Welche Aktien profitieren, wenn die Tech-Giganten sich irren? | cash
Invest
Wer profitiert, wenn sich die Tech-Giganten irren? Hier die möglichen Gewinner
Der KI-Boom basiert auf drei Prämissen. Doch was geschieht, wenn alle drei Annahmen falsch sind? Die Aktienkursgewinne von einzelnen Schweizer Aktien geben Hinweise.
14.07.2026 18:00
Von Luca Niederkofler

Nvidia CEO Jensen Huang bei einer Keynote-Rede in Las Vegas, USA (2025).
Quelle: imago/Sipa USADer KI-Boom basiert auf drei Prämissen: «Bigger is Better», dem sogenannten «Fehlschluss von den Teilen auf das Ganze», und: «The Winner Takes It All». Was aber, wenn alle drei Annahmen komplett falsch sind? Von diesem Risiko gehen heute nur die wenigsten aus. Aber das Risiko ist da. Doch der Reihe nach.
Der «Fehlschluss von den Teilen auf das Ganze» beschreibt die Annahme, dass eine Strategie, die einem Unternehmen nützt, automatisch auch für andere Unternehmen derselben Branche erfolgreich sein muss. Nicht ohne Grund sind die Aktienkurse der grossen Technologiekonzerne oft im Gleichschritt gestiegen, nachdem sie ihre Investitionen in Datenzentren und KI-Infrastruktur gleichzeitig massiv ausgeweitet hatten.
Dass sie das machen, kommt von der zweiten Annahme: «The Winner Takes it All». Dabei gehen die Führungen dieser Unternehmen davon aus, dass es nur einen geben kann, der das Feld dominieren kann. Sie befinden sich deshalb in einem Rüstungswettlauf mit den Peers. Diese beiden Punkte haben sich historisch betrachtet allerdings als Irrglaube entpuppt. Mehr noch: Beide Vorstellungen widersprechen sich.
Am überzeugendsten schien aber bislang die dritte Prämisse: «Bigger is Better». Wer über die grösste Rechenleistung verfügte, konnte die leistungsfähigsten Large Language Models (LLM) trainieren und betreiben. Das verschaffte den Marktführern einen deutlichen Wettbewerbsvorteil. ChatGPT ist das prominenteste Beispiel dafür.
Doch inzwischen mehren sich die Anzeichen für einen technologischen Wendepunkt. Was geschieht, wenn das Gegenteil eintritt? Wenn künftig nicht die grössten und teuersten Modelle die wichtigste Rolle spielen, sondern kleinere, effizientere Alternativen? Genau dieses Szenario erscheint zunehmend plausibel - und es wird an den Finanzmärkten bisher noch wenig berücksichtigt.
Nicht alle können Marktführer werden
Zurück zum «Fehlschluss von den Teilen auf das Ganze»: Diese Fehlannahme während einer Boomphase erklärt, warum britische Unternehmer in den 1840er-Jahren drei separate Eisenbahnlinien zwischen Liverpool und Leeds bauten oder warum Telekom-Konzerne Ende der 1990er-Jahre fieberhaft Strassen aufrissen, um konkurrierende Glasfaserkabel zu verlegen. Jeder Einzelne ging davon aus, genügend Kunden gewinnen zu können, um die Investitionen zu rechtfertigen.
Die exakt gleiche Dynamik zeichnet sich heute ab: Alphabet, Amazon, Meta, Oracle und Co. investieren hunderte Milliarden Dollar in neue Rechenzentren und die neuesten und teuersten Nvidia-Chips. Meta hat seine Investitionsausgaben für das laufende Geschäftsjahr auf 125 bis 145 Milliarden Dollar erhöht - bei einem Jahresumsatz von rund 200 Milliarden Dollar. Oracle investiert bei einem Umsatz von 67 Milliarden Dollar über 55 Milliarden Dollar und finanziert einen wesentlichen Teil davon über Fremd- und Eigenkapital.
So wie es bei der Eisenbahn, beim Dotcom-Boom oder im Glasfaser-Beispiel unmöglich war, dass es allen gleichzeitig gelingt, eine Marktführerschaft respektive positive Rendite auf ihren Investitionen zu erzielen, wird die Rechnung auch beim aktuellen KI-Rüstungswettlauf für die meisten nicht aufgehen.
Dennoch investieren sie weiter. Denn das Phänomen «The Winner Takes it All» ist für viele Unternehmensleiter hoch attraktiv und überlebensnotwendig gleichzeitig. Während eine Quasi-Monopolstellung der ultimative Machtbeweis für die erfolgsverwöhnten und teilweise von Einzelpersonen kontrollierten Grosskonzerne ist, herrscht der Irrglaube, dass nur ein einzelner «Gewinner» einer Entwicklung langfristig überleben kann.
