Tadej Pogacars nächste Heldentat

Stand: 24.07.2026, 18:38 Uhr

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Der Slowene gewinnt die 19. Etappe der Tour in Alpe d‘Huez nach faszinierender Aufholjagd und sichert seine Führung ab. Er ist derzeit uneinholbar – und verbessert sogar einen Pantani-Rekord.

Tour de France 2026 Stage 19

Spitze, wie immer: Tadej Pogacar. © IMAGO/Peter De Voecht

Die Organisatoren der Tour de France lieben es, ihr Rennen mit gewaltigem Spektakel zu würzen. Am Freitag haben sie es bekommen, und wie. Es ging hinauf nach Alpe d’Huez, einen Wintersportort, der durch das Sommerspektakel Frankreich-Rundfahrt berühmt wurde. Weil es hinter Bourg d’Oisans hinein geht in ein Labyrinth von 21 Kurven, eine in den Berg gestanzte Freilichtbühne, die auf Zuschauer magnetisch wirkt. Hunderttausende verteilten sich in den Serpentinen. Bisweilen ließen sie den Fahrern nur einen engen Spalt und klopften im Wahn den Fahrern auf die Schultern und die Hintern. Und ein Mann vollendete die nur knapp 130 Kilometer lange Prüfung von Gap hinauf auf die Alpe als Solist. Dass es Tadej Pogacar war, war keine Überraschung, er ist der beste Fahrer der Gegenwart und im Hochgebirge derzeit unbezwingbar.

Ein Sieg, den Pogacar unbedingt wollte

Pogacar machte schon seit Tagen deutlich, dass dieser Prestigeerfolg in Alpe d’Huez ganz nach seinem Geschmack wäre. Der Slowene ist ein Profi, der darauf bedacht ist, seiner Siegesliste Triumphe an allen besonderen Orten der Radsportwelt hinzuzufügen. Alpe d’Huez gehört seit Freitag, 17:35 Uhr, dazu. „Es ist sehr cool, hier zu gewinnen. Die Atmosphäre hier war verrückt“, sagte er.

Pogacar knackte dabei einen alten Rekord. Er bewältigte den 13,8 Kilometer langen Anstieg in 35:26 Minuten und war damit 1:24 Minuten schneller als Marco Pantani. Der Italiener hatte den Berg 1995 in 36:40 Minuten erklommen.

Die Tagesentscheidung an diesem Freitag war dennoch eng. Vor allem drei Ausreißer bereiteten Pogacar viel Mühe: Richard Carapaz, der unermüdliche Berfahrer aus Ecuador. Lenny Martinez, ein französisches Leichtgewicht. Und Sepp Kuss aus den USA, der Edelhelfer des bereits mit Schlüsselbeinbruch ausgeschiedenen Jonas Vingegaard. Erst auf dem finalen Kilometer konnte sich Pogacar, der erst kurz zuvor zu dem Trio aufgefahren war, von seinen Konkurrenten lösen und letztlich doch klar vor Martinez und Carapaz gewinnen – die beiden wurden am Ende um sechs und neun Sekunden distanziert.

Pogacars aktueller Kronprinz, Remco Evenepoel, erreichte Alpe d’Huez als Sechster, knapp zweieinhalb Minuten nach dem Tagessieger. Aber klar vor seinen Konkurrenten um den ersten Rang hinter dem viermaligen Tour-Champion. Evenepoel weist auf Rang zwei im Gesamtklassement bereits einen Rückstand von 7:11 Minuten auf Pogacar auf.

Seinen dritten Platz festigte Isaac del Toro, Pogacars Teamkollege bei UAE (+9:42 Minuten). Vierter ist Paul Seixas (+10:06), während sich Martinez durch seine Glanzleistung vom Freitag auf Rang fünf vorarbeitete (+13).

