Nida im Memelland: Unterwegs auf den Spuren Thomas Manns

Memelland, das klingt nach Ännchen von Tharau, Haffkähnen und verklärtem Ostpreußentum. Der frühere Zipfel des Kaiserreiches ist ein versunkenes Stück deutscher Geschichte, aber zumindest der Südwesten des Gebiets wirkt quicklebendig und lockt wieder mit deutschem Kulturerbe.

Auf der Autofähre, die vom Hafen in Klaipeda, dem früheren Memel, zur Kurischen Nehrung übersetzt, drängen sich Mittelklassewagen und gehobene SUVs. Es sind vor allem die wohlhabenden Litauer, für die die „Kuršių Nerija“ zu einer Art Sylt geworden ist. Der Wegezoll schreckt sie nicht ab. Fünfzig Euro kostet der Zugang zum Naturpark, der seit 26 Jahren Weltkulturerbe ist.

Die unwirklich pittoreske Region, die in der alten Reichshauptstadt spöttisch „Preußisch-Sibirien“ genannt wurde, wird heute aus Vilnius regiert. Und, Ironie der Geschichte: Wieder wirft der große Nachbar Russland einen Schatten, wenn auch diesmal von der anderen Seite.

Ziel der meisten Nehrungsreisenden ist Nida, das frühere Nidden, welches genau in der Mitte des säbelartig gebogenen Dünenstreifens liegt – und zugleich am Ende des freien Europas. Denn nur drei Kilometer südlich verläuft die Grenze zu Putins Reich, genauer: zur Exklave Kaliningrad, wo Raketen auf europäische Hauptstädte gerichtet sind. Nida-Besucher besteigen eigens die „Hohe Düne“, um einen neugierigen Blick hinüberzuwerfen. Sie sehen nichts vom Bösen, nur Wald und Wasser, wie auf der hiesigen Seite.

Jahrhundertelang markierte die zwei Kilometer lange Grenze zwischen Ostsee und Haff zwei ostpreußische Gebiete, die späteren Landkreise Rositten und Memel. Dann trennte sie das Deutsche Reich von Litauen, später den Oblast Kaliningrad von der Litauischen Sowjetrepublik und, seit 1990, die russische Exklave vom unabhängigen Litauen, das später der NATO beitrat.

Dazwischen erlebte die Grenze noch weitere, kriegsbedingte Konstellationen, doch bei allen territorialen Verwerfungen gab es fast immer Verkehr und Austausch. Erst seit 2020 ist die Grenze dicht. Zunächst schlossen sie die Russen wegen der Corona-Pandemie, danach verzichteten die Litauer auf eine Wiedereröffnung – Putins Überfall auf die Ukraine hatte begonnen. Schon einen Kilometer vor dem Schlagbaum wird man von litauischen Grenzbeamten zurückgewiesen.

Wer heute aus Nida auf den südlichen Teil der Nehrung möchte, muss den weiten Umweg über die Sowjetsk nehmen, das frühere Tilsit. Das kostet an die zehn Stunden Reisezeit. Das Samland mit Kaliningrad, dem früheren Königsberg, ist heute nur noch über drei weitere Grenzübergänge erreichbar: über das litauische Kybartai, das frühere Kibarten, und über zwei Grenzstationen im polnischen Masuren, im alten Süden Ostpreußens.

Thomo Manno und sein Ferienhaus

Von Spannung ist in Nida überraschend wenig zu spüren. Nirgendwo Uniformen, keine Tarnfahrzeuge, nicht mal eine vereinzelte Militärpatrouille. Stattdessen boomt es im Grenzgebiet. Am Hafen entsteht ein neues Vergnügungszentrum. Der Ortskern ist schon neu ausgebaut, mit angelegten Plätzen, Cafés und Supermarkt. In den Seitenstraßen werden die alten ostpreußischen Häuser mit ihren niddenblauen Fensterläden restauriert, daneben moderne Ferienwohnungen vermietet. Der Bürgermeister hält keine Brandreden gegen den russischen Nachbarn, sondern erfreut sich in diesen warmen Julitagen am Thomas-Mann-Festival im Städtchen, das hier, auf gut Litauisch, Thomo Manno Festivalo heißt.

Der deutsche Großschriftsteller hat dem Städtchen seinen Stempel aufgedrückt, obwohl er hier nur ein Ferienhaus besaß, das er gerade mal drei Sommer lang nutzte; danach verließ er Nazi-Deutschland für immer. Heute ist das Haus des Exilanten auf dem Schwiegermutterberg die Sehenswürdigkeit am Ort. Dass es sich bald hundert Jahre halten konnte und alle politischen Irrungen überlebte, bezeichnet die Historikerin Ruth Leiserowitz als „kleines Wunder“.

