Susanne Fritz geht in Ruhestand: Erzieherin zieht Bilanz nach 45 Jahren – täglich immer größer werdender Druck
Susanne Fritz geht in Ruhestand Erzieherin zieht Bilanz nach 45 Jahren – täglich immer größer werdender Druck
Wiebelskirchen · Susanne Fritz hat 45 Jahre für und mit Kindern gearbeitet. Sie blickt gemeinsam mit unserer Zeitung zu ihrem Renteneintritt auf ein langes Berufsleben zurück. Das hat sich über die Jahrzehnte stark verändert. Ihr Abschied ist früher als geplant.
12.07.2026 , 18:36 Uhr
Fürs Foto wählte Susanne Fritz das weitläufige Außengelände der evangelischen Kindertagesstätte Wiebelskirchen, die sie 37 Jahre lang leitete.
Foto: Anja Kernig
Eine Ära ist beendet: Susanne Fritz, die 37 Jahre den evangelischen Kindergarten in Wiebelskirchen leitete, hat sich in den Ruhestand verabschiedet. Am Ende war es „der tägliche, immer mehr zunehmende Druck“, der die gelernte Erzieherin dazu bewogen hat, diesen Schritt etwas früher zu gehen, als geplant. „Es tat mir nicht mehr gut.“ Jemandem, der sein ganzes Leben, 45 Berufsjahre lang, der Arbeit mit Kindern gewidmet hat, fällt so ein Schritt alles andere als leicht. „Ich wollte mit Würde gehen“, betont Fritz.
Ein Blick in die Anfangsjahre
Den „Himmel auf Erden“ nennt sie rückblickend ihre Zeit als Berufsanfängerin. Als frischgebackene Erzieherin war Fritz sechs Jahre in anderen Einrichtungen tätig. Im Jahr 1989, im Alter von 26 Jahren, trat sie die Stelle als Kindergartenleiterin in ihrer eigenen Kirchengemeinde an. Ein Herzenswunsch der gebürtigen Wiebelskircherin und aktiven Protestantin. „Ich wollte nicht nur ehrenamtlich, sondern auch hauptberuflich für junge Menschen da sein.“ Die evangelische Kirche Wiebelskirchen bezeichnet sie als ihre Heimat, „von Kindesbeinen an“. Zu viert für 54 Kinder in drei kleinen Gruppen(räumen), das war das Ausgangsszenario in der Schillerstraße. Genutzt wurden von den Familien oft nur die Vormittagsbetreuung von acht bis zwölf Uhr.
Die zwei Stunden am Nachmittag ab 14 Uhr hätte man sich fast schenken können. War doch die Mama in der Regel daheim, wie sie erzählt. Doch schon bald wuchs der Bedarf. Teilzeitbeschäftigungen der Mütter erforderten Betreuungszeiten: „Wir waren mit die Ersten, die halb acht bis mittags halb zwei anboten.“ Die Hälfte der Mädchen und Jungen wurden damals noch von den Großeltern abgeholt. Gleichzeitig kamen wieder mehr Kinder zur Welt, die Plätze reichten bald nicht mehr aus. Dem zollte das Presbyterium Rechnung und ließ die Bagger anrollen. „Für damalige Verhältnisse war das ein spektakulärer Um- und Anbau“, erinnert sie sich. Im Februar 1995 konnte der „neue“ Kindergarten mit nun 75 Plätzen für Kinder ab drei Jahren in Besitz genommen werden, inklusive der neu errichteten Turnhalle und einem Förderraum.
Stetige Veränderung der Gesellschaft sorgte für neue Angebote
„Familien waren in den 90-er und 2000er Jahren noch nicht so belastet. Niemand kam abgehetzt her“, erinnert sich Fritz. Doch das änderte sich. Doppelberufstätigkeit wurde Standard und damit der Ruf nach Ganztagsplätzen lauter. „Wir starteten 2010 in kleinem Rahmen“ mit zehn Tagesplätzen von sieben bis 17 Uhr –- und mussten schon bald aufstocken.“ Der Träger entschied sich abermals für einen Erweiterungsbau, der 2014 bezogen wurde. „Von da an hatten wir eine toll ausgestattete Krippe.“ Insgesamt 51 Ganztagsplätze sowie 35 Regelplätze, wesentlich mehr Personal – „das Team explodierte“ – plus Hauswirtschaftskräfte erforderten deutlich mehr Verwaltungsaufwand. Susanne Fritz: „Daher wurde ich nach 25 Jahren als Gruppenleiterin der „Igel“ für die Einrichtungsleitung freigestellt.“ Den Kontakt zu den Kindern verlor sie trotzdem nie. Bis heute kennt Susanne Fritz alle 86 Namen und begleitet die Mahlzeiten der Tageskinder. „Eine Art familiäres Mittagessen mit entsprechenden Ritualen war mir immer wichtig“. Das sei etwas, das viele Elternhäuser selbst nicht mehr leisten könnten. Früher sei die Kita familienergänzend gewesen, Kinder kamen nur zum Spielen. „Heute sind wir zum Teil Familienersatz.“ Die Kita, lautet eines der Resümees von Susanne Fritz, ist gerade deshalb auch heute nötiger als jemals zuvor.
Viel Zeit investierte die Leiterin in den Aufbau eines Qualitätsmanagementsystems für evangelische Kindertagesstätten an der Saar. „Unsere Kita gehört zu den ersten, denen bereits 2012 das „evangelische Gütesiegel Beta“ verliehen wurde.“ Seitdem muss alles kontrolliert und dokumentiert werden. Was sehr herausfordernd sei, aber auch „Halt und Richtung“ gebe. Auf der Strecke blieben die „fantastischen Familiengottesdienste“ und ein Teil der Feste und Feiern. Das hätten die Leute geliebt, sei aber irgendwann nicht mehr leistbar gewesen. Sachen, die früher daheim und in der Einrichtung selbstverständlich waren, wie gemeinsam Plätzchen backen oder Früchte ernten, werden heute zu geplanten Projekten: „Damit die Mädchen und Jungen sie überhaupt kennenlernen.“
Gestresste Eltern – flexible Kinder
„Heute erleben wir, dass Eltern permanent unter Strom stehen und chronisch überlastet sind.“ Oma und Opa fallen oft aus. „Kinder müssen so viel leisten“, weiß Fritz. Vor allem müssen sie funktionieren. Um so bemerkenswerter ist die Resilienz, die sie trotz allem beobachtet: „Mädchen und Jungen sind heute flexibler als früher und sprachlich fitter“, Fritz erlebt sie als „wach und wissbegierig“. Aus jedem Satz von Fritz spricht Herzblut für die ihr anvertrauten Menschen, oft schon in zweiter Generation. „Sie und diese Kita waren jede Energie wert.“
Den Stab hat sie inzwischen an ihre Stellvertreterin Manuela Salm weiter gegeben. Nun freut sich die Pädagogin, „das Leben von einer anderen Seite“ kennenzulernen, „mehr selbstbestimmt und mit weniger Druck von außen“. Endlich Zeit für Freunde und Familie, endlich mal den Garten auf Vordermann bringen, mit Sport wieder einsteigen, eine Saisonkarte fürs Freibad holen, „alles tun, was 45 Jahre zu kurz gekommen ist“. (cim/pn)