Alpe d‘Huez thront oben auf 1800 Metern Höhe, der Weg dorthin, der 14 Kilometer lange Anstieg, ist bis zu 14 Prozent steil, knapp acht sind es im Schnitt. Es gibt längere Bergauf-Passagen bei der Tour und gewaltigere Steigungsgrade, doch Alpe d’Huez hat sich zu einem der berühmtesten Orte der Frankreich-Rundfahrt entwickelt. Das liegt an der geografischen Besonderheit der 21 nach oben führenden Kurven, die sich telegen in den Hang schmiegen. Sie werden durch kleine Schilder mit blauer Schrift auf weißem Grund angezeigt, von 21 wird rückwärts bis 1 nach oben gezählt. Auf den Plaketten sind die Namen der Etappengewinner verewigt, an manchen Stellen stehen zwei.

EF Education - EasyPost team's Ecuadorian rider Richard Carapaz, Team Visma | Lease a Bike's US rider Sepp Kuss and Bahrain - Victorious team's French rider Lenny Martinez cycle in the lead breakaway in the Alpe d'Huez ascent during the 19th stage of the 113th edition of the Tour de France cycling race, 127,9 km between Gap and Alpe d'Huez in the French Alps, on July 24, 2026. (Photo by Anne-Christine POUJOULAT / AFP)

Lange Spitze: Carapaz, Kuss und Martinez, doch ... © Anne-Christine Poujoulat/AFP

Tour de France 2026 Stage 19

... von hinten naht der Dominator. © IMAGO/Gvg

Berühmt geworden ist Alpe d’Huez unter anderem wegen der großen Stars, die hier gewannen, angefangen bei Fausto Coppi bei der Alpe-Premiere 1952. Es war zudem die erste Bergankunft in der Geschichte der Tour de France. Hinzu kommen die besonderen Konstellationen in der Gesamtwertung, denn zumeist stand die Alpe bei ihren 31 Rendezvous mit der Tour in der finalen Woche des Rennens im Streckenplan.

Richtig wild wurde es am Freitag, als die ersten Fahrer die Kurve sieben passierten, die Kurve der Holländer. Gesandte aus dem flachsten Land Europas haben auf der Alpe zwischen 1976 und 1989 bei 13 Tourbesuchen achtmal gewonnen – Rekord für eine Nation. Diese Sieghäufung wirkt auf ihre Landsleute offenbar wie die Verpflichtung zu einer Visite im Département Isère. Die niederländischen Gäste, ihre Kostüme, ihre Stimmung, ihr Hüpfen neben den Fahrern, sind Teil der Alpe-d’Huez-Folklore.

Es geht nochmal nach Alpe d‘Huez

Doch der Freitag war erst der Prolog eines Alpe-Hexenkessel-Doubles. Am Samstag endet die 20. Etappe erneut in Alpe d’Huez. Doch der Weg dorthin führt über eine Teilstrecke, die neu im Programm ist. Die Etappe beginnt in Le Bourg d’Oisans und führt aus dem Ort hinaus auf den Croix de Fer, von dort über den Télégraphe, den Galibier und – das ist neu – über den schmalen Bergpfad des Col de Sarenne. Vier Kilometer vor Alpe d’Huez biegen die Profis oberhalb des Dorfes Huez-en-Oisans schließlich auf die klassische Alpe-Route ab, die über die D 211 führt. Sechs der 21 Kurven sind dort für das Finale der Tageswertung noch übrig. Die Fahrer müssen auf einer Distanz von 171 Kilometern brutale 5450 Höhenmeter bewältigen. Am Vorabend des Tour-Finales in Paris.

Tour-Direktor Christian Prudhomme wollte die neue Wegführung unbedingt im Parcours haben: „Es handelt sich bei dem Sarenne um eine wilde Bergstrecke durch faszinierende Natur, fabelhaft, großartig, spektakulär“, sagt Prudhomme im Gespräch mit dieser Zeitung. Der Anstieg auf diesen Pass umfasst 13 Kilometer, acht davon führen durch ein Schutzgebiet, in dem keine Zuschauer zugelassen sind. „Wir werden somit einen großen Kontrast erleben. Einmal den Wahnsinn und die Verrücktheit der Menge in den 21 Kurven am Freitag. Und am Samstag Ruhe im Col de Sarenne. Ich liebe diesen Kontrast“, erzählt Prudhomme.

Lieben wird Pogacar seinen Triumph auf der Alpe, dem Wimbledon oder Maracana des Radsports, gewiss auch. Ein Erfolg hier oben ist die Erfüllung einer Radsportler-Vita.