Hunger, Cholera, Angst: Die belagerte Stadt al-Obeid kämpft ums Überleben
Fliehen ist fast unmöglich, Bleiben heisst Beschuss, Hunger und Cholera. Eine halbe Million Menschen in der Stadt al-Obeid im Sudan haben nur noch schlechte Optionen.
18.07.2026, 05.30 Uhr
3 Leseminuten
Im Sudan ereignet sich gerade die grösste humanitäre Katastrophe weltweit. Mehr als 33 Millionen Menschen brauchen Hilfe, seit 2023 wurden fast 60 000 Sudanesen getötet. Sexualisierte Gewalt wird systematisch eingesetzt, Tausende sterben bei Massakern. Experten sehen sogar Anzeichen für einen Völkermord. Nun liegt die Aufmerksamkeit auf der Stadt al-Obeid, wo die Bevölkerung seit 18 Monaten unter belagerungsähnlichen Zuständen lebt.
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Die paramilitärische Miliz Rapid Support Forces (RSF) hat die Stadt von drei Seiten weitgehend umschlossen und nahezu alle wichtigen Handels- und Transitrouten blockiert. Die Stadt selber wird von der sudanesischen Armee (SAF) gehalten, die mit allen Mitteln gegen die Miliz vorgeht. Unter anderem hob sie einen fast vollständigen Ring von über 50 Kilometern Gräben um die Stadt aus, um die RSF-Kämpfer bei einem Angriff zu verlangsamen.
Einzig die Route nach Osten verbleibt und wird, wie die Stadt selbst, Ziel von Drohnenangriffen. Neben der Strasse stehen ausgebrannte Lastwagen, Hilfsgüter erreichen die Stadt nicht. Anfang Juli wurde eine Lieferung mit 50 Tonnen an Hilfsgütern Ziel eines Drohnenangriffs und wurde komplett zerstört. Dabei wären gerade Hygieneprodukte wie Seife dringend nötig, da die Region mit einem tödlichen Cholera-Ausbruch kämpft.
Wenig Gründe zu bleiben, keine Möglichkeit zu gehen
Die RSF haben die Intensität ihrer Drohnenangriffe seit Anfang Juni stark gesteigert. Sie nehmen dabei nicht nur militärische Infrastruktur ins Visier. Ganz gezielt werden Angriffe auf zivile Objekte geflogen. Über Satellitenbilder lassen sich mehrere solcher Ziele verifizieren, darunter Krankenhäuser, Schulen, Treibstofflager und Tankstellen.


Auch Wohnhäuser werden bei den Angriffen getroffen.
Telegram / sudanesarmy
Auch die Strom- und Wasserversorgung wurde zumindest teilweise lahmgelegt. Der Zugang zu trinkbarem Wasser ist für viele der über 500 000 Menschen in der Stadt erschwert oder unmöglich. Und das bei Temperaturen von bis zu 40 Grad.
Die Angriffe haben auch die lokale Wirtschaft lahmgelegt, Arbeiter verlieren oft über Nacht ihren Job und stehen ohne Einkünfte da. Gleichzeitig verknappt sich das Angebot von allem, da Lieferungen die Stadt nur sehr schwer erreichen können.
Die Attacken aus der Luft wirken sich auch auf die Verfügbarkeit von Treibstoff aus. In langen Kolonnen reihen sich Autos vor den wenigen Tankstellen, die noch nicht zerstört wurden. Viele Fahrer können sich das Benzin nicht mehr leisten und müssen auf alternative Verkehrsmittel ausweichen.
Die hohen Benzinpreise sind ein weiterer Grund dafür, warum eine Flucht aus al-Obeid für die meisten Bewohner praktisch unmöglich ist. Nach Jahren des Krieges fehlt es der verarmten Mehrheit an Geld für den Transport – und die Bestechung. Wer es zu Fuss versucht, läuft Gefahr, von den RSF ins Ziel genommen zu werden: Die Strassen, die in andere Städte führen, sind aktives Kampfgebiet. Hier werden immer wieder Hinrichtungen, Folter und sexualisierte Gewalt dokumentiert.
Flüchtlinge im eigenen Land
Viele Vertriebene aus anderen Teilen des Landes haben die gefährliche Flucht trotzdem gewagt und sind nach al-Obeid gekommen. Zusätzlich zu der ständigen Bevölkerung von über einer halben Million kommen über hunderttausend Vertriebene hinzu. Ihre Zahl steigt von Monat zu Monat, im Zentrum der Stadt reihen sich Zeltreihen von Hilfsorganisationen aneinander. Bereits vor der erneuten Belagerung lebten hier Zehntausende Binnenvertriebene aus anderen Teilen des Landes. Seit April ist die Zahl der Zelte nochmals deutlich gewachsen: Weit über 1000 Zelte kamen in den letzten Monaten dazu.
Das EU-Parlament hat am 9. Juli eine Resolution angenommen, in der es die Einstufung der RSF als Terrororganisation fordert. In der Resolution ebenfalls gefordert sind mehr EU-Nothilfe, humanitäre Korridore und EU-Sanktionen. Die Greueltaten während der Belagerung von al-Obeid werden explizit hervorgehoben.
Der persönliche Gesandte des Uno-Generalsekretärs für den Sudan, Pekka Haavisto, sprach Mitte Juni mit dem RSF-Befehlshaber Mohammed Hamdan Daglo über die Situation in al-Obeid. Er versicherte laut Haavisto, dass es nicht seine Absicht sei, den Zivilisten zu schaden, und dass er die humanitären Korridore in die Stadt schützen wolle. An der Ernsthaftigkeit dieses Versprechens lässt sich aufgrund der verfügbaren Informationen zweifeln.
Eine von den SAF abgefangene Drohne. Täglich fliegen mehrere von ihnen über die Stadt.
Telegram / sudanesarmy
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