Sein Name war Satnam Singh (1993 - 2024), getötet durch fossile & korrupte Landwirtschaft » Natur des Glaubens » SciLogs - Wissenschaftsblogs
Aus Indien kam der Sikh Satnam Singh nach Europa, Italien, wo er gemeinsam mit seiner Ehefrau Soni im mafiösen System des „Caporalato“ in der industriellen Landwirtschaft ausgebeutet wurde. Im Juni 2024 geriet er in eine ungesicherte Maschine, die Felder großflächig mit Plastik überzog. Seine Beine wurden zerquetscht und ein Arm wurde ihm abgerissen.
Doch trotz des Flehens seiner Frau brachte der italienische „Padrone“ Antonello Lovato den illegal beschäftigten Schwerverletzten nicht ins Krankenhaus, sondern nur vor die Unterkunft – mit dem abgerissenen Arm in einer Gemüsekiste. Zwar riefen Nachbarn noch einen Krankenwagen, doch Satnam Singh starb.
Ein Protestplakat mit einem Foto des getöteten Satnam Singh auf YouTube. Bildquelle: @dwnews
Nun hat ein Gericht in Latina den 39jährigen Lovato zu einer Gefängnisstrafe von 16 Jahren verurteilt.
Noch während Tausende Erntehelfende und Gewerkschaftsmitglieder demonstrierten, wurden vier weitere Zwangsarbeitende von zwei pakistanischen „Capos“ in ein Auto gesperrt und darin bei lebendigem Leibe verbrannt. Sie hatten es gewagt, die Auszahlung ihres ausstehenden Lohnes einzufordern.
Die Stuttgarter Zeitung zitierte dazu in ihrer Ausgabe vom 11. Juli 2026, S. 3, den mutigen Mafia-Aufklärer Roberto Saviano zur Gefahr der sogenannten „Agro-Mafia“:
„Verantwortlich sind die großen Einzelhandelsketten. Sie kaufen zu Preisen, die es den Produzenten unmöglich machen, einen angemessenen Lohn zu bezahlen.“
Im letzten Blogpost haben wir uns mit der Entwicklung der fossilen Konzernmedien im 19. und 20. Jahrhundert befasst, doch eine analoge Entwicklung gab es auch in der Landwirtschaft: An die Stelle von bäuerlichen Kleinbetrieben standen immer größere Unternehmen und schließlich Konzerne, die auf Basis fossiler Maschinen und abhängig Beschäftigter Pflanzenkost und tierische Produkte (Fleisch, Milch, Häute usw.) produzierten.
In Deutschland entwickelten der deutsch-jüdische Chemiker Fritz Haber (1868 – 1934) aus Karlsruhe und sein Kollege Carl Bosch (1874 – 1940) aus Ludwigsburg das Haber-Bosch-Verfahren, das ab der Patentierung 1908 die industrielle Herstellung von Stickstoffdünger, aber auch von Sprengstoff aus fossilen Rohstoffen ermöglichte.
Als Erfindern der industriellen Massentierhaltung ab 1923 gilt die US-Hühnerzüchterin Cecile Long Steele (1900 – 1940).
Einerseits ermöglichte die fossile und industrielle Landwirtschaft immer größere Erträge und bewahrte Milliarden Menschen vor Hunger. Andererseits aber beanspruchte insbesondere die Tierhaltung immer mehr Land, Wasser, Energie, Nahrungsmittel, Medikamente, Dünger und Arbeitskräfte, so dass sich ein System der Externalisierung von Kosten und der Ausbeutung von Mitwelt, Tieren und Menschen entwickelte.
Viele europäische Bauern schlossen sich dem italienischen Faschismus, österreichischen Austrofaschismus und deutschen Nationalsozialismus an und forderten als „Nährstand“ mehr Land, mehr Rechte, Subventionen und billige Arbeitskräfte, gerne auch Zwangsarbeitende.
Auch in jüngerer Zeit wandten sich wieder mehr bäuerliche Funktionäre und Aktivisten quer durch Europa auch mit Rechtspopulismus, Blockaden, Drohungen und Gewalt gegen demokratische Parteien, gegen die Europäische Union und deren Freihandelsabkommen Mercosur mit südamerikanischen Staaten. Nicht wenige fordern immer wieder höhere Subventionen auch für Klimakrise-Ernteausfälle und Agrardiesel – und unterstützen zugleich rechtsmimetische Parteien, die wissenschaftliche Erkenntnisse etwa zu den Folgen von Methan und Nitraten leugnen.
Auch benötigen sie ausländische Arbeitskräfte wie Erntehelfer und Fleischer, denen manche jedoch gerechte Löhne und Arbeitnehmerrechte vorenthalten – nicht nur in Italien.