Die renommierte Wissenschaftlerin half vor dreißig Jahren bei der Gründung des Festivals und hält sich auch in diesen Jubiläumstagen in Nida auf. Wohl niemand hat sich mit so viel Herzblut der Geschichte Ostpreußens, Litauens und Polens gewidmet. Seit Jahrzehnten lebt und arbeitet Leiserowitz zwischen Warschau und Klaipeda, schreibt Bücher, führt Interviews, legt Archive an und bereist unentdeckte Winkel. Begleitet wird sie von ihrem Mann, der vor allem jüdischer Geschichte im Memelland nachgeht.

Die Hohe Düne auf der Kurischen Nehrung
Die Hohe Düne auf der Kurischen NehrungPicture Alliance

Die Gleichzeitigkeit von Touristenfreuden, politischer Unsicherheit und ethnisch-nationaler Verwirrung gehörte schon zu Nidden, als Thomas Mann sein Sommerdomizil errichten ließ. Im Rückblick erstaunt Manns Investition: Zehn Jahre zuvor, nach den Verhandlungen zum Versailler Vertrag, war das Städtchen – wie das ganze Memelland – dem Deutschen Reich aberkannt und als Sondergebiet der Alliierten unter französische Verwaltung gestellt worden.

Das sollte nicht lange dauern. Als Mann im Sommer 1929 anreiste, war der Landstrich schon von Litauen annektiert, was vielen im Gebiet – auch den Deutschen – immerhin erträglicher erschien als die Vorherrschaft Frankreichs. General Dominique-Joseph Odry war so ortsfremd gewesen, dass er mit einem Übersetzer für Polnisch angereist war.

Die neue Situation hatte sich halbwegs eingespielt, als Mann sich in den Ort verliebte. Er erhielt sein Visum, ganz unkompliziert, auf dem Haffdampfer, der ihn vom samländischen Ostseebad Cranz ins nunmehr litauische Nidden brachte. Der Schriftsteller aus München nahm die politischen Unwägbarkeiten der Region offenbar ähnlich gelassen wie die heutigen Litauer, die auf der Nehrung Immobilien kaufen. Man fühlt sich von Russland bedrängt, aber nicht akut bedroht. Ein Grafiker aus Vilnius, der Nida jeden Sommer besucht, erklärt das so: „Jetzt, wo amerikanische und deutsche Soldaten bei uns stationiert sind, werden sich die Russen wohl kaum trauen, uns zu überfallen.“

Die Litauer sind schlecht auf Moskau zu sprechen

Die Politiker in Vilnius sind da nicht so sicher. Unlängst warnte Staatspräsident Gitanas Nausėda, dass sich Wladimir Putin „nicht auf die Ukraine beschränken“ werde, und sprach von einer „Bedrohung für uns alle“. Litauen hat mittlerweile die Wehrpflicht eingeführt und beschlossen, fünf bis sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts in die Verteidigung zu stecken. Die Präsenz der Amerikaner und die deutsche Brigade bei Vilnius bezeichnete Nausėda als „sehr wichtigen Bestandteil“ der nationalen Verteidigungsstrategie.

Die Litauer sind schlecht auf Moskau zu sprechen. Fast ein halbes Jahrhundert lang lebten sie unter der sowjetischen Knute. Im Niddener Stadtbild erinnern heute nur noch ein paar Bausünden an die Zeit, aber den älteren Bewohnern hat sich die Erfahrung eingebrannt, darunter Vitalija Teresė Jonušienė, der Witwe des 2014 verstorbenen Künstlers und Kulturforschers Eduardas Jonušas.

Jonušienė führt durch das museale Atelier ihres Mannes, in dem dicht an dicht Gemälde hängen, die von seinen Erfahrungen im Gulag erzählen. Zehn Jahre Zwangsarbeit in Sibirien wegen „antisowjetischer Agitation“ hatte er in den Knochen, als er sich nach einigen vergeblichen Versuchen in den 1970er Jahren auf der Kurischen Nehrung niederließ. Dort verarbeitete der Litauer nicht nur seine Traumata in Öl, sondern begann sich für das Kulturerbe zu interessieren.

Die Terrasse des Thomas-Mann-Hauses in Nida
Die Terrasse des Thomas-Mann-Hauses in NidaPicture Alliance

Er hängte erste Plaketten auf, die an deutsche Prominenz im Ort erinnerten, und beschäftigte sich mit der Geschichte der Künstlerkolonie, die erst Maler von der Königsberger Akademie wie Lovis Corinth angezogen hatte und später Expressionisten aus ganz Deutschland, darunter Max Pechstein und Karl Schmidt-Rottluff. Heute ist in Nida nur noch ein Bild von Ernst Mollenhauer zu bewundern; es hängt im Thomas-Mann-Haus.

