Eine Sprache für Intimität: Wie beim Film körperliche Nähe choreografiert wird

Zwei jugendliche Schauspieler proben zusammen.

AUDIO: Küsse und Kämpfe: Wie beim Film körperliche Nähe choreografiert wird (3 Min)

Beruf "Intimitätskoordinatorin"

Stand: 22.07.2026 06:38 Uhr

Intimität kann man choreografieren – Heike Thiem tut es jeden Tag. Sie ist Intimitätskoordinatorin am Filmset der MDR-Jugendserie "Schloss Einstein" und hilft Produktion und Schauspielern bei den Szenen, die körperliche Nähe erfordern. Ihren Beruf gibt es in Deutschland erst ein paar Jahre – die ersten deutschen Intimitätskoordinatorinnen wurden in Deutschland gewissermaßen als Antwort auf die MeToo-Bewegung ausgebildet. Was das beim Film verändert hat.

von Elisabeth Winkler, Manuel Mehlhorn, MDR AKTUELL

"Jeder für sich, spürt in euch hinein: Wo ist das für mich okay, wo überhaupt nicht." Körpercheck am Filmset von "Schloss Einstein". Die beiden jugendlichen Schauspieler Jonas und Amanda sollen für Szenen mit körperlicher Nähe zeigen, wo es für sie okay ist, berührt zu werden – und wo nicht. Angeleitet werden sie dabei von Intimitätskoordinatorin Heike Thiem.

Ich versuche, einen geschützten Raum zu schaffen. Heike Thiem

Die Frau mit den blonden Locken und dem freundlichen Lächeln ist dafür da, zusammen mit den Darstellerinnen intime Szenen zu choreografieren. Dabei kann es um den ersten Kuss gehen oder das erste Händchenhalten – aber auch um andere körperliche Szenen: Schubsen oder Prügeleien zum Beispiel. Thiem gibt dabei künstlerischen Input, sie hilft den Schauspielern aber auch ihre Grenzen zu erkennen und zu kommunizieren. "Ich versuche, einen geschützten Raum zu schaffen, in dem wir die Szene choreografieren, um den Schauspielern ein Gerüst zu geben, mit dem sie dann ans Set gehen."

Intimitätskoordinatorinnen sind eine Antwort auf #Metoo

Intimitätskoordinatorinnen gibt es in Deutschland erst seit einigen Jahren. Sie sind eine Antwort auf die #Metoo-Debatte, die den strukturellen Machtmissbrauch in der Filmbranche in den Fokus der Öffentlichkeit rückte. Die bekannt gewordenen Taten von Weinstein, Wedel & Co. zeigten ein System von Grenzüberschreitungen und Gewalt an Filmsets.

Eine Frau mit blonden Haaren, im Hintergrund Natur.

Heike Thiem hat vor drei Jahren die Weiterbildung zur Intimitätskoordinatorin gemacht.

Thiem sagte, jedem sei klar gewesen, dass etwas passieren müsse. Intimitätskoordinatorinnen sorgten nun für mehr Klarheit und System: "Wir hatten bis dahin kein Handwerkszeug, keine Sprache dafür. Und jetzt hat man Tools wie beim Tanz. Es gibt Verabredungen, die man einhält.“ Nach ihrer Einschätzung legen Filmproduzenten immer mehr Wert darauf, Intimitätskoordinatorinnen zu verpflichten.

Input von Intimitätskoordinatorinnen an Filmsets nicht immer willkommen

Für Dr. Julia Effertz, Schauspielerin und Deutschlands erste Intimitätskoordinatorin, ist das nicht genug. Sie kritisiert, dass der Beruf in Deutschland nicht standardisiert und strukturell verankert ist. "Es wird sehr oft gewollt auf dem Papier. Aber wenn man dann sagt, was faktisch in der Arbeit gemacht werden muss, das wird ungerne in voller Konsequenz umgesetzt." Besonders auf Seiten der Regie gebe es noch viele Vorbehalte.

Ich war das Häkchen, was man setzt. Julia Effertz
Eine Frau mit blonden Haaren steht am Geländer einer Brücke, im Hintergrund ein Fluss.

Dr. Julia Effertz hat 2019 die Ausbildung zur Intimitätskoordinatorin gemacht.

