Angst treibt Russen zur Bank: Immer mehr horten Bargeld – und Putin hat ein riesiges Problem
Ukrainische Drohnen, kein Internet, kein Vertrauen: Warum Russlands Bürger ihr Geld von den Banken holen
Stand: 24.07.2026, 17:56 Uhr
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Immer mehr Russinnen und Russen heben Bargeld ab und setzen die Wirtschaft damit weiter unter Druck. Das trifft die Banken in einer ohnehin angespannten Lage.
Moskau – In Russland heben immer mehr Kundinnen und Kunden Bargeld von ihren Konten ab. Laut Daten der russischen Zentralbank ist die Bargeldmenge, die außerhalb der Banken gehalten wird, im Vergleich zum Vorjahr um 17,5 Prozent auf über 19 Billionen Rubel (rund 214 Milliarden Euro) gestiegen. Die Entwicklung setzt die Kreditinstitute unter Druck, weil ihnen dadurch Geld entzogen wird, das sie etwa zur Finanzierung von Krediten benötigen.

Der Bargeldboom fällt in eine Phase, in der die Stimmung in Russland deutlich schlechter wird. In einer aktuellen Befragung des US-amerikanischen Meinungsforschungs- und Analyseunternehmens Gallup gaben 60 Prozent der befragten Russinnen und Russen an, dass sich die wirtschaftliche Lage in ihrem Land verschlechtert. Einen höheren Wert hat Gallup seit Beginn seiner Erhebungen in Russland vor 20 Jahren nicht gemessen. Nur 27 Prozent rechneten mit einer Verbesserung der Lage.
Putin steht vor neuem Problem: Warum in Russland plötzlich mehr Bargeld abgehoben wird
Seit einigen Monaten hat die Ukraine ihre Drohnenangriffe auf die russische Infrastruktur verstärkt, darunter Treibstoffanlagen. In mehr als 55 Regionen kam es daraufhin zu Benzinengpässen und Rationierungen. Um die Navigation weiterer ukrainischer Drohnen zu erschweren, schalten die Behörden in Russland regional immer wieder das mobile Internet ab – der Grund für die vermehrten Bargeldabhebungen. Viele Menschen befürchten, dass Kartenterminals und andere digitale Bezahlsysteme zeitweise nicht funktionieren könnten. Deshalb holen sie sich ihr Geld von den Banken und legen Reserven zurück.
Auch die russische Zentralbank bringt die Entwicklung mit den Ausfällen des mobilen Internets in Verbindung. Bereits im März 2026 nahm die Bargeldmenge innerhalb eines Monats um 300 Milliarden Rubel (rund 3,4 Milliarden Euro) zu – deutlich stärker als in den Jahren zuvor. Als mögliche Ursache nannte die Zentralbank Einschränkungen des mobilen Internets, die mehrere Haushalte und Unternehmen dazu veranlassten, Bargeldreserven für laufende Zahlungen im Alltag anzulegen.
Der Trend setzte sich im Juni 2026 fort. Die Bargeldmenge nahm innerhalb eines Monats um weitere 500 Milliarden Rubel (rund 5,6 Milliarden Euro) zu und damit stärker als in vergleichbaren früheren Zeiträumen, wie die russische Zentralbank berichtet. Zugleich stieg der durchschnittliche Liquiditätsbedarf der Banken zu Marktbedingungen von 4,1 auf 4,7 Billionen Rubel. Nach Angaben der Zentralbank in Russland war dafür unter anderem die größere Bargeldmenge verantwortlich.
Russlands Wirtschaft in der Zerreißprobe
Das Liquiditätsdefizit im russischen Bankensystem erreichte im Juni rund zwei Billionen Rubel. Die Zentralbank sieht bislang dennoch keinen Anlass für zusätzliche Stützungsmaßnahmen. „Die Zentralbank Russlands stellt den Banken das notwendige Liquiditätsvolumen zur Verfügung und berücksichtigt dabei die Bargeldnachfrage“, erklärte die Zentralbank gegenüber Reuters. Große Institute erfüllten die regulatorischen Anforderungen weiterhin mit einem ausreichenden Puffer.
Fakt ist jedoch: Die Entwicklung trifft das Bankensystem in einer ohnehin angespannten wirtschaftlichen Lage. Laut Gallup halten 58 Prozent der Russinnen und Russen ihre Region derzeit für einen schlechten Ort, um Arbeit zu finden; nur 35 Prozent bewerten die Aussichten positiv. Das Vertrauen in die Regierung sank binnen eines Jahres um 14 Prozentpunkte auf 53 Prozent.
Laut Gallup ist mehr als vier Jahre nach Beginn der großangelegten Invasion in der Ukraine der anfängliche Optimismus in Russland weitgehend verflogen. Der Pessimismus über die wirtschaftliche Entwicklung und den Lebensstandard habe einen Höchststand erreicht, zugleich seien die Erwartungen an den Arbeitsmarkt sowie das Vertrauen in zentrale staatliche Institutionen gesunken. Je länger der Ukraine-Krieg andauert, desto stärker könnte er die Geduld der Bevölkerung und ihre Bereitschaft zu weiteren Belastungen auf die Probe stellen. (Quellen: dpa, Gallup, Reuters, Zentralbank Russland) (cln)