Saarbrücken: Weiteres Gutachten in Auftrag gegeben – neue Fragezeichen hinter Pingussonbau
Saarbrücken Weiteres Gutachten in Auftrag gegeben – neue Fragezeichen hinter Pingussonbau
Saarbrücken · Eigentlich schien alles in trockenen Tüchern, was die Zukunft des denkmalgeschützten Pingussonbaus angeht. Jetzt kommen schon wieder Zweifel auf. Die Landesregierung will eine „Plausibilitätsüberprüfung“ der geplanten Sanierung in Auftrag geben.
23.07.2026 , 20:21 Uhr
Das Ensemble aus der Luft: Rechts der Botschaftsflügel, links davon das „schmale Handtuch“.
Foto: BeckerBredel
Der verwaiste Saarbrücker Pingussonbau wartet auch zwölf Jahre nach dem Auszug des Bildungsministeriums weiterhin auf sichtbare Anzeichen seiner Sanierung. Kein Gerüst, nirgends. Selbst vier entsprechende Ministerratsbeschlüsse diverser saarländischer Landesregierungen aus den Jahren 2011, 2016, 2023 und 2025 haben bislang daran nichts zu ändern vermocht.
Zwar wurden im vergangenen Herbst gut zehn Millionen Euro für erste Sanierungsmaßnahmen des denkmalgeschützten, Anfang der 1950er-Jahre als Französische Botschaft konzipierten Ensembles in den Doppelhaushalt des Landes für 2026/27 eingestellt. Losgegangen ist es dennoch bislang nicht. Und wird es SZ-Recherchen zufolge auch in nächster Zeit erst mal nicht, weil die Landesregierung gerade erst wieder eine neue Plausibilitätsüberprüfung in Auftrag geben will.
Wohl das meistuntersuchte Gebäude im Saarland
Dabei pfeifen es die Spatzen seit Jahren vom Dach des Pingussonbaus, dass dieser das wohl meist- und bestuntersuchte Gebäude des gesamten Saarlandes sein dürfte. Wurde das „schmale Handtuch“ samt Botschaftsflügel in den vergangenen 20 Jahren doch immer wieder rauf und runter überprüft. Vom Brand- bis zum Schallschutz. Wozu also die neuerliche Überprüfung des längst Geprüften?
Auf SZ-Anfrage spricht der SPD-Fraktionsvorsitzende