Welche Kleider die Menschen in der griechischen Antike wirklich trugen
Barbusige Frauen
Welche Kleider die Menschen in der griechischen Antike wirklich trugen
Christopher Nolans Odyssee-Verfilmung wird wegen mangelnder Authentizität kritisiert. Über die tatsächliche Kleidung der Zeit Homers – und den Jahrhunderten davor – ist manches bekannt
Reinhard Kleindl
Die historische Korrektheit historischer Filme ist ein beliebtes Streitthema, dem sich auch große Regisseure wie Ridley Scott in der Vergangenheit nicht entziehen konnten. Selten hat die Intensität der Kritik aber ein Ausmaß erreicht wie bei Christopher Nolans Verfilmung der Odyssee, die sich schon vor dem Erscheinen mit unzähligen Kommentaren zur Authentizität konfrontiert sah. Dem Erfolg hat das bisher nicht geschadet: Der Film wird von der Kritik gefeiert und eilt bei den Einnahmen von Rekord zu Rekord.
Ganz vom Tisch ist die Diskussion damit nicht, denn immerhin gilt The Odyssey bereits jetzt als Oscar-Favorit, gerade in Kategorien wie jener des besten Kostümdesigns. Wie es hier um die Authentizität steht, erzählt dem STANDARD die Archäologin Mariella Rose, die an der Universität Graz studiert und sich auf antike Kleidung spezialisiert, wozu sie eine erste wissenschaftliche Publikation vorbereitet. Zum Film gefragt, gibt sie ein tiefes Seufzen von sich, womit ihre Reaktion der anderer Fachleute für die griechische Antike ähnelt.
Vernähte Stoffbahnen
Welches Zeitalter für die Geschichte das Richtige wäre, ist grundsätzlich nicht ganz klar, gibt Rose zu: "Die Geschichte spielt im 12. Jahrhundert vor Christus und Homer lebte angeblich im 8. Jahrhundert." Was zur Zeit Homers getragen wurde, weiß man von Statuen und Vasendarstellungen und in Ausnahmefällen auch von Thronstatuetten. Damals hätten die Menschen in der Regel einen sogenannten Chiton getragen. Im Rahmen von Seminaren werden solche Kleider an der Universität auch nachgenäht. Rose ist zum Interview selbst in einem Chiton erschienen. "Es handelt sich meist um zwei Stoffbahnen, die an den Seiten zusammengenäht wurden. Die Oberkante wurde in regelmäßigen Abständen durch Knöpfe geschlossen und erzeugte dekorative Falten, die sich von Knopf zu Knopf schwangen", erklärt sie. "Die Armlöcher entstanden aus Aussparungen an der oberen Stoffkante des Leinenzylinders."
Der Chiton war aber nicht das einzige gängige Kleidungsstück. "In der Klassik und Archaik gab es den Peplos. Darunter versteht man traditionell meist ein Gewand aus Wolle. Es besteht aus einem rechteckigen Stoff, der um den Körper geschlungen wird, an den Schultern mit Gewandnadeln befestigt wird und seitlich offenbleiben kann. Wenn der Stoff lang genug ist, wird am Halsausschnitt vorn und hinten die Oberkante des Stoffes nach außen gefaltet." Diese Falte nenne man Apoptygma, in griechischer Schreibweise ἀπόπτυγμα.
Weite Kleider
Diese Gewänder waren eher weit, was praktische Gründe hatte. "Die Forschung sagt, dass die Kleidung nicht geschnitten wurde, weil das Verschwendung gewesen wäre", sagt Rose. "Stoffe entlang der Kanten zusammennähen war in Ordnung. Und aus dem Webstuhl kam der Stoff rechteckig heraus."
Wie weit die Kleidung im Einzelfall war, hatte auch mit dem sozialen Status zu tun. "Je weniger reich eine Person ist, desto enger wird die Kleidung, weil Stoff kostbar ist", erläutert die Archäologin. Der Schnitt sei im Wesentlichen derselbe. "Arbeiter haben einen Chiton getragen, der nur knapp über die Knie ging und sehr eng war. Manchmal liegt eine Schulter frei, um mehr Bewegungsfreiheit zu haben." Auch die geringere Stoffmenge helfe bei der Bewegungsfreiheit. "All diese Stoffbahnen sind nicht ganz einfach zu handhaben, man steigt leicht drauf", berichtet Rose. Sie habe die Kleidung auch bei einer einmonatigen Ausgrabungszeit im antiken Ephesos in der Türkei getragen, erzählt sie. Für die Hitze in dieser Region sei es ein tolles Kleidungsstück.
