Wie es die Sättigung wirklich beeinflusst, wenn man beim Essen Wasser trinkt

FITBOOK-Autorin Laura Pomer

21. Juli 2026, 13:03 Uhr | Lesezeit: 9 Minuten

Beim Essen Wasser trinken oder nicht? Diese Frage beschäftigt die Ernährungswissenschaft und Verbraucher seit Jahrzehnten. Lange hielt sich die Annahme, Wasser könne die Magensäure während der Mahlzeit verdünnen und somit die Verdauung beeinträchtigen. Später setzte sich die gegenteilige Empfehlung durch: Wasser zum Essen fülle den Magen, verstärke das Sättigungsgefühl und helfe so beim Abnehmen. Eine neue Studie stellt nun auch diese Überzeugung infrage.

Dipl.oec.troph. Uwe Knop

Mit fachlicher Beratung von Uwe Knop Ernährungswissenschafler

Wasser trinken zum Essen – umstrittenes Thema

Dass Wasser zu den Mahlzeiten negativen Einfluss auf die Verdauung haben soll, hat sich inzwischen als Mythos erwiesen. Vielmehr könnte eine moderate Flüssigkeitszufuhr dazu beitragen, dass der beim Kauen produzierte Speisebrei besser in Richtung Magen-Darm-Trakt rutschen kann. Dies erklärte eine Ernährungsberaterin gegenüber FITBOOK in einem früheren Interview.

Heute geht die weit verbreitete Empfehlung gar in die entgegengesetzte Richtung: Wasser zum Essen soll den Magen füllen, schneller satt machen und so die Nahrungsaufnahme verringern. Auf diese Weise könnte das Trinken während der Mahlzeit beim Abnehmen helfen.

Auf den ersten Blick klingt diese Annahme plausibel. Wissenschaftlich ist der Zusammenhang jedoch nicht eindeutig belegt. Während einige Studien darauf hindeuten, dass Wasser die Nahrungsaufnahme verringern kann, fanden andere keinen messbaren Effekt. Davon berichtet Ernährungsforscherin Dr. Paige Cunningham von der Cornell University in New York in einer Pressemitteilung.1 Teilweise sei sogar ein gegenteiliger Zusammenhang beobachtet worden. Um die widersprüchlichen Ergebnisse besser einzuordnen, untersuchten Cunningham und ihr Kollege Dr. John Hayes von der Pennsylvania State University systematisch, welchen Einfluss das Trinken von Wasser während einer Mahlzeit auf die tatsächlich aufgenommene Nahrungsmenge hat.2

Details zur Untersuchung

Besonders im Fokus der Untersuchung stand das sogenannte „Switching“-Verhalten. Damit ist gemeint, dass Personen während der Mahlzeit häufig zwischen Essen und Trinken wechseln, also beispielsweise nach einzelnen Bissen einen Schluck Wasser zu sich nehmen.

Die Analyse basiert auf zwei bereits veröffentlichten Experimenten, die ursprünglich untersuchten, ob schärfer gewürzte Mahlzeiten die Essgeschwindigkeit und die aufgenommene Nahrungsmenge beeinflussen. Für die vorliegende Untersuchung wurden die Daten beider Experimente zusammengeführt und gemeinsam ausgewertet.

Die Forscher nutzten die vorliegenden Datensätze, um zu untersuchen, ob die getrunkene Wassermenge, verschiedene Trinkmuster und häufiges Wechseln zwischen Essen und Trinken mit der aufgenommenen Nahrungs- und Energiemenge zusammenhängen. Außerdem prüften sie, ob diese Faktoren den Einfluss der Schärfe auf das Essverhalten beeinflussen.

Probanden aßen und tranken unter Beobachtung

Es nahmen insgesamt 86 Erwachsene an der Forschung teil. Sie waren im Durchschnitt 37 Jahre alt und hatten einen mittleren BMI von 25,6 – rund 44 Prozent der Teilnehmer waren dem Index zufolge übergewichtig oder adipös. Die Frauen (diese waren mit einem Anteil von rund 71 Prozent in der Überzahl) und Männer kamen an zwei Terminen ins Labor, zu denen sie jeweils ein Mittagessen erhielten. Zur Auswahl standen 650 Gramm Rindfleisch-Chili oder 650 Gramm Tikka Masala mit Hühnerfleisch, dazu standen 450 Gramm Wasser zur Verfügung. Die Schärfe der Gerichte hing vom Anteil an scharfem und mildem Paprikagewürz ab.

Beim Essen wurden die Probanden gefilmt. Die Forscher erfassten die insgesamt aufgenommene Nahrungsmenge und analysierten die Videoaufnahmen zudem hinsichtlich folgender Verhaltensparameter:

Ergebnis: Wasser beim Essen erhöht Nahrungszufuhr

Die wichtigste Erkenntnis im untersuchten Zusammenhang war, dass Teilnehmer, die während der Mahlzeit mehr Wasser tranken, im Durchschnitt auch größere Mengen an Nahrung und mehr Kalorien aufnahmen. Höhere Wasseraufnahme gleich höhere Nahrungs- und Kalorienaufnahme – die Forscher bezeichnen diesen Befund als statistisch signifikant.

Insbesondere ein häufiges Wechseln zwischen Essen und Trinken, also das oben beschriebene „Switching“, steigerte offenbar die Nahrungsaufnahme. Personen, die während der Mahlzeit häufiger zwischen Essen und Wassertrinken wechselten, nahmen demnach tendenziell mehr Nahrung zu sich, halten die Autoren fest.

Nun zum Einfluss der Schärfe auf das Essverhalten und dazu, wie sich Wasser hier auswirkt: In den ursprünglichen Studien hatte sich gezeigt, dass eine höhere Schärfe der Mahlzeiten die Studienteilnehmer langsamer essen und weniger Nahrung aufnehmen ließ. Die zusätzliche Analyse untersuchte, ob Wassertrinken diesen Effekt abschwächen könnte. Dies war jedoch nicht der Fall: Weder die Menge des getrunkenen Wassers noch das häufige Wechseln zwischen Bissen und Schlucken beeinflussten den Effekt der Schärfe auf die Nahrungsaufnahme.

Auch interessant: Ist es (un)gesund, scharf zu essen?

Interessant war zudem, dass die Wasseraufnahme und die Anzahl der Schlucke bei vielen Personen relativ konsistent blieben. Sie tranken stets etwa gleich viel – unabhängig davon, ob ihre Mahlzeit milder oder schärfer war.

Mögliche Bedeutung der Studie

Insgesamt deutet die Analyse darauf hin, dass mehr Trinken während des Essens nicht automatisch zu weniger Essen führt. Es war unter den untersuchten Bedingungen sogar mit einer höheren Aufnahme verbunden.

Die Studie stellt somit einen verbreiteten Alltagstipp zumindest infrage. Es gibt zahlreiche Menschen, die versuchen, Wasser als eine Art Appetitzügler zu nutzen. Die vorliegenden Daten sprechen zunächst dagegen, dass dieser Trick funktioniert.

Besonders das untersuchte „Switching“-Verhalten könnte laut den Autoren ein bislang unterschätzter Faktor für unnötig ausgedehnte Mahlzeiten sein. Warum das so ist, fragte FITBOOK die Studienautorin Dr. Paige Cunningham.

Studienautorin erklärt FITBOOK zugrunde liegendes Phänomen

Die Autorin verweist auf das Phänomen der sensorisch-spezifischen Sättigung: Je länger wir ein bestimmtes Lebensmittel essen, desto stärker nimmt dessen Reiz ab. Irgendwann empfinden wir es nicht mehr als besonders angenehm und hören auf zu essen.

Nach ihrer Einschätzung könnte ein häufiger Wechsel zwischen verschiedenen Reizen – etwa zwischen Essen und Wasser – diesen Prozess hinauszögern. Die sensorischen Kontraste könnten dazu führen, dass eine Mahlzeit länger dauert und insgesamt mehr gegessen wird. Dieses sogenannte „Switching“ sei allerdings noch ein vergleichsweise junges Forschungsfeld. Der Zusammenhang sei bisher nicht abschließend geklärt, könne nach Ansicht von Dr. Cunningham aber ein interessanter Ansatzpunkt für verhaltensbezogene Interventionen sein.

Wasser verflüchtigt sich relativ schnell – mit einer Ausnahme

Gleichzeitig betont die Autorin, dass Wasser den Magen relativ schnell verlässt und daher wahrscheinlich keinen nachhaltigen Einfluss auf das Sättigungsgefühl hat. Stattdessen könne Wasser während der Mahlzeit den Durst stillen, den Essgenuss verlängern und das Essen beschleunigen – Faktoren, die tendenziell mit einer höheren Energieaufnahme verbunden seien. Eine mögliche Ausnahme könnten allerdings ältere Menschen darstellen, bei denen sich der Magen langsamer entleert.

Wichtig: Die neue Analyse bezog sich explizit auf das Trinken von Wasser während der Mahlzeiten. Frühere Studien hatten dagegen teilweise gezeigt, dass Wasser vor einer Mahlzeit zumindest bei bestimmten Gruppen – und hierzu zählten vor allem Ältere – die Nahrungsaufnahme senken kann.

Interessanterweise deuten die ausgewerteten Daten darauf hin, dass Menschen mit höherem Körpergewicht Wasser schneller und regelmäßiger über die Mahlzeit verteilt trinken. Ähnliche Zusammenhänge seien bereits in Studien mit Kindern beobachtet worden, teilweise sogar in Verbindung mit einem höheren Körperfettanteil im späteren Leben.3

Mehr zum Thema

Chili soll beim Abnehmen helfen

Ernährung Wer abnehmen möchte, sollte laut Studie auf dieses Gewürz setzen

Eine Frau trinkt Wasser

Forschung Das passiert mit der Gesundheit, wenn man den täglichen Wasserkonsum erhöht

»Studie nur der erste Schritt

Die Autorin ordnet die Ergebnisse insgesamt ausdrücklich als vorläufig ein. „Diese Studie ist wirklich nur ein erster Schritt“, sagt sie. Es brauche deutlich mehr Forschung, um zu klären, ob die beobachteten Zusammenhänge tatsächlich kausal sind. Zudem sei offen, ob sich die Ergebnisse auf andere Lebensmittel und Mahlzeiten – etwa Abendessen oder Snacks – sowie auf Alltagssituationen außerhalb des Labors übertragen lassen. Auch die Art des Getränks, beispielsweise aromatisierte oder zuckerhaltige Getränke, könnte eine wichtige Rolle spielen. Das Forschungsteam wolle diesen Fragen in zukünftigen Studien weiter nachgehen.

Zum Abschluss ihrer Arbeit mahnen die Autoren, dass Wasser selbstverständlich ein wichtiges Lebensmittel für die allgemeine Gesundheit ist und bleibt. Die Ergebnisse legen jedoch nahe, dass man nicht davon ausgehen sollte, dass das Trinken von Wasser während der Mahlzeiten die Kalorienaufnahme reduziert. Für das Körpergewicht bleibt weiterhin die gesamte Energieaufnahme entscheidend.

Einschätzung des FITBOOK-Ernährungsexperten

Der Ernährungswissenschaftler Uwe Knop ordnet die Ergebnisse vorsichtig ein: „Die Studie ist methodisch sauber durchgeführt, ihre Aussagekraft aber begrenzt.“ Da es sich lediglich um eine Sekundäranalyse kleiner Laborstudien mit 86 Erwachsenen handelt, lasse sich zwar ein Zusammenhang erkennen, aber keine eindeutige Ursache-Wirkungs-Beziehung zwischen Wasseraufnahme und Nahrungsmenge belegen.

Die beobachteten Effekte seien zudem eher klein. Zwar nahmen Personen, die mehr Wasser tranken, auch etwas mehr Nahrung zu sich, „für den Alltag sind diese Unterschiede jedoch wahrscheinlich von begrenzter Bedeutung“. Wasser könne zwar kurzfristig das Magenvolumen erhöhen, daraus lasse sich aber keine allgemeine Abnehmwirkung ableiten.

Für Verbraucher sieht der Experte keinen Anlass, das eigene Trinkverhalten aufgrund dieser Studie zu ändern. Entscheidend seien vielmehr langfristige Ernährungsgewohnheiten sowie der Umgang mit Hunger- und Sättigungssignalen. „Ob jemand zum Essen trinkt oder nicht, kann weiterhin nach Durst, Geschmack und persönlicher Verträglichkeit entschieden werden“, befindet er.

Einschränkungen

Die Ergebnisse lassen sich insgesamt nur eingeschränkt interpretieren. Unter anderem deshalb, weil die Wasseraufnahme nicht der ursprüngliche Schwerpunkt der beiden Studien war. Die Analyse kann daher lediglich zeigen, dass bestimmte Trinkmuster mit der Nahrungsaufnahme zusammenhängen – sie kann nicht beweisen, dass Wasser direkt darüber entscheidet, ob eine Person mehr oder weniger isst.

Weiterhin bleibt offen, wie auch Forscherin Cunningham gegenüber FITBOOK betont, ob sich die Ergebnisse auf verschiedene Mahlzeiten – also nicht nur auf die untersuchten Speisen, Chili und Tikka Masala – übertragen lassen. Zudem ist zu berücksichtigen, dass die Nahrungsaufnahme unter kontrollierten Laborbedingungen und unter Beobachtung erfolgte. Dadurch kann nicht ausgeschlossen werden, dass sich die Teilnehmer anders verhielten als im Alltag. Außerhalb eines Studienkontexts essen Menschen häufig in sozialen Situationen, konsumieren unterschiedliche Getränke und stehen nicht unter kameragestützter Beobachtung. Die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf das reale Essverhalten ist daher nur eingeschränkt möglich.

Die Verlässlichkeit der Studie schränkt weiterhin ein, dass die Stichprobe mit 86 Personen relativ klein war und überwiegend aus weißen Frauen bestand. Deshalb sind die Ergebnisse nicht unbedingt auf verschiedene Bevölkerungsgruppen übertragbar. Zudem basierten die Angaben zu verschiedenen Einflussfaktoren wie Körpergröße und Gewicht der Teilnehmer teilweise auf Selbstangaben, sodass fehlerhafte (z. B. veraltete) Werte nicht ausgeschlossen werden können.

Darüber hinaus erfasste die Studie ausschließlich die akute Nahrungsaufnahme bei einzelnen Mahlzeiten. Aussagen darüber, ob häufigeres Trinken während des Essens langfristig Auswirkungen auf das Körpergewicht hat, sind auf Grundlage dieser Daten nicht möglich.