Simone Stribl: "Als ORF-Mitarbeiterin wird man überall gefragt, was da los ist"
ORF-Interviewerin
Simone Stribl: "Als ORF-Mitarbeiterin wird man überall gefragt, was da los ist"
Nach 2020 moderiert Simone Stribl heuer zum zweiten Mal die ORF-"Sommergespräche". Die ORF-Journalistin spricht über ihre Pro-und-Contra-Liste und die ORF-Turbulenzen
Interview
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Oliver Mark
Wien – Der Sparkurs macht auch vor der wichtigsten ORF-Interviewreihe nicht Halt. Im Jahr 2020 diente noch das Weingut am Reisenberg als malerische Kulisse für ihre Sommergespräche, heuer muss wieder der Garten im ORF-Zentrum herhalten: Simone Stribl bittet die Parteichefs und Parteichefinnen ab 10. August zum zweiten Mal zur beliebten ORF-Gesprächsreihe. Im Interview mit dem STANDARD spricht die 39-jährige Oberösterreicherin über die Bedeutung des Formats, und warum sie sich dem Protest hunderter ORF-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter gegen Machtmissbrauch und Skandale angeschlossen hat.
STANDARD: Nach 2020 moderieren Sie heuer zum zweiten Mal die ORF-Sommergespräche. Welche Bedeutung hat die Gesprächsreihe noch?
Stribl: Auf die Sommergespräche habe ich mich schon gefreut, bevor ich zum ORF gekommen bin. Ich empfinde sie noch immer als ein besonderes Ereignis. Wohl auch, weil so viele eine Meinung dazu haben und die Interviews regelmäßig für Wirbel und viel Begleitmusik sorgen. Das ist einerseits anstrengend, zeigt aber, dass die Sommergespräche noch immer relevant sind.
STANDARD: Was hat sich bei Ihnen geändert?
Stribl: In den vergangenen Jahren habe ich sehr viel an Fernseherfahrung gewonnen. Ich moderiere die ZiB und den ZiB Talk und ich habe für den ORF viele Krisen begleitet. Etwa auch die Koalitionsgespräche 2025, als ich im Jänner frierend vor dem Kanzleramt gestanden bin. Auch solche Dinge bereiten einen gut auf die Sommergespräche vor. Nicht von der Kälte her, aber von den Turbulenzen.
STANDARD: Mussten Sie länger überlegen, die Gesprächsreihe ein zweites Mal zu moderieren, weil der Sommer und die Urlaubsplanung darunter leiden?
Stribl: Für mich ist es überraschend gekommen. Das war nicht in meiner Lebensplanung, wie Politiker manchmal sagen (lacht). Ich wurde im März gefragt, habe eine Nacht darüber geschlafen und mir eine Pro-und-Contra-Liste gemacht. Die Pluspunkte haben überwogen. Ich werde heuer 40 und das sind meine zweiten Sommergespräche in den 30er-Jahren. Für mich ist das ein guter Abschluss eines Jahrzehnts (lacht).
STANDARD: Was waren die Minuspunkte auf der Liste?
Stribl: Natürlich, dass man keinen Sommer hat, nicht mit Freunden entspannt am Abend bei einem Drink sitzen und das Leben genießen kann, sondern sich ab sofort bei einer Aussage eines Politikers oder bei einem Thema denkt, dass das relevant sein könnte. Auf meinem Handy habe ich schon eine lange Notizliste. Das Abschalten ist einfach schwierig. Das geht bis zum 7. September so.
STANDARD: Haben Sie die Befürchtung, dass sich das Interesse an den Interviews heuer in Grenzen halten wird, nachdem keine wichtigen Wahlen auf dem Programm stehen und kein Ende der Koalition in Sicht ist?
Stribl: Es ist zwar kein Wahljahr, aber ein sachpolitisch wichtiges Jahr. Es wurden sehr viele Reformen versprochen. Die Umsetzung wird ein großes Thema sein. Im Vordergrund des Gesprächs werden die Inhalte stehen, nachdem es keine großen Personaldiskussionen bei den Parteien gibt. Kriege, Krisen und Teuerung; Themen gibt es genug. Und die ändern sich schnell – siehe etwa Iran-Krieg. Bei den Sommergesprächen geht es zwar ums große Ganze, sie sind aber in den vergangenen Jahren immer aktueller geworden.
STANDARD: Als Sie im Jahr 2020 moderiert hatten, war es das Jahr nach dem Ibiza-Video. Corona war ein großes Thema. Heuer ist es ruhiger. Sind Ihnen die großen Aufreger lieber oder doch das Ruhigere und Analytische?
