David Gugerlis Walter Höllerer Vorlesung

Plötzlich waren sie da: „die KI“ und „der Algorithmus“. Als wären diese Begriffe einfach auf uns herabgefallen. Und fortan scheinen sie unsere Zukunft zu bestimmen. Bei Technik denken viele an Fortschritt, dabei hilft manchmal auch ein Blick in die Vergangenheit, um zu verstehen: Nicht alles ist Fortschritt.

Anlässlich der allgegenwärtigen Diskussionen handelte die Walter-Höllerer-Vorlesung an der Technischen Universität Berlin dieses Jahr davon, wie wir die „Zukunft erzählen“. Dabei suchte David Gugerli, Professor für Technikgeschichte an der ETH Zürich, „den Sinn der Technikgeschichte“.

Ist etwas so gewesen, wie es uns erzählt wurde?

Wenn wir Technologien der Gegenwart wie den Computer betrachten, wirken sie wie Naturgewalten, denen wir ausgeliefert sind. Das Sprechen über Computertechnologie klingt deswegen abgeschlossen. David Gugerlis Ansatz steht dem entgegen. In seinem Langessay „Wie die Welt in den Computer kam“ dreht er diese Perspektive um und verfolgt, wie sich der Computer gesamtgesellschaftlich entwickelte und zufällig zu dem Produkt wurde, das es heute ist. Es gibt nicht die eine Geschichte des Computers.

Über eine Exkursion in die Zukunft beginnt Gugerli seine Vorlesung. 2011 besuchte er die Baustelle der Porta Alpina, ein Tunnel, der nie fertiggestellt wurde. Das Unwahrscheinliche sei eingetreten und das Wahrscheinliche ausgeblieben, so seine Beobachtung. Diese wird er noch häufiger machen. Entsprechend sollte man sich fragen: Ist etwas so gewesen, wie es uns erzählt wurde?

Gugerli kommt zu seinen Überlegungen durch das Studium heterogener Materialien wie Fotografien, Karten oder Artikeln. Deren Auswertung habe gezeigt, dass Techniken, die wir heute als alternativlos betrachten, eher zufällig und willkürlich entstanden sind. Mit dem technischen Fortschritt gingen auch Fehlversuche einher, viele alternative Zukünfte haben sich nie realisiert.

Immer auch eine Geschichte des Wissens

Wie wir über Technik reden, klingt, als sei „die Zukunft schon da“ und als wären wir ihr ausgeliefert. Gugerli zeigt, dass dies nicht der Fall ist. Eine Geschichte der Technik ist immer auch eine Geschichte des Wissens. Sie untersucht die technologischen Entwicklungen in bestimmten historischen Kontexten. Was sich durchsetzt, ist manchmal willkürlich, denn wir sind oft geleitet von Emotionen. Als Beispiel nennt er die Angst vor der Atomkraft.  Angst sei jedoch ein Gefühl, das man bekämpfen kann, indem man ihm Informationen gegenüberstellt.

Viele netzwerkartige Verknüpfungen, Zufälle und Fehler beschleunigen bestimmte Prozesse, so führe etwa der Absturz eines Flugzeugs zu Korrekturen. Der Zugang über die Technikgeschichte ist also insofern aufschlussreich, als er zeigt, dass gesellschaftliche Debatten und Gefühlslagen immer auch den technischen Wandel mitbestimmen.

Der technische Fortschritt, der in der Geschichte der Vorlesung groß geschrieben wird, entspricht nicht dem Zustand der TU selbst, die zwar eine „Exzellenzuniversität“ ist, deren Hauptgebäude aber aufgrund seiner maroden Infrastruktur im Mai schließen musste. Deswegen musste die Vorlesung umdisponiert werden, und der alternative Vorlesungssaal im Chemiegebäude an der Straße des 17. Juni war randvoll. Einige Studenten der TU hielten am selben Tag eine simulierte Vorlesung auf der Straße, um damit gegen die Schließung zu protestieren. Viele Vorlesungen finden aktuell nämlich online statt und erinnern an einen Rückschritt in die Corona-Zeit.

Gugerli ruft in Erinnerung, dass uns die Technikgeschichte als „Irritationsquelle“ dienen kann, denn unsere historischen Zukünfte waren vielfältig – und so sind es auch die weiter möglichen Zukünfte. Daher schloss Gugerli vorsichtig optimistisch: „Das, was aus KI entsteht, entsteht nur unter Bedingungen verschärften Aushandelns.“ Fraglich ist jedoch, ob wir wirklich so handlungsfähig sind, wenn bestimmte Akteure so viel Macht in diesem Aushandlungsprozess haben. Prognosen auf Grundlage der Vergangenheit zu treffen, findet Gugerli jedenfalls schwierig, denn sie treten selten treffsicher ein. Vielleicht können wir also hoffen, dass sich einige KI-Angst-Szenarien nicht erfüllen.