(+) Nach dem Blutbad: Stade ringt mit der Angst

Der Leiter der Mutter-Kind-Einrichtung in der Dankersstraße wird vor dem Gebäude regelrecht über den Haufen geschossen. Im Besprechungsraum richtet der Täter anschließend weitere Menschen hin. Eine Frau versucht, durch ein Fenster zu fliehen – und bekommt eine Kugel in den Rücken. Der furchtbare sechsfache Mord hat Stade in Schockstarre versetzt. Auch drei Wochen danach kennen die Bürger kaum ein anderes Thema. Sie begegnen sich auf der Straße, schauen sich an und sagen dann unvermittelt: „Ist es nicht entsetzlich, was in unserer Stadt passiert?“

Stade, die kleine Schwester Hamburgs. Eine uralte Hansestadt, geprägt von Fachwerkbauten, schmalen Gassen und roten Backsteinfassaden. Am Hansehafen, einst das wirtschaftliche Herz der Stadt, steht der Schwedenspeicher. Heute ist er ein Museum und erinnert an die Zeit der schwedischen Herrschaft. Beliebte Fotomotive sind der alte Kran und der Ewer, der an der Kaikante festgemacht ist. Eine Stadt wie eine Postkarte. Überschaubar, gemütlich, vertraut. Doch seit dem 29. Juni ist nichts mehr, wie es war.

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Ein Verbrechen, das Stade den Atem nimmt

Vier Frauen und zwei Männer waren in der Mutter-Kind-Einrichtung im Stadtteil Kopenkamp zu einem Hilfeplangespräch zusammengekommen – drei Beschäftigte der Einrichtung und drei Beschäftigte des Jugendamts der Region Hannover. Es ging um die Zukunft eines drei Monate alten Kindes. Ein 45 Jahre alter Vater soll sie erschossen haben.

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Zwei Porträts nebeneinander: links vor Skyline, rechts mit wildem Haar in gemusterter Kleidung.
Opfer des Blutbads von Stade: Lena G. (24, l.) und Suse T (32, Name geändert)
X/GoFundMe
Zwei Schwarzweiß-Porträts nebeneinander: links lockiges Haar und Blazer, rechts kurze Haare vor Backsteinwand.
Opfer des Blutbads von Stade: Ilka L. (l.) und Michael Sch., die zusammen die Mutter-Kind-Einrichtung in Stade leiteten.
Stethu GmbH

Manuela Hauschild wohnt in der Dankersstraße, nur wenige Schritte vom Tatort entfernt. Die 52-jährige Kassiererin kannte den getöteten Leiter der Einrichtung persönlich. „Diese Tat hier direkt vor meiner Haustür – die gibt mir schon zu denken“, sagt sie. Ihr Blick auf Stade habe sich verändert. „In Harsefeld, wo ich bis vor einiger Zeit wohnte, habe ich mich jedenfalls sicherer gefühlt.“ Bei Dunkelheit traue sie sich kaum noch, durch die Innenstadt zu gehen. „Vor allem am Bahnhof lungern seltsame Gestalten herum.“

Hauschild ist mit diesem Gefühl nicht allein. Innerhalb weniger Wochen ist es in Stade zu weiteren Ereignissen gekommen, die die Menschen verunsichern. Jedes einzelne wäre für sich schon geeignet, Ängste auszulösen. In ihrer zeitlichen Abfolge ergeben sie in der Wahrnehmung vieler Bürger jedoch ein beunruhigendes Gesamtbild.

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Wenn aus einem Streit ein Großeinsatz wird

Ende Juni im Altländer Viertel, dem sozialen Brennpunkt der Stadt: In einem Jugendclub eskaliert ein Streit um angebliche Schulden. Mit einem Mal versammeln sich rund 150 Menschen. Einige gehen mit Ästen und Besenstielen aufeinander los. Die Polizei fordert Verstärkung aus benachbarten Landkreisen an und setzt Reizgas ein.