Stribl: Vielleicht kommt es uns nur so vor, aber es ist alles andere als ruhig in dieser Welt. Viele Entscheidungen Donald Trumps können unmittelbar Auswirkungen auf uns haben. Ich traue mich nicht zu sagen, dass es ein ruhiger Sommer wird. Und 2020 war die Pandemie im Sommer mit niedrigen Infektionszahlen im Vergleich zu dem, was danach gekommen ist, einigermaßen harmlos. Im Rückblick war es im Sommer 2020 gar nicht so turbulent, sondern erst der Anfang einer noch schwierigeren Zeit mit der Pandemie und dem Ukraine-Krieg.
"Mein Motto ist, kritisch und fair zu sein."
STANDARD: Wie werden Sie es vom Stil her anlegen? Konfrontativ und insistierend oder ruhiger?
Stribl: Die Sommergespräche ändern sich jedes Jahr vom Stil her. Mein Motto ist, kritisch und fair zu sein. Ich möchte die Inhalte, die für die Bürgerinnen und Bürger wichtig sind, abklopfen und die Ideen für die Zukunft abfragen.
STANDARD: Gab es schon einmal so etwas wie das perfekte Interview, mit dem Sie rundum zufrieden waren?
Stribl: Nein, danach strebt man bis an sein berufliches Ende. Zufrieden war ich beispielsweise nach der Nationalratswahl 2024, als alle Spitzenkandidaten bei mir waren. Wir konnten in 25 Minuten die drängendsten Fragen klären. Man kann nie sagen, wie ein Interview wird.
STANDARD: ORF-Chefredakteur Johannes Bruckenberger sagt über Sie: Sie vereint "analytische Schärfe mit journalistischer Fairness" und steht für eine souveräne Gesprächsführung: "Eigenschaften, die gerade in politisch herausfordernden Interviews den Unterschied machen." Ich nehme an, Sie können mit dieser Charakterisierung gut leben?
Stribl: Lassen Sie es mich noch einmal lesen (lacht). Ich bin seit 18 Jahren Politikjournalistin im ORF und kenne die Parteien. Meine Stärke ist, dass ich bereits so viele Krisen erlebt habe und inhaltlich sattelfest bin. Das geht natürlich nicht bei allen Themen hundertprozentig, deswegen recherchiert man und liest sich ein.
STANDARD: Kommt FPÖ-Chef Herbert Kickl überhaupt? Er lehnt ja gerne Einladungen zu kritischen Interviews ab?
Stribl: Doch, er hat bereits zugesagt. Er war auch in den vergangenen Jahren zu Gast, und es war noch nie der Fall, dass ein Parteichef abgesagt hat. Das zeugt auch vom hohen Stellenwert der Sommergespräche.
STANDARD: Herbert Kickl gibt kein ORF-Interview, ohne den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ins Visier zu nehmen. Wie bereiten Sie sich auf solche Attacken vor?
Stribl: Nach den Ereignissen der vergangenen Monate wird der ORF vermutlich auch bei den anderen Interviewgästen eine Rolle spielen. Ich weiß dann, was zu sagen ist. Es wird keine Überraschung sein, weil ich die Aussagen und Reden der Politiker kenne.
STANDARD: Vor einigen Jahren haben Sie gesagt, dass Lou Lorenz-Dittlbacher ein Vorbild für Sie ist. Gibt es noch weitere?
Stribl: Lou Lorenz-Dittlbacher ist noch immer ein großes Vorbild, daran hat sich nichts geändert. Ich mag aber auch die Interviewführung von Susanne Schnabl, früher von Gabi Waldner, als sie noch beim Report war. Ich bin nicht nur im Studio, sondern als Livereporterin im Einsatz. Hier finde ich Kaitlan Collins von CNN toll, wie sie etwa in den Pressekonferenzen mit Donald Trump ihre Fragen stellt.
STANDARD: Ihre Vorbilder sind eher Frauen?
Stribl: Ja, aber es ist nicht so, dass ich mich komplett an ihnen orientiere. Jeder hat seinen eigenen Stil, und dennoch kann man sich bei Gesprächen immer etwas abschauen.
STANDARD: Die Sommergespräche finden zum zweiten Mal hintereinander im ORF-Zentrum im Garten statt. Ist das dem Sparkurs geschuldet?
Stribl: Für mich ist das total in Ordnung. Natürlich ist es schön, wenn man die Gespräche am Traunsee macht wie Martin Thür vor zwei Jahren, das wäre mein Heimatbezirk. Im ORF-Zentrum haben wir die komplette Infrastruktur. Die Wege sind kurz, das ist auch für die Gäste effizient. Ich fahre in der Früh in die Arbeit und nach den Interviews wieder heim. Ein fast ganz normaler Arbeitstag, nur etwas turbulenter (lacht).
"Natürlich ist der Ausblick am Reisenberg schöner, aber auch im ORF-Zentrum gibt es Insekten. Und auch ohne Feuerschalen ist es ganz ok."
STANDARD: Ihre letzten Sommergespräche fanden in einem Weingut am Reisenberg statt. Haben das Setting und die Atmosphäre Auswirkungen auf das Gespräch?
Stribl: Da die Gespräche draußen im Garten stattfinden, sofern es nicht regnet, wird der Unterschied nicht so groß sein. Natürlich ist der Ausblick am Reisenberg schöner, aber auch im ORF-Zentrum gibt es Insekten. Und auch ohne Feuerschalen ist es ganz ok. (lacht)
STANDARD: Unter dem Hashtag "Nichtmituns" protestierten hunderte ORF-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter gegen Machtmissbrauch und die Zustände beim ORF. Sie waren auch beteiligt. Warum ist es Ihnen ein Anliegen, damit an die Öffentlichkeit zu gehen?
Stribl: Ich habe das auch auf meiner Insta-Seite gepostet, weil viele das Gefühl hatten, sie müssen sich für etwas rechtfertigen, wofür sie nicht verantwortlich sind. Als ORF-Mitarbeiterin wird man überall gefragt, ob im Supermarkt oder beim Frisör, was da los ist. Man kommt in eine Verteidigungshaltung. Wir wollen, dass über unsere Arbeit gesprochen wird und nicht über Vorgänge im Unternehmen. Deswegen fand ich die Aktion wichtig.
STANDARD: Werden Sie oft damit konfrontiert und als ORF-Mitarbeiterin auf diese Skandale reduziert?
Stribl: Ich glaube, dass die Leute hier schon unterscheiden. Es gab die Gefahr, dass das angekratzte Image und das Misstrauen auf alle ORF-Mitarbeiter darüber gestülpt wird. Mit dieser Aktion wollten wir ein Zeichen setzen.
STANDARD: Dieser offene Brief ist mit Forderungen verknüpft, dass etwa aktiv gegen Machtmissbrauch vorgegangen wird, dass unabhängige Expertinnen im ORF-Stiftungsrat sitzen statt Parteileute. Wurde Machtmissbrauch nicht konsequent genug verfolgt?
Stribl: Die Ereignisse der vergangenen Monate haben gezeigt, wo es Aufholbedarf gibt. Zum Beispiel bei Beschwerdestellen. Ich bin mir aber sicher, dass das Ingrid Thurnher und die neue ORF-Spitze angehen.
"Witze, die man vor 15 Jahren gehört hat, werden nicht mehr gemacht. Das ist auch gut so."
STANDARD: Sie sind seit 18 Jahren beim ORF: Waren Sie schon einmal mit Machtmissbrauch und Belästigung konfrontiert?
Stribl: Ich kann für unseren Newsroom sprechen und da erlebe ich in unseren Redaktionen sehr viel Wertschätzung. Ich habe das Vertrauen, dass es Konsequenzen geben würde, sollten Dinge passieren, die nicht in Ordnung sind. In den 18 Jahren hat sich aber sicher auch – wie in unserer Gesellschaft – der Ton verändert. Witze, die man vor 15 Jahren gehört hat, werden nicht mehr gemacht. Das ist auch gut so.
STANDARD: Jetzt wird das eher sanktioniert?
Stribl: Es ist klar, dass man gewisse Witze nicht mehr macht. Sollte das noch immer so sein, würde ich darauf hinweisen.
STANDARD: Im Herbst fällt der Startschuss für den Diskussionsprozess, wie es mit dem ORF weitergehen soll. Welche Wünsche haben Sie an die Politik?
Stribl: Als Journalistin im ORF wünsche ich mir, dass wir weiter unabhängig arbeiten können und finanziell so ausgestattet sind, dass wir unsere Arbeit gut machen können. Und dass wir auf Programmpunkte und nicht auf Schlagzeilen, die unser Unternehmen macht, angesprochen werden.
STANDARD: Bekommen Sie den Spardruck bereits jetzt zu spüren? Es drohen noch weitere Einsparungen im hohen zweistelligen Millionenbereich.
Stribl: Seitdem ich beim ORF bin, gab es immer wieder Sparpakete. Wir arbeiten immer effizienter, was Kamerateams und die multimediale Redaktion betrifft. Bei und im Newsroom wird auf jeden Cent geschaut. Wir können aber derzeit noch gut arbeiten. Wenn die Sparvorgaben kommen, wird es auch für uns schwieriger. (Oliver Mark, 26.7.2026)
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