Shroudfall: Das Tabletop aus Österreich bringt wütende Pandas auf den Spieltisch
Austro-Taktik
Shroudfall: Das Tabletop aus Österreich bringt wütende Pandas auf den Spieltisch
Bewaffnete Bären, mutierte Wälder und der Kampf um die Essenz: Ein neues Miniaturenspiel will den Markt mit frischen Ideen aufmischen
Peter Zellinger
"Shroudfall ist ein sehr österreichisches Spiel. Irgendwas ist immer", lacht Spieldesigner Bernhard Bornatowicz von Gamebreakers im Rahmen des Spielefestes Wien, als er eine Probepartie von Shroudfall für neugierige Journalisten leitet. Auf dem Spielbrett stehen Figuren mit vermoderten Baum-Zombies und äxteschwingenden Pandabären. Shroudfall möchte im Tabletop-Markt etwas Besonderes sein.
Die Idee: Die Regeln sollen möglichst zugänglich sein, ohne Komplexität vermissen zu lassen. Wer einen Plan hat, wird belohnt. Wer nur Elitetruppen spammt und in die Mitte des Spielfelds stürmt, hat es schwer. Dabei soll der Einstieg so einfach wie möglich sein – ein ganz schöner Anspruch, den die beiden Entwickler Bernhard Bornatowicz und Daniel Maierl an ihr System stellen.
"Wenn man auf einer einsamen Insel strandet und jeder hat eine der Fraktionsboxen mit, kann man sofort loslegen", so Bornatowicz. In anderen Systemen braucht man schließlich zusätzlich zu den Figuren Gelände, Maßbänder und Würfel. Shroudfall will diese Hürde einreißen und den Spielern mit den Fraktionssets alles in die Hand geben, was sie für eine erste Partie brauchen.
Die Regeln selbst sind ein klassischer Fall von "schnell zu lernen, schwer zu meistern". Das ist auch durchaus so gewollt und war einer der Ursprungsgedanken für das Tabletop-Spiel. "Wir haben in der Vergangenheit oft die Erfahrung gemacht, dass wir uns über Regelauslegungen streiten mussten. Unser Ziel war es daher, klar formulierte Regeln zu schaffen", so der Co-Entwickler.
Mehr als ein Skirmish-Game
Shroudfall wird üblicherweise mit 15 bis 20 Miniaturen gespielt und liegt damit schon etwas über dem Figurenlimit der meisten Skirmish-Games. Deshalb sprechen die Entwickler auch eher von einer Vanguard-Größe, also dem Bereich zwischen klassischem Skirmisher und Rank-and-File-Spiel. Gezogen wird abwechselnd, bis alle Spieler ihre Figuren aktiviert haben. Gewürfelt wird auf den ersten Blick mit klassischen W6, wobei diese nicht alle Zahlen aufweisen, sondern auch leere Felder haben. Rote Würfel sind besonders mächtig; hier kann man maximal eine 4 würfeln. Das soll extrem frustrierende Momente verhindern – etwa, wenn in anderen Systemen die Elite-Figur angreift und eine Dreifach-Eins würfelt. Auf die Regeln soll aber in einem eigenen Testbericht noch einmal genauer eingegangen werden.
Komplexität kommt durch Sonderfertigkeiten der Einheiten ins Spiel sowie durch ein spezielles Ressourcensystem: Greift eine Einheit an, generiert sie Essenzkristall, die man für mächtigere Aktionen braucht. Diese müssen aber in der richtigen Farbe gesammelt werden, und nicht jede Einheit produziert die Farbe, die sie eigentlich benötigt. "Shroudfall belohnt dich, wenn du einen Plan hast und deine Aktionen vorbereitest", beschreibt Bornatowicz die Idee dahinter.