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Nur wenige Tage später folgt im selben Viertel der nächste Großeinsatz. Auslöser ist ein Streit zwischen einem Ehepaar. Als die Polizei eintrifft, geht ein alkoholisierter Mann aggressiv auf die Beamten zu, und wieder versammeln sich im Handumdrehen unzählige Menschen und bedrohen die Polizei.

Es ist vor allem diese Dynamik, die viele Stader erschreckt: Ein zunächst begrenzter Konflikt zieht binnen Minuten Angehörige, Nachbarn und Schaulustige an. Aus einem Streit wird eine unübersichtliche Einsatzlage.

Die Angst vor einer neuen Gewaltspirale

Kerzen und Blumen vor einem roten Backsteinhaus, am Tor hängen Hinweise; rechts ist ein verpixeltes Porträt zu sehen.
Fatih Khan G. (45), der Mann, der mutmaßlich in Stade sechs Menschen erschossen hat. In der Türkei soll gegen ihn bereits wegen Sexualdelikten ermittelt worden sein, 2021 floh er demnach aus der U-Haft, wird seither von den türkischen Behörden gesucht.
Olaf Wunder/privat

Und das ist noch nicht alles: Am 11. Juli fallen hinter einer Tankstelle mehrere Schüsse. Zwei Gruppen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen sind aneinandergeraten. Ein 14- und ein 18-Jähriger werden festgenommen. Worum es bei dem Streit ging, ist zunächst unklar. Doch in den Köpfen bleibt vor allem eine Nachricht hängen: Wieder sind in Stade Schüsse gefallen.

„Die Sicherheitslage ist das Thema Nummer eins in der Stadt“, sagt Lars Strüning, Redaktionsleiter des „Stader Tageblatts“. Die Menschen könnten kaum glauben, „dass in ihrer an sich so lebenswerten Kleinstadt so etwas passiert“. Sie erwarteten „klare Ansagen von Politik und Polizei“.

Der erfahrene Journalist kritisiert, dass sich die Polizei häufig aus „ermittlungstaktischen Gründen“ mit Informationen zurückhalte. Auch Stader Politiker und die Verwaltung würden sich bei dem unangenehmen Thema wegducken. „Unverständlich, gerade im Hinblick auf die anstehenden Kommunalwahlen in Niedersachsen am 13. September. Wird da der einen Partei das Feld überlassen?“

Mann mit Brille und blauem Hemd blickt frontal vor hellem Hintergrund.
Lars Strüning, Redaktionsleiter Stader Tageblatt.
Dagmar Finnern/Stader Tageblatt

Strüning erinnert an weitere schwere Gewalttaten, die bei vielen Stadern bis heute nachwirken. Zwischen September 2022 und März 2024 wurden in der Stadt drei Männer bei Taten getötet, die die Polizei dem Clanmilieu zurechnete.

Für viele Bürger verdichten sich die früheren Taten und die jüngsten Ereignisse zu einem beunruhigenden Gesamtbild: Die Gewalt, die sie bislang vor allem aus Großstädten zu kennen glaubten, ist in Stade angekommen.

Polizei und Stadt widersprechen dem Unsicherheitsgefühl

Polizei und Stadt widersprechen diesem Eindruck. Eine erhöhte Kriminalität könne weder im Altländer Viertel noch im übrigen Stadtgebiet festgestellt werden. Die zeitliche Nähe der öffentlichkeitswirksamen Einsätze lasse die Lage außergewöhnlicher erscheinen, sagt Rainer Bohmbach von der Polizeiinspektion Stade. „Es ist jetzt gerade auffällig, weil es zweimal hintereinander war, aber wir haben da immer schon solche Einsätze gehabt.“