Kursentwicklung von Alphabet, Meta, Oracle und Apple der vergangenen drei Jahre in Dollar.
Spätestens seit dem Aufstieg Amazons im E-Commerce hat sich diese Denkweise tief im Silicon Valley verankert. Wohlgemerkt ist sie für Amazon nie aufgegangen. Auch über 30 Jahre nach der Gründung erzielt der Online-Koloss die Gewinne hauptsächlich in anderen Geschäftsbereichen wie AWS. Dennoch hat sie mit Apples App-Store-Ökosystem einen zweiten Frühling erlebt. Netzwerkeffekte sollten Kunden dauerhaft an ein Unternehmen binden und so überdurchschnittliche Gewinne ermöglichen. Für einige wenige funktionierte dieses Modell über Jahre hinweg tatsächlich.
Doch technologische Vorteile besitzen selten unbegrenzte Haltbarkeit. So ist das Ökosystem von Apple nun zum Bremsklotz geworden: Seit mehr als zwei Jahren warten Kundinnen und Kunden auf die umfassende Einführung von Apple respektive Siri AI. Einige Analystinnen und Analysten meinen sogar, dass Apple den Anschluss verloren hat. Die UBS wiederum sieht die KI-Features ohnehin als keinen «wesentlichen Treiber» der iPhone-Nachfrage. Seit der erstmaligen Lancierung von ChatGPT im November 2022 schneiden Apple mit einem Kursplus von rund 100 Prozent deutlich hinter Meta oder Alphabet mit 530 respektive 300 Prozent ab.
Die Überlegenheit der kleineren Modelle
Diese beiden Fehlschlüsse haben allerdings einen wichtigen Nebeneffekt: Die grössten und finanzstärksten Unternehmen bündeln enorme Ressourcen auf ein gemeinsames Ziel. Die Fortschritte im Bereich der künstlichen Intelligenz sind damit beispiellos. Dies führt zum letzten Punkt.
Bislang galten LLMs als alternativlos. Ihr Betrieb erfordert riesige Datenzentren mit enormem Energie- und Rechenbedarf. Doch innerhalb von nur zwei Jahren haben Small Language Models (SLM) bemerkenswert aufgeholt - paradoxerweise dank der gewaltigen Investitionen in die KI-Entwicklung.
Die Entwicklung erinnert an frühere Technologiesprünge. Zwischen dem IBM 650, einem über 2,5 Tonnen schweren Grossrechner, und einem modernen Smartphone liegen Welten. Dennoch verfügt heute ein Gerät mit wenigen hundert Gramm Gewicht über ein Vielfaches der damaligen Rechenleistung.
Während die Leistung von SLM vor zwei Jahren in nur 8 Prozent der Fälle diejenigen der LLM überstieg, liegt das Verhältnis nun bei 80 Prozent. Die Entwicklung erscheint intuitiv nachvollziehbar: Die meisten Alltagsanwendungen benötigen keine Spitzenmodelle. Die Überarbeitung einer Präsentation, Bildbearbeitung oder die Ausarbeitung einer Markteinführungsstrategie lassen sich häufig auch mit kleineren, spezialisierten Modellen effizient erledigen.
Das bedeutet nicht, dass die kleineren Sprachmodelle auf ganzer Linie überlegen sind. Bei den schwierigsten logischen Denkaufgaben wie architektonischen oder technischen Meisterleistungen können sie nur in etwa der Hälfte der Fälle mit LLMs mithalten. In vielen alltäglichen Anwendungen tritt jedoch ein anderer Faktor zunehmend in den Vordergrund: die Effizienz.
Die Stanford-Forscher sprechen von der «Intelligenz pro Watt». Diese Kennzahl misst die Leistungsfähigkeit eines Modells im Verhältnis zur verbrauchten Energie. Laut der Studie benötigen SLMs bei vergleichbarer Leistung 50 bis 80 Prozent weniger Energie. Das reduziert nicht nur den Stromverbrauch, sondern senkt auch die Betriebskosten erheblich.
Gerade dieser Punkt könnte einen bisher entscheidenden Engpass der aktuellen KI-Entwicklung lösen. Während Technologiekonzerne heute langfristige Stromlieferverträge abschliessen, um den wachsenden Energiebedarf ihrer Rechenzentren zu decken, könnte sich dieses Problem mittelfristig teilweise von selbst entschärfen. Denn ein Produkt, das in den meisten Fällen genauso gut oder sogar besser abschneidet und dies mit massiv niedrigeren Kosten tut, dürfte auf grössere Beliebtheit stossen.