Wenig Authentisches
Die Kleider im Film haben damit allgemein wenig zu tun. Vor allem Penelopes Kleid sei alles andere als authentisch. "Dort ist sehr viel genäht, manches sah aus wie Samt und schillerte." Auf diese Art wirke es wie eine Mischung aus Mittelalter, Renaissance und einem Ballkleid von heute. Authentische Elemente gibt es, jedoch vor allem abseits der Hauptfiguren. Eine Dienerin von Helena etwa trägt ein authentisches Gewand. "Die Priestergewänder versuchen ein wenig, wie ein Chiton auszusehen", sagt Rose, doch auch dort gibt es viele Unterschiede, etwa Ärmel. Hinter den Priestern stünden dann wieder Leute, die ziemlich authentisch aussähen.
An Penelopes Darstellung sei ebenfalls nicht alles falsch. Immerhin: "Der Webstuhl ist authentisch." Das gelte auch für die Tatsache, dass sie selbst webt. Für den Stoff, der im Film im Webstuhl ist, passt das Bild hingegen eher nicht: Der Stoff sei mit den dicken Fäden zu grob. "Es gibt viele antike Darstellungen vom Weben, und dort ist alles viel kleinteiliger", betont Rose.
Die Kostüme der Männer seien nicht realistischer. Männer trugen in der griechischen Antike ebenfalls vielfach Chiton. Vor allem bei Darstellungen von Wagenlenkern sei das sehr üblich. So würde auch eine authentische Darstellung der Krieger aussehen. "Es hätte sich um einen Chiton gehandelt, der bis zum Knie gegangen wäre, dazu noch Beinschienen, Armschienen und ein darübergeworfener Mantel, der an der Seite zugemacht wird", erklärt Rose. Im Film hätten die Kleider etwa Ärmel, das sei unrealistisch. Generell sei in Griechenland die Kleidung überall sehr ähnlich gewesen. "Der Chiton kommt eigentlich aus Ostgriechenland und kam dann nach Athen, wo vorher der Peplos getragen wurde", sagt Rose.
Früher eng anliegend
Es bleibt noch die Frage, ob der Film sich nicht noch stärker an der Vergangenheit vor Homer hätte orientieren können. Die Figuren der Odyssee lebten nicht im klassischen Griechenland, sondern in mykenischer Zeit, die nach der Heimatstadt des Königs Agamemnon benannt ist und etwa vom 17. bis ins 11. vorchristliche Jahrhundert datiert wird. Damit überschneidet sie sich zum Teil mit der minoischen Zeit, in der auf Kreta prunkvolle Paläste entstanden.
Über diese Zeit habe man weniger Informationen, sagt Rose, doch manches sei bekannt. "Davor, in mykenischer oder minoischer Zeit, gab es ganz eng anliegende Gewänder. Da scheint eine ganz andere Kleidungstradition dahinterzustehen, als sie später, nach den dunklen Jahrhunderten, anzutreffen war." Früher gürtete man sich ganz eng, fast wie mit einem Korsett. Die spätere Tradition sei darin noch überhaupt nicht zu erkennen.
Gewagte Frauentracht
Dazu gehörte bei Frauenkleidern auch ein heute kurios anmutendes Detail. In minoischen und mykenischen Darstellungen tragen Frauen bunte Kleider, bei denen die Brüste zu sehen sind. Müssen wir uns Penelope und Helena also barbusig vorstellen? Für die angekündigten KI-Verfilmungen der Odyssee, die ganz und gar authentisch werden sollen, würde das die Sache nicht eben leichter machen. Möglich sei es, dass Figuren wie Penelope und Helena so gekleidet waren, gibt Rose zu. Wen die Darstellungen aber konkret zeigten, also in welchen Rollen diese Tracht angemessen war, sei nicht ganz klar. Im Fall eines bekannten mykenischen Bildes aus der Stadt Theben könnte es sich auch um Priesterinnen handeln.
Andere Elemente seien klarer und hätten auch leicht im Film umgesetzt werden können, ist Rose überzeugt: "Gewanddarstellungen aus dem 8. Jahrhundert sind selten, zeigen aber stark gemusterte, engegürtete Kleider für Frauen." Solche Buntheit habe sie im Film stark vermisst. "Dort war die Kleidung durchwegs einfärbig, obwohl die Griechen vermutlich sehr viele Muster eingewebt haben", sagt die Archäologin. Für sie ist es eine vertane Gelegenheit, Grundlagenwissen zur Anwendung zu bringen. Anderswo sei das gelungen. Sie nennt als positives Beispiel die Serie House of David auf Amazon Prime. Die gestiegene Aufmerksamkeit für die Antike sieht Rose aber positiv. Dass sie sich The Odyssey ein weiteres Mal anschaut, will sie nicht ausschließen. (Reinhard Kleindl, 26.7.2026)
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