Video der Sea-Watch 5 soll Schlepper-Kooperation belegen: NGOs kontern – und drehen die Vorwürfe um
Video der Sea-Watch 5 soll Kooperation mit Schleppern belegen – „Haltlos und absurd“
Stand: 24.07.2026, 17:56 Uhr
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Ein Video von Frontex soll die ganze Seenotrettung in Verruf bringen. Stimmungsmache, beklagen NGOs. Der Schlepper-Vorwurf wurde oft erhoben, aber nie belegt.
Frankfurt – Mitten im Mittelmeer, 55 Seemeilen nördlich der libyschen Küste: Am 11. Mai nahm die Besatzung der Sea-Watch 5 rund 90 Menschen an Bord – größtenteils aus Bangladesch. Um die Rettungsaktion ranken sich inzwischen schwerwiegende Beschuldigungen gegen die Seenotrettung. Die EU-Grenzschutzbehörde Frontex filmte die Übergabe aus der Luft – und das Video ist Ausgangspunkt für einen Vorwurf, der NGOs aus rechten Kreisen immer wieder angelastet werden soll.

Die Aufnahmen, über die zuerst die französische Zeitung Le Figaro berichtete und die mittlerweile von konservativen Medien aus ganz Europa aufgegriffen wurden, zeigen: Menschen mit Schwimmwesten wechseln geordnet von einem Schnellboot auf Schlauchboote der Sea-Watch 5. Fünf bewaffnete Schleuser sollen Sturmhauben getragen haben. Nach der Übergabe winkten sie und hielten den Daumen hoch, will Le Figaro erkannt haben. Vier Tage später lief die Sea-Watch 5 mit 166 Geretteten im süditalienischen Hafen Brindisi ein. Offen wird spekuliert, die Aufnahmen würden eine Kooperation mit Schleppern belegen.
Frontex-Video der Sea-Watch 5: Seenotrettung beklagt „Verleumdungskampagne“
Die italienische Justiz leitete daraufhin Ermittlungen gegen den Kapitän des Schiffes ein. Der Vorwurf: „Beihilfe zur unerlaubten Einreise“. Dokumente und Ausrüstung wurden an Bord beschlagnahmt, zwei Besatzungsmitglieder zur Polizeiwache gebracht. In Deutschland schaltete sich CDU-Innenpolitiker Alexander Throm ein. Er erkenne auf dem Video kein Boot in Seenot, sondern ein „fahrtüchtiges, seetüchtiges Boot mit zwei Außenbordmotoren“. Sein Urteil gegenüber der Welt: „Ansonsten ist es schon merkwürdig, wie kooperativ die Zusammenarbeit stattfindet.“ Woher der 2017 in den Bundestag gewählte Heilbronner seine Expertise nimmt, bleibt offen.
Sea-Watch weist alle Vorwürfe entschieden zurück. Laut einer Pressemitteilung fand die Besatzung ein doppelstöckiges Boot mit 90 Menschen vor – zwei davon bewusstlos, mehrere unter Deck eingeschlossen, ohne sichtbare Rettungs- oder Navigationsausrüstung. Zudem hätten maskierte Männer damit gedroht, Menschen ins Wasser zu werfen. Die Behörden seien über jeden Schritt informiert worden. Sprecherin Anna Giannessi erklärte: „Wir arbeiten immer transparent und haben den Behörden bereits vor Monaten alle Einzelheiten zu dieser Rettung mitgeteilt. Diese Verleumdungskampagne gegen die Zivilgesellschaft wird uns nicht einschüchtern.“
Sea-Watch 5 wurde nach Video von libyschien Akteuren beschossen
In Italien läuft die Debatte über den Fall schon länger. Und weniger einseitig. Die Pd-Abgeordnete und frühere Parlamentspräsidentin Laura Boldrini nannte die Ermittlungen gegen den Kapitän „unglaublich und empörend“. Der Zeitung Il Fatto Quotidiano sagte sie: „Die einzige Verantwortung trägt die italienische Regierung, die Mittel an jene liefert, die schießen, und sich gegen die NGOs wendet.“ Sea-Watch selbst berichtet zudem, das Schiff sei kurz nach der Rettung von der sogenannten libyschen Küstenwache beschossen worden – von Booten aus, die laut der NGO von Italien geliefert wurden.
Die Seenotrettungsorganisation SOS Humanity, die ebenfalls im Mittelmeer operiert, ordnet den Vorfall in ein größeres Muster ein. „Wir haben es hier offensichtlich mit einer Diffamierungskampagne zu tun. Unsere vollständig rechtskonforme Rettungsarbeit soll durch den tendenziösen Zusammenschnitt der Filmaufnahmen und entsprechende Interpretation eine Zusammenarbeit mit Schleusern belegen, die es niemals gab.“ Dabei werde unterschlagen, dass NGOs die italienischen Behörden laufend über jeden Schritt eines Einsatzes informieren und Schiffspositionen über das AIS-System öffentlich einsehbar sind.