Effertz, die als Intimitätskoordinatorin für Produktionen wie die Netflix-Serie "Die Kaiserin" gearbeitet hat, ist inzwischen wieder hauptsächlich als Schauspielerin tätig. Und sie lehrt Szenische Intimität an den staatlichen Schauspiel- und Filmhochschulen – als künstlerische Praxis, die ihr an Sets oft zu kurz kam. "Ich hatte dort eher eine Schutzfunktion. Ich war das Häkchen, was man setzt." Künstlerischer Input zur Darstellung von Intimität sei von ihr oft nicht gewollt gewesen. In Großbritannien, wo die BBC die Position der Intimitätskoordinatorin verpflichtend gemacht habe, sei das anders: "Bei britschen oder US-Produktionen muss ich meine Position nicht erklären und ich muss auch nicht darum kämpfen, dass ich kreativ eingebunden werde."

Dennoch sagt auch Effertz, das Bewusstsein für Machthierarchien am Set und respektvolles Arbeiten sei in den letzten Jahren in jedem Fall gestiegen. "Von der Produktionsallianz gibt es den "Respekt Code Film", den auch viele Produktionsfirmen unterschrieben haben." Dieser sei zwar nicht rechtlich bindend, aber zumindest eine Selbstverpflichtung.

Sexuelle Belästigung ist ein Dauerbrenner

Dieses Interesse an sich zu arbeiten, beobachtet auch Maren Lansink von Themis, der Vertrauensstelle für Betroffene sexualisierter Gewalt in der Kultur- und Medienbranche. "Wir beraten ja auch Arbeitgeberinnen dazu, wie sie eben eine Beschwerdestelle aufbauen oder wie sie durch vernünftige präventiv ein gutes Umfeld schaffen können – und da sehe ich ein hohes Interesse." Der Bedarf sei so hoch, dass man in den letzten zwei, drei Jahren kaum hinterherkomme.

Eine Frau mit kurzen braunen Haaren, einer runden, blauen Brille und einem blauen Blazer.

Maren Lansink ist Vorständin der Vertrauensstelle Themis.

Lansink betont aber auch, das Thema sexualisierter Gewalt sei ein Dauerbrenner. "Es gibt Unternehmen, die denken, sie haben einen Code of Conduct, der hängt am schwarzen Brett, eine Beschwerdestelle und eine Gleichstellungsbeauftragte und damit ist gut, sexuelle Belästigung ist bei ihnen kein Thema mehr. Wenn wir dann fragen: "Wissen das auch Ihre Beschäftigten?", beginnt das große Stottern." Sie betont, es sei wichtig, dass man das Thema nicht einmal bearbeite und dann in die Versenkung verschiebe.

Schloss Einstein: Coaching gibt jungen Schauspielerinnen Sicherheit

Heike Thiem kann am Set von Schloss Einstein auch ihre künstlerische Perspektive in die Choreografierung intimer Szenen einbringen. Sie erarbeitet mit Jonas und Amanda wie ein erstes Händchenhalten zwischen den Rollen der Beiden aussehen könnte. "Du berührst mit der Qualität Feder, zählst eins, zwei, drei und dann greifst du bei vier die Hand." Klare – fast technische – Anweisungen für das Darstellen menschlicher Nähe.

Ein Junge und ein Mädchen schauen sich an. Im Hintergrund sind Bäume.

Jonas Seeger und Amanda Liebig Pacheco spielen bei Schloss Einstein die Rollen von Luis und Toni.

Nervöses Lachen, schnelle Bewegungen – man sieht beiden Schauspielerinnen an, dass sie sich auch in das Coaching erstmal einfühlen müssen. Amanda erklärt, wie unsicher sie beim Besprechen solcher Szenen anfangs gewesen sei: "Ich war sehr nervös – weil ich Jonas noch nicht kannte. Aber mit der Zeit hat es sich gelegt – und jetzt hat man so eine Sicherheit, wenn man beim Intimcoaching ist." Sie sagt, eines der wichtigsten Werkzeuge, die ihr die Intimkoordinatorin an die Hand gegeben habe, sei das klare Ziehen von Grenzen.

Auch Jonas ist sich sicher, dass die Arbeit ohne Thiem anders wäre: "Ich denke, auf jeden Fall würde es nicht so reibungslos ablaufen und nicht so gezielt." Die klaren Anweisungen bedeuteten für ihn Sicherheit.