Die Gewinner und Verlierer
Sollte sich dieser Trend fortsetzen, hätte dies erhebliche Auswirkungen auf zahlreiche Unternehmen. Zu den grössten Verlierern könnten ausgerechnet jene Konzerne zählen, die derzeit am stärksten in den Ausbau von KI-Infrastruktur investieren. Dazu gehören Teile der «Magnificent 7» ebenso wie Unternehmen aus dem Bau- und Infrastrukturbereich, deren Bewertungen zuletzt stark vom Datenzentrumsboom profitiert haben.
Anders sieht es bei den Zulieferern der Chipindustrie aus. Sie könnten zu den grössten Profiteuren gehören, insbesondere Unternehmen, die Anlagen und Komponenten für die Halbleiterproduktion liefern. Schweizer Vertreter wie VAT und Comet erscheinen in diesem Szenario gut positioniert, auch wenn ein Teil dieser Erwartungen bereits in den Kursen eingepreist ist.
Kursentwicklung von VAT und Comet der vergangenen 12 Monate in Franken.
Die Börsen haben bei den potenziellen Verlierern erste Anpassungen bereits vorgenommen. Microsoft, Meta und insbesondere Oracle notieren mittlerweile spürbar unter den Kurs- respektive Bewertungsniveaus ihrer Hochphase im Herbst 2025. Besonders auffällig ist Oracle: Nach einem Bewertungsanstieg auf das 72-fache eines Jahresgewinns im Oktober 2025 liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) inzwischen wieder bei etwa 23.
Demgegenüber zeigen Apple, Amazon und Alphabet bislang vergleichsweise wenig Bewertungsanpassung. Apple notiert mit einem KGV von rund 37 auf einem Fünfjahreshoch, während Alphabet weiterhin nahe den Bewertungsspitzen der vergangenen Monate gehandelt wird.
Tesla und SpaceX haben ihre Bewertungen zuletzt sogar weiter ausgebaut. Bei Tesla liegt dies allerdings vor allem an sinkenden Gewinnen, die das KGV auf ein aussergewöhnlich hohes Niveau steigen liessen. Bei SpaceX beruhen die Bewertungen weitgehend auf optimistischen Wachstumsannahmen.
In der Schweiz haben Unternehmen wie Implenia, Belimo, Centiel, Huber+Suhner und Georg Fischer bisher ebenfalls kaum auf das veränderte Szenario reagiert. Die meisten dieser Titel notieren weiterhin über ihren langfristigen Bewertungsdurchschnitten.
Die eigentlichen Gewinner eines möglichen KI-Massenmarkts dürften jedoch wie erwähnt die Zulieferer der Halbleiterindustrie sein. Bei den Chipherstellern selbst stellt sich die Frage, ob steigende Absatzvolumen einen möglichen Preisrückgang bei den wohl günstigeren «Massenmarkt-Chips» kompensieren können. Für Unternehmen wie Comet oder VAT ist diese Problematik weniger relevant. Sie profitieren vor allem von steigenden Investitionen in die Halbleiterproduktion - unabhängig von der Art der Chipproduktion.
Hier zeigt sich allerdings: Der Markt scheint sich bereits auf die neue technologische Richtung einzustellen und hat hier am sichtbarsten reagiert. Comet handeln zu einem KGV in Rekordhöhe von 227, VAT bei 92. Noch im September 2025 lag die Bewertung und der Kurs bis zu dreimal tiefer.
Unter Berücksichtigung der erwarteten Gewinnsteigerungen erscheinen die Bewertungen zwar viel weniger extrem, bewegen sich aber auf einem erhöhten Niveau. Ähnliches gilt für Nvidia, TSMC und ASML, deren Bewertungen ebenfalls über den langfristigen Durchschnittswerten liegen - wenn auch etwas weniger ausgeprägt. Sollte der Trend zum Massenmarkt tatsächlich eintreffen, so dürften die heutigen Prognosen, insbesondere für VAT und Comet, wie damals vor vier Jahren bei Nvidia aber viel zu tief sein.
Kursentwicklung der vergangenen 12 Monate von Implenia, Belimo und Huber+Suhner in Franken, von Nvidia in Dollar und ASML in Euro.
(Mit Material von Reuters)

Themen per E-mail folgen
Top News
Aktien Schweiz
Aktien USA
Das könnte Sie auch interessieren