Als Adolf Hitler das Memelland im Frühjahr 1939 „heim ins Reich“ holte, beschlagnahmte Hermann Göring Manns Sommerdomizil und nannte es „Jagdhaus Elchwald“. Nach dem Krieg kamen dann sowjetische Soldaten im Haus unter, worunter es stark litt. Aber irgendwann wurde es renoviert und nicht zuletzt durch Jonušas’ Einsatz zu einem Ort des kulturellen Austauschs inmitten der kommunistischen Diktatur. Als prominenter Nazi-Gegner war Thomas Mann auch in der Sowjetunion eine respektierte Stimme, was die Dissidenten zu nutzen wussten. Er diente ihnen als Schutzschild. „Verbotene Autoren wie Nietzsche oder Kafka konnten in diesem Haus besprochen werden, weil Mann über sie geschrieben hatte“, erklärt Historikerin Leiserowitz.

Deutsche gab es in diesen Jahren kaum noch in Nidden. Die meisten wurden im Herbst 1944 vor der anrückenden Roten Armee von der Wehrmacht zunächst ins südlichere Ostpreußen gebracht, von wo sie sich dann wenige Monate später in die Flüchtlingstrecks gen Westen eingliedern mussten. Aber einige Memelländer blieben auch in der Heimat, wo sie bald von den sowjetischen Truppen getötet oder in Arbeitslager verschleppt wurden.

„Ich bin Ostpreußin, und ich werde immer Ostpreußin bleiben“

Im Sommer 1945 machten sich dann viele Flüchtlinge auf den langen Weg zurück ins Memelland – in der irrigen Hoffnung auf einen Neuanfang unter nur gering veränderten Vorzeichen. „Ans Ziel gelangt, wurden sie bitter enttäuscht, denn keine der Versprechungen der sowjetischen Repatriierungsoffiziere wurden eingelöst“, schreibt Leiserowitz in ihrem Buch „Memelland“. Die meisten Rückkehrer wurden in sowjetische Lager eingewiesen, Familien getrennt, Männer zu Zwangsarbeit abkommandiert.

Rasch leiteten die sowjetischen Behörden die Neuansiedlung ein. Russen, Ukrainern und Litauern aus anderen Gebieten wurden leere Häuser im Memelland zugewiesen. Die wenigen verbliebenen Einheimischen litten unter der kollektiven Zwangswirtschaft und erreichten 1958 eine Ausreiseregelung, die zwischen den beiden deutschen Hauptstädten und Moskau getroffen wurde. Etwa 6000 Menschen verließen in dieser zweiten Welle ihre Heimat.

Aber noch immer harrten letzte Memelländer aus und nahmen neue Identitäten an. Jonušienė erinnert sich an eine ältere Frau aus dem Ort, die in den Achtzigerjahren auf einer Fähre zu einer Freundin mit fester deutscher Stimme sagte: „Ich bin Ostpreußin, und ich werde immer Ostpreußin bleiben.“

Das Ölgemälde „Fischerfriedhof in Nidden an der Kurischen Nehrung“ von 1893 des deutschen Malers Lovis Corinth
Das Ölgemälde „Fischerfriedhof in Nidden an der Kurischen Nehrung“ von 1893 des deutschen Malers Lovis CorinthPicture Alliance

Geblieben waren auch die, die später als „Wolfskinder“ bekannt wurden. Ruth Leiserowitz hatte sie in den 1990er Jahren in Litauen entdeckt und (unter ihrem Mädchennamen Kibelka) ein Buch über sie geschrieben. Tausende ostpreußische Kriegswaisen hatten sich Mitte und Ende der 1940er Jahre nach Litauen durchgeschlagen und wurden dort als Arbeitshelfer eingesetzt oder, unter dem Verlust ihrer Identität, von Bauernfamilien adoptiert.

Heute können sich Deutsche wieder im Memelland niederlassen, wie einst Thomas Mann. Etwa 160, sagt Leiserowitz, seien seit Litauens EU-Beitritt ins Gebiet gezogen und verstärken die Reste der deutschen Minderheit, die nun an die 1800 Menschen umfasst – kaum mehr als ein Prozent der memelländischen Bevölkerung. Mehr als 100.000 Deutsche reisen jedes Jahr als Touristen nach Litauen, viele auch, um das alte Ostpreußen zu erkunden, das hier intakter wirkt als in der Oblast Kaliningrad jenseits der Grenze.

Das Stochern oder auch Schwelgen in der Vergangenheit ist in Nida nicht nur möglich, sondern erwünscht. Schilder weisen auf den legendären Gasthof Blode hin, in dem vor dem Zweiten Weltkrieg die deutschen Künstler abgestiegen sind. Im Historischen Museum wird die Geschichte der preußischen Königin Luise nacherzählt, die sich in Memel vor Napoleon versteckte und dabei auch Nidden passierte. Über dem Altar in der evangelischen Kirche steht in deutschen Buchstaben: „Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.“ Daneben, auf dem Friedhof, liegen viele friedlich beisammen, die in Nida Spuren hinterlassen haben: Deutsche, Litauer, Russen. Künstler, Gastwirte, Soldaten.