Wer folgt auf den sanktioinierten FIDE-Präsidenten Dworkowitsch?
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Vitouchs Schacheck
Wer folgt auf den sanktioinierten FIDE-Präsidenten Dworkowitsch?
Der Russe stellt sein Amt ruhend, Vize-Präsident Anand übernimmt. Für die FIDE-Wahl im September gibt es einen Überraschungskandidaten
Anatol Vitouch
Letzte Woche habe ich an dieser Stelle eine Anekdote über Ex-FIDE-Präsident Kirsan Iljumschinow erzählt. Und diese Woche muss ich den einstigen Regenten der russischen Teilrepublik Kalmückien schon wieder erwähnen – denn Kirsan ist zurück!
Oder zumindest wäre er es gerne: Vor wenigen Tagen verkündete Iljumschinow nämlich völlig überraschend seine Kandidatur für das Amt des FIDE-Präsidenten im kommenden September.
Diese Nachricht ist insofern pikant und auf eine düster-satirische Weise unterhaltsam, als Iljumschinow sein seit 1995 gehaltenes Amt 2018 durch einen Beschluss des FIDE-Ethik-Komitees verlor: Er stand zu diesem Zeitpunkt auf einer US-Sanktionsliste wegen finanzieller Geschäfte mit dem syrischen Diktator Baschar-al Assad.
Zum Nachfolger Iljumschinows wurde damals ein gewisser Arkadi Dworkowitsch gewählt – und richtig geraten: ebendieser Dworkowitsch musste sein Amt soeben wegen gegen ihn verhängter EU-Sanktionen ruhend stellen, Vize-Präsident Anand führt nun bis zur Wahl im Septmber die Geschäfte. Für Iljumschinow ist das offenbar Grund genug, seinen Hut erneut in den Ring zu werfen. Laut Aussendung kandidiert der Kalmückier, weil die FIDE nun erneut "Einheit, starke Führung und eine klare Vision für die Zukunft" brauche. Oder so.
Von Aliens entführt
Iljumschinow unterhielt einst nicht nur Geschäftsbeziehungen mit dem syrischen Schreckensregime, er spielte auch 2011 während des libyschen Bürgerkriegs medienwirksam eine Partie Schach mit Muammar al-Gaddafi. Ob er darüber hinaus mit Jörg Haider persönlich befreundet war, ist nicht überliefert, wundern würde es mich aber nicht.
Was dagegen feststeht: Der Mann, nach dem 1997 der Asteroid (5570) Kirsan benannt wurde (fragen Sie mich bitte nicht, warum), erzählte 2010 in einem TV-Interview, dass er in den 90er-Jahren von Außerirdischen aus seinem Moskauer Apartment entführt worden sei. Er habe mit der fremden Spezies einen interessanten Tag im All verbracht, bevor ihn die Aliens netterweise für einen wichtigen Termin in Kalmückiens Hauptstadt Elista absetzten. Im Zusammenhang mit dieser Geschichte äußerte Iljumschinow den Verdacht, dass auch das Schachspiel von ebensolchen Außerirdischen erfunden worden sei, was sich daraus ableiten lasse, dass es überall auf der Welt nach denselben Regeln gespielt wird. ist doch logisch!
Wenn man jetzt noch weiß, dass die FIDE-Delegierten diesen Mann insgesamt sechs (!) Mal zum Präsidenten des Weltschachbundes gewählt haben, bevor ihm das Ethik-Komitee notgedrungen den Stecker zog, dann kann man sich ungefähr ausmalen, wie FIDE-Wahlen mitunter so ablaufen. Und man wird sich hüten, Iljumschinows neuerliche Kandidatur als aussichtslos abzutun.
Turlov statt Dworkowitsch
Amtsinhaber Dworkowitsch ist für die kommende Wahl dagegen aus dem Rennen – nicht aber sein "running mate" Timur Turlov, der nun kurz vor Fristende seine eigene Kandidatur an Stelle Dworkowitschs bekanntgab. Turlov ist ein aus Russland stammender Kasache, der mit seinen verschiedenen Firmen in den vergangenen Jahren laut eigenen Angaben rund 75 Millionen Euro in den Schachsport investiert hat. Seit Ende letzten Jahres ist Turlovs Firma Freedom24 etwa auch General Partner des Österreichischen Schachbunds.
Im April kaufte Turlovs Freedom Holding Corp. dann auch noch überraschend den Schachsoftware-Hersteller Chessbase, zugleich die wichtigste deutschsprachige Quelle für Schachnachrichten. Schon damals munkelte man am Rande des ebenfalls von Turlov gesponserten Kandidatenturniers in Zypern über dessen Präsidentschaftsambitionen. Nun, nach dem erzwungenen Ausfall Dworkowitschs, könnte es so weit sein.
Eine gmahde Wiesn ist die Sache für Turlov allerdings nicht, sieht er sich doch zwei deutschen Vertretern des Großkapitals gegenüber. Offenbar muss man als FIDE-Präsidentschaftskandidat anno 2026 jedenfalls genug Kleingeld in der Börse haben. Anders lässt es sich kaum erklären, dass mit Jan Henric Buettner und Wadim Rosenstein gleich zwei Deutsche FIDE-Präsidenten werden wollen, die in den Medien als Multimillionäre bezeichnet werden.
Finanziell werden die beiden Timur Turlov allerdings wohl nicht einmal gemeinsam das Wasser reichen können: Die Marktkapitalisierung von dessen Freedom-Holding beträgt kolportierte zehn Milliarden US-Dollar.
Polgár for president
Und was gibt es sonst noch Neues? Ach ja, Judit Polgár wäre letzte Woche fast ungarische Präsidentin geworden! Die stärkste Schachspielerin aller Zeiten lehnte den überraschenden Vorschlag von Premier Péter Magyar allerdings ab, was wohl nicht nur ich ziemlich schade finde.
Aber Moment: Was spricht eigentlich gegen eine Judit Polgár als FIDE-Präsidentin?
Und noch eine Frage: Wie setzte Judits Schwester Zsusza in folgender Stellung den großen Lajos Portisch mit den schwarzen Steinen effektvoll in sechs Zügen matt? (Anatol Vitouch, 26.7.2026)
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