So mahnte auch Papst Franziskus (1936 – 2025) in seiner großen Ökologie-Enzyklika „Laudato Si“ von 2015:
25. Der Klimawandel ist ein globales Problem mit schwerwiegenden Umwelt-Aspekten und ernsten sozialen, wirtschaftlichen, distributiven und politischen Dimensionen; sie stellt eine der wichtigsten aktuellen Herausforderungen an die Menschheit dar. Die schlimmsten Auswirkungen werden wahrscheinlich in den nächsten Jahrzehnten auf die Entwicklungsländer zukommen. Viele Arme leben in Gebieten, die besonders von Phänomenen heimgesucht werden, die mit der Erwärmung verbunden sind, und die Mittel für ihren Lebensunterhalt hängen stark von den natürlichen Reserven und den ökosystemischen Betrieben wie Landwirtschaft, Fischfang und Waldbestand ab. Sie betreiben keine anderen Finanzaktivitäten und besitzen keine anderen Ressourcen, die ihnen erlauben, sich den Klimaeinflüssen anzupassen oder Katastrophen die Stirn zu bieten, und sie haben kaum Zugang zu Sozialdiensten und Versicherung. So verursachen die klimatischen Veränderungen zum Beispiel Migrationen von Tieren und Pflanzen, die sich nicht immer anpassen können, und das schädigt wiederum die Produktionsquellen der Ärmsten, die sich ebenfalls genötigt sehen abzuwandern, mit großer Ungewissheit im Hinblick auf ihre Zukunft und die ihrer Kinder.
Tragisch ist die Zunahme der Migranten, die vor dem Elend flüchten, das durch die Umweltzerstörung immer schlimmer wird, und die in den internationalen Abkommen nicht als Flüchtlinge anerkannt werden; sie tragen die Last ihres Lebens in Verlassenheit und ohne jeden gesetzlichen Schutz. Leider herrscht eine allgemeine Gleichgültigkeit gegenüber diesen Tragödien, die sich gerade jetzt in bestimmten Teilen der Welt zutragen. Der Mangel an Reaktionen angesichts dieser Dramen unserer Brüder und Schwestern ist ein Zeichen für den Verlust jenes Verantwortungsgefühls für unsere Mitmenschen, auf das sich jede zivile Gesellschaft gründet.
26. Viele von denen, die mehr Ressourcen und ökonomische oder politische Macht besitzen, scheinen sich vor allem darauf zu konzentrieren, die Probleme zu verschleiern oder ihre Symptome zu verbergen, und sie versuchen nur, einige negative Auswirkungen des Klimawandels zu reduzieren. Viele Symptome zeigen aber an, dass diese Wirkungen jedes Mal schlimmer sein können, wenn wir mit den gegenwärtigen Produktionsmodellen und Konsumgewohnheiten fortfahren. Darum ist es dringend geboten, politische Programme zu entwickeln, um in den kommenden Jahren den Ausstoß von Kohlendioxid und anderen stark verunreinigenden Gasen drastisch zu reduzieren, zum Beispiel indem man den Gebrauch von fossilen Brennstoffen ersetzt und Quellen erneuerbarer Energie entwickelt. Weltweit sind saubere und erneuerbare Energien nur in geringem Maß erschlossen. Noch ist es notwendig, angemessene Technologien für die Speicherung zu entwickeln.
Seine lesenswerte Enzyklika „Laudato si“ schrieb Papst Franziskus aus „Sorge für das gemeinsame Haus“, den Oikos. Screenshot: Michael Blume
Was also können wir (alle) tun, um eine bessere Wirtschaft und Landwirtschaft zu erhalten?
- Menschenwürde statt Rechtsmimesis: Ehren wir Satnam Singh & all die anderen Opfer der fossilen und korrupten Ausbeutung. Wer in der Europäischen Union rechtstreu mitarbeitet, hat Anrecht auf einen sicheren Aufenthaltstitel, menschenwürdige Rechte und Löhne. Wer dagegen pauschal auch gegen Arbeitsmigration hetzt, schadet auch der europäischen Wirtschaft und Landwirtschaft, erhöht die Preise und befeuert die Inflation.
- Weniger Fleisch aus industrieller Massentierhaltung: Jedes Kilo Tierfleisch wie auch andere Produkte aus industrieller Massentierhaltung schädigen unsere Mitwelt, unsere Mitgeschöpfe und Mitmenschen. Deswegen habe ich mich als Solarpunk 2019 auch zum Vegetarismus entschieden, begrüße aber grundsätzlich jede freiwillige Reduktion der fossilen und zerstörerischen Verschwendung und Externalisierung.
- Erneuerbare Friedensenergien statt fossiler Gewaltenergien: Das Irankrieg-Desaster treibt die Preise für Erdöl, Erdgas und auch Dünger. Umso schneller wir die post-fossile Transformation in Wirtschaft und Wohnen, Verkehr und Landwirtschaft bewältigen, umso mehr vermeiden wir Schäden durch die Erhitzung, Wasserkrise, Erkrankungen und Flucht.
- Eine soziale und ökologische Marktwirtschaft bleibt das beste Zukunftsmodell für freiheitliche und energiedemokratische Gesellschaften. Schon heute können wir für gerechte Löhne und kluge Regeln nicht nur politisch, sondern auch als Nachfragende für Ökostrom, TransFair-, Bio- und Regionalprodukte eintreten.
Solarpunks leben im Durchschnitt gesünder, glücklicher und oft auch spiritueller als jene Fossilisten, die Mitwelt, Mitgeschöpfe und Mitmenschen nur bis zum Verbrennen der Zukunft ausplündern wollen. Und: Niemand kann alles, aber alle können etwas verändern. Auch deswegen danke ich allen, die sich hier auf „Natur des Glaubens“ konstruktiv und dialogisch einbringen. Und schließe mit einem kurzen Erklärvideo zum Sikhismus:

