wird suggeriert, dass eine etablierte Medienmarke hinter dem Inhalt steht. In anderen Fällen verwendeten die Urheber die Logos der «Zeit», der «Bild»-Zeitung oder der «Tagesschau». In keinem der Fälle stammt das Video tatsächlich von den genannten Medienhäusern.

Im Vergleich zu früheren Kampagnen haben die Urheber auch die Nutzerkonten aufwendiger vorbereitet, über die sich die Fälschungen verbreiten. Früher stammten die Beiträge meist von neu erstellten Accounts ohne Follower oder bereits veröffentlichte Beiträge. Nun kommen teilweise jahrealte Konten zum Einsatz, die nach längerer Inaktivität wiedererweckt wurden. Das lässt die Beiträge auf den ersten Blick glaubwürdiger erscheinen.

An entscheidender Stelle ist die Fälschung allerdings erstaunlich schlecht gemacht: Die eingeblendeten Texte aller Videos im Datensatz sind auf Englisch verfasst.

Seit Veröffentlichung wurde der Beitrag über Sven Schulze auf X angeblich über 110 000-mal angesehen. Solche hohen Zahlen sind untypisch, wenn es wie in diesem Fall keine Kommentare oder Weiterverbreitungen gibt. Den Antibot4Navalny-Aktivisten liegen Belege vor, dass diese Zahlen von Bots künstlich aufgebläht werden und weit von der tatsächlichen Reichweite entfernt sind. Viele Fake-Posts haben auf X zudem eine auffällig ähnliche Zahl an Views.

In mehreren Fällen fanden sich zudem massenhaft automatisiert wirkende Kommentare, die mit dem Inhalt nichts zu tun haben: «Toller Look», schreibt da jemand, andere kommentieren: «Du siehst immer süss aus», «So schön!», «High Five». Interaktionen mit solchen Posts sollen ihre Reichweite fördern.

Was will die Kampagne erreichen?

Der Datensatz an gefälschten Videos und Titelseiten ist einen Monat nach Beginn der Kampagne gross genug, um Muster zu erkennen: Diskreditiert werden sollen Politiker von CDU, SPD, Grünen, Linken und FDP. Kein einziges Video im Datensatz befasst sich hingegen mit Vertretern von AfD und dem Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW). Auch das deutet auf eine russisch gesteuerte Kampagne hin, denn diese Parteien sind Wladimir Putin in Deutschland am freundlichsten gesinnt.

Ein Teil der Videos und Schlagzeilen arbeitet sich nicht an einzelnen Politikern ab, sondern versucht, eine Ost-West-Spaltung zu befeuern: In Westdeutschland vermieteten Vermieter angeblich lieber an Ausländer als an Ostdeutsche, Kinder aus Ostdeutschland würden in Schulen im Westen gemobbt. Über 82 Prozent der jungen Deutschen unter 30 Jahren wollten die DDR zurück. Wie bei solchen Kampagnen üblich, ist es eine Mischung aus grotesken Falschbehauptungen und tatsächlichen Missständen, die als Hebel genutzt werden.

Bei den Matrjoschka-Kampagnen besteht der Verdacht, dass nicht nur die Reichweite in den sozialen Netzwerken und die Beeinflussung von Wählern die Ziele sind, sondern auch westliche Medien und Faktencheck-Organisationen.

Das zeigt ein Detail, das im Text über dem Video zu Sven Schulze zu sehen ist. Hier werden prominente Medienhäuser mit Verlinkungen aktiv auf die Desinformation aufmerksam gemacht. Redaktionen wurden Links zu Beiträgen auch schon direkt per E-Mail zugeschickt, mit der Aufforderung, doch bitte einen Faktencheck durchzuführen. Dahinter könnte der Gedanke stecken, Journalisten zu beschäftigen oder Medienpräsenz zu erlangen. Alarmistische Artikel können ebenfalls im Interesse der Hintermänner sein.

Welche Reichweite die Kampagne auch jenseits der sozialen Netzwerke erreicht, lässt sich dagegen unmöglich beurteilen. Ebenso wenig, wie viele Betrachter die Inhalte für authentisch halten.

Bei mindestens einem betroffenen Politiker erscheint der Link zu einem gefälschten Post bei einer Google-Suche weit oben. Die Videos könnten so auf einfache Weise potenzielle Wähler erreichen, die mehr über die Kandidaten aus ihrem Wahlkreis erfahren wollen. Viel spricht aber dafür, dass die Kampagne insgesamt bisher nur wenige Personen erreicht hat. Ein Grossteil der Posts aus den ersten Wochen wurde von den Plattformen bereits gelöscht.

1 Kommentar

Andrea Alexandra Dörner

vor 1 Stunde

1 Empfehlung

Das ist schon amüsant. Die AFD kommt laut Umfrage auf 41 % in Sachen-Anhalt und wird, wie einem weiteren NZZ Beitrag zu lesen, in Niedersachen mit fragwürdigen Methoden von Wahlen ausgeschlossen. Zudem kennen die Menschen, die Preise für Güter des täglichen Bedarfs, Energie, die finanzielle Unmöglichkeit oder faktische Enteignung aufgrund energetischer Sanierung von Wohneigentum zur Rettung des Weltklimas, der Verlust von zig hunderttausenden von Arbeitsplätzen, sowie den Zustand des gescholtenen Stadtbilds .... Glaubt wirklich jemand, Russlands fake news hätten irgendeinen Einfluss. Die kulturelle und ökonomische Demontage D haben dt. Eliten ganz ohne Russlands oder sonst wem geschafft.

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