Idee kam bei der Autofahrt
Doch wie kommt man auf den Gedanken, ein eigenes Tabletop-Spiel zu entwickeln? Die zündende Idee kam den beiden Entwicklern auf einer dreistündigen gemeinsamen Autofahrt. Damals waren beide große Fans eines anderen Systems, das aber an Popularität verlor. Also musste ein neues System her, das einsteigerfreundlich, aber turniertauglich ist.
Nach einer Diskussion an einem Brettspiel-Wochenende darüber, ob man so ein riesiges Projekt überhaupt stemmen könnte, stellten sie zunächst einfach Figuren ohne feste Regeln auf den Tisch. Sie überlegten sich dabei völlig frei, was "cool" am Tisch wäre – zum Beispiel, was eine spannende Armee-Liste ausmacht oder wie sich ein idealer erster Zug anfühlen sollte. Unter anderem entstand dabei die Fraktion der Chosen of the Spirit Tree, die Panda-Fraktion.
Das Tabletop aus Österreich muss aber gleichzeitig noch ein Kriterium erfüllen: Es soll nicht ausarten. Bei den Marktführern von Games Workshop wie Age of Sigmar oder Warhammer 40.000 kann schon der Aufbau des Spielfeldes eine Dreiviertelstunde in Anspruch nehmen. Eine übliche Partie dauert drei bis vier Stunden, wenn alle Spieler die Regeln gut kennen – was auch nicht immer der Fall ist. Daher soll Shroudfall möglichst einfach im Setup sein: Gelände hat eine vordefinierte Größe, ein Spiel soll in etwa zwei Stunden vorbei sein.
Die Hintergrundgeschichte ist eine klassische Fantasy-Erzählung: Seit uralten Zeiten wird die Welt Astira durch eine gewaltige, himmlische Barriere geschützt – den "Shroud". Dieser magische Schild bewahrte die Zivilisationen vor den unvorstellbaren Schrecken des "Beyond". Kein Wunder, dass der Shroud wie eine Art Gottheit verehrt wurde.
Doch eines Tages passierte das Unfassbare: Der Erste Riss. Der Shroud flackerte, die himmlische Stimme verstummte, und der ewige Schild riss auf. Zwar schloss sich der Spalt nach kurzer Zeit wieder, doch die Welt war für immer verändert. Die Schrecken des Beyond waren plötzlich eine sehr reale Bedrohung, und der Glaube der Bewohner an die absolute Sicherheit wurde erschüttert.
Der Shroud ist seit dem Riss instabil und droht weiter zu zerfallen. Das Einzige, was seine schwindenden Verteidigungsanlagen aufrechterhalten kann, ist eine gewaltige Menge an Energie. Diese Energie wird aus Essenz-Kristallen gewonnen. Was einst eine reichlich vorhandene, magische Ressource war, ist nun knapp, und die Fraktionen kämpfen erbittert um die wertvollen Steine.
Vier, nein, fünf Fraktionen
Aktuell gibt es vier Kernfraktionen sowie einen Neuzugang. Da wären natürlich The Chosen of the Spirit Tree, das wohl ikonischste Volk des Spiels. Diese Fraktion besteht aus den großen, stoischen Riesenpandas der Ailur und den Aiyani, den roten Pandas mit feurigem Temperament (und einem Faible für übergroße Hieb- und Stichwaffen). Früher tief verfeindet, wurden sie durch die Entdeckung des mystischen Geisterbaums im Herzen des "Waldes der Seelen" vereint. Sie sehen den Baum als Manifestation ihres Gottes und als Bindeglied zwischen der Geister- und der Sterblichenwelt. Sie kämpfen, um die Natur zu beschützen und das Gleichgewicht zu wahren.
The Bloodthorne sind eine Mischung aus Waldelfen und Untoten. Kurz nach dem Ersten Riss erwachte diese unheimliche Kraft. Der Bloodthorne ist eine Art korrumpierte, fleischfressende Natur, die von einem unstillbaren Hunger nach Essenz und Leben getrieben wird. Sie verwandeln ganze Landstriche in gefährliche Dornenlandschaften, in denen die Pflanzenwelt grotesk mutiert, Sporen Wahnsinn auslösen und Leichen als willenlose, pflanzliche Monstrositäten wiederauferstehen.
The Umbral Veil ist ein geheimer Kult unter der Führung des brillanten, aber völlig wahnsinnigen Alchemisten Dr. Horatio Ashcroft. Ashcroft fand einen Weg, Essenz-Kristalle direkt in menschliche Körper einzupflanzen. Das Ergebnis sind gewaltige, mutierte Abscheulichkeiten aus Fleisch und Stahl. Der Kult entführt Menschen für seine Experimente und hat das Ziel, die aktuelle Regierung zu stürzen und Astira in eine neue, groteske Ordnung zu zwingen.
Die Silver Line ist die Fraktion für all jene, die dick gerüstete Krieger und eine eher klassische Ästhetik suchen. Die etablierte menschliche Zivilisation steht für religiöse Ordnung. Sie versucht verzweifelt, Aufstände zu unterdrücken, die Kontrolle über die Bevölkerung zu behalten und genug Essenz zu sammeln, um die Shroud aufrechtzuerhalten.
Gegenüber dem STANDARD hat das Entwicklerteam noch eine fünfte, neue Fraktion vorgestellt: die Kazyr. Dieses gehörnte Volk lebt in den rauen, vulkanischen Veyr-Ashaal-Bergen. Das Feuer sowie die vulkanischen Aktivitäten ihrer Heimat betrachten sie nicht als Bedrohung, sondern als natürlichen Rhythmus der Welt. Ihre Gesellschaft und Philosophie sind tief von den Eigenschaften des Feuers geprägt und folgen dem sogenannten "Dreifachen Pfad", der ein lebenslanges Gleichgewicht zwischen den Aspekten Ember (Wissen und Verständnis), Flare (Mut und Handeln) und Cinder (Ausdauer und Disziplin) erfordert. Die Fraktion soll demnächst erscheinen.
Je nach Fraktion stehen den Spielern etwa 15 verschiedene Einheiten zur Verfügung, aus denen man sich eine Streitmacht aus 15 bis 20 Miniaturen zusammenstellen kann.
Auch größere Minis sollen kommen
Auch beim Material geht Gamebreakers eigene Wege. Die Figuren werden aus einem speziellen Kunstharz gedruckt, das weniger spröde und brüchig ist als das übliche Material. Schließlich soll die in stundenlanger Arbeit bemalte Miniatur nicht sofort zerbrechen, wenn sie einmal aus der Hand fällt. Zudem sind auch große Modelle wie 120-mm-Kreaturen oder Drachen für das System geplant und teilweise schon umgesetzt. Aktuell sind die Fraktionsboxen und Miniaturen im hauseigenen Shop oder bei Sirengames in Wien erhältlich. Ressourcen wie das Regelbuch und Einheitenkarten können kostenlos heruntergeladen werden. Gelände und Maßstäbe können selbst 3D-gedruckt werden.
Am 26. Juli findet in der Holochergasse 53, 1150 Vienna ein "Open Game Day" statt, wo man Shroudfall ausprobieren kann.
Damit zeigt Gamebreakers, dass sie an die Wünsche der Spieler gedacht haben. Ob Shroudfall sich auf dem hart umkämpften Tabletop-Markt langfristig behaupten kann, wird sich zeigen. Die Mischung aus einsteigerfreundlichen Mechaniken, einer düster-faszinierenden Welt und dem klaren Fokus auf taktische Tiefe ist jedoch ein vielversprechender Start für das österreichische Herzensprojekt. Wie sich die Jagd nach der Essenz tatsächlich auf dem Schlachtfeld anfühlt, klären wir in Kürze in unserem ausführlichen Testbericht. (Peter Zellinger, 18.7.2026)
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