Seit 10 Jahren der immer gleiche Vorwurf gegen die Seenotrettung – nie wurde er belegt
Der Vorwurf der Zusammenarbeit mit Schleusern sei nicht neu – und wurde bislang stets widerlegt: „Seit über 10 Jahren retten von der Zivilgesellschaft getragene Organisationen wie Sea-Watch oder SOS Humanity Menschen auf der Flucht über das zentrale Mittelmeer. Fast genauso lange existiert der immer wieder hervorgeholte, haltlose Vorwurf, wir würden mit Schleusern gemeinsame Sache machen.“ Als Beispiel nennt SOS Humanity das Verfahren gegen die Initiative „Jugend Rettet“, das nach sieben Jahren mit dem Freispruch aller Crew-Mitglieder des Rettungsschiffs Iuventa endete.
SOS Humanity zweifelt zudem daran, dass Frontex das Material überhaupt an Medien weitergeben durfte: „Nach unserer Einschätzung ist Frontex nicht berechtigt, Videomaterial an ausgewählte Medien weiterzureichen, zumal es in diesem Fall eine laufende Ermittlung der Staatsanwaltschaft in Italien gibt.“
Die Haltung von SOS Humanity gegenüber Schleppernetzwerken ist unmissverständlich. Die Organisation betont, dass das Fehlen sicherer und legaler Fluchtwege Schutzsuchende erst dazu zwinge, auf Schleuser zurückzugreifen – Verantwortung dafür trage die EU-Abschottungspolitik. Auf dem Mittelmeer dokumentiere SOS Humanity regelmäßig die Gewalt libyscher Akteure gegen Flüchtende. Und die wird demnach immer schlimmer: „Schläge, Schüsse und das Stoßen von Menschen ins Wasser sind an der Tagesordnung.“
Zusammenarbeit mit Schleppern? Vorwurf gegen Sea-Watch „absurd“
Seit dem Sommer 2025 wurden Rettungsschiffe mehrfach scharf beschossen – darunter die Sea-Watch 5 nach der nun untersuchten Rettung. Eine Kooperation mit solchen Akteuren schließt SOS Humanity kategorisch aus: „Unter keinen Umständen würden wir mit diesen Akteuren zusammenarbeiten. Die Unterstellung, dass es hier Absprachen gäbe, ist nicht nur haltlos, sondern auch absurd.“
Trotzdem keimt der Vorwurf immer wieder auf: Die Seenotrettung spiele Schlepperbanden in die Karten. SOS Humanity kehrt das um und verweist auf die Wurzel des Problems. Eine tatsächliche Zusammenarbeit mit Schleppernetzwerken finde nicht aufseiten der NGOs statt, sondern auf höchster politischer Ebene. Die von der EU finanzierte sogenannte libysche Küstenwache sei nachweislich von Milizen unterwandert, die ihrerseits mit Menschenhändlern kooperierten. Dokumentiert ist das sowohl durch Berichte Geflüchteter als auch durch die Vereinten Nationen (UN). Die UN kritisierten die EU bereits scharf für die Zusammenarbeit mit lybischen Akteuren und fordern, Rückführungen nach Libyen zu stoppen.
Kooperation mit libyschen Akteuren: EU erntet Kritik der UN – und die Lage im Mittelmeer wird nur schlimmer
Dass maskierte Männer auf Booten mitfahren, komme selten, aber immer häufiger vor, berichtet die NGO. Außerdem belegen Zahlen die düstere Realität. „2026 verzeichnete den tödlichsten Jahresbeginn auf dem zentralen Mittelmeer seit 2014“, stellt SOS Humanity mit Blick auf Zahlen der Internationalen Organisation für Migration der UN (IOM) fest. Laut der Organisation wurden seit 2016 mehr als 200.000 Menschen von EU-unterstützten libyschen Akteuren illegal nach Libyen zurückgebracht, wo ihnen laut UN Folter und schwere Menschenrechtsverletzungen drohen. Allein in diesem Jahr seien fast 12.000 solcher sogenannter Pull-backs registriert worden.
Zeitgleich eskaliert die rassistische Gewalt gegen Geflüchtete und Migrantinnen sowie Migranten in Libyen. Die EU schottet ihre Grenzen ab. Sichere Schutzrouten gibt es kaum. SOS Humanity hält fest: „Menschen flüchten weiterhin über das Mittelmeer, denn an der Not ändert sich nichts.“ (Quellen: Sea Watch, Le Figaro, Welt, Vereinte Nationen, Statewatch, SOS Humanity) (moe)