Auch Carsten Brokelmann, parteiloser Stadtrat und derzeit Vertreter des erkrankten Bürgermeisters Sönke Hartlef, bemüht sich um Beruhigung. „Die Polizei ist da und sie kümmert sich“, sagt er. Zugleich weiß Brokelmann, wie tief der sechsfache Mord die Stadt erschüttert hat. „In nahezu jedem Gespräch wird irgendwann der 29. Juni Thema, der in Stade noch lange nachhallen wird.“ Zu einer Andacht in der St.-Wilhadi-Kirche kamen kurz nach der Tat rund 700 Menschen. Brokelmann sieht darin auch ein Zeichen des Zusammenhalts: „Die Menschen sind nach den schrecklichen Ereignissen näher zusammengerückt und wir sehen einen ausgeprägten Bürgersinn und eine große Hilfsbereitschaft und Anteilnahme.“

Kriminalitätslage und Sicherheitsgefühl sind nicht dasselbe. Wer bei Dunkelheit bestimmte Wege meidet, Großeinsätze vor der eigenen Haustür erlebt oder innerhalb weniger Tage von Schlägereien und Schüssen hört, nimmt seine Stadt anders wahr – auch wenn die Statistik keinen deutlichen Ausschlag zeigt. Angst rechnet nicht in Fallzahlen.

Mann im schwarzen Anzug steht mit verschränkten Armen vor Fahnen.
Landrat Kai Seefried
Landkreis Stade

Die Politik hat inzwischen reagiert. Landrat Kai Seefried unterbricht seinen Urlaub und ruft Vertreter von Polizei, Hansestadt und Landkreis zu einem Sicherheitsgespräch zusammen. „Ich bin nicht bereit, solche Bilder immer wieder zu ertragen“, sagt Seefried nach den Einsätzen im Altländer Viertel. Als erste Konsequenz wird die Polizeipräsenz verstärkt. Kräfte der Bereitschaftspolizei sollen vor allem am Bahnhof, in der Innenstadt und im Altländer Viertel sichtbar sein.

Trauer, offene Fragen und juristische Aufarbeitung

Doch über allem steht weiterhin der sechsfache Mord in der Dankersstraße – und längst sind nicht alle Fragen beantwortet. Inzwischen haben Familie und Freunde von einem der sechs Opfer Abschied genommen: von Lena G., einer Mitarbeiterin des Jugendamts der Region Hannover, die nur 24 Jahre alt wurde. Die Trauerfeier fand im Stadion der Waldsportstätten Rehden im Landkreis Diepholz statt, wo Vater Matthias G. Stadionsprecher ist. Weil Lena G. „lebensfroh, lebendig und bunt“ gewesen sei, wurden die Trauergäste gebeten, in den „Farben des Lebens“ zu kommen. Über der Todesanzeige stehen die Worte: „Du hast getanzt, gelacht und das Leben geliebt – wir tragen dein Lächeln weiter.“

Offen ist, wie es mit der Mutter-Kind-Einrichtung weitergeht, die zum Tatort wurde. Die dort untergebrachten Frauen und Kinder leben inzwischen an anderen Orten. Die Stethu GmbH besteht als Trägerin fort. Der Betrieb wird derzeit durch eine Vertretung aufrechterhalten. Das Landesjugendamt prüft jedoch, ob die Tat Folgen für die Betriebserlaubnis hat.

Polizeiwagen mit blau-gelber Lackierung in einer Wohnstraße vor Backsteinhäusern.
Die Polizei ist wegen Schüssen an der Dankersstraße im Einsatz.
Bettina Blumenthal

Anklage gegen Fatih G. in zwei bis drei Monaten

In zwei bis drei Monaten will die Staatsanwaltschaft Stade Anklage gegen Fatih G. erheben. Dem 45-Jährigen wird sechsfacher Mord zur Last gelegt. Dann wird sich ein Gericht mit dem Geschehen in der Dankersstraße befassen müssen. Dabei dürfte auch die noch ungeklärte Rolle der 65-jährigen Frau zur Sprache kommen – Mutter des niedersächsischen Landesbeauftragten für Migration, Deniz Kurku (SPD), die den Täter zum Tatort fuhr und auch bei der anschließenden Flucht am Steuer saß. Auch gegen sie wird weiter wegen Mordes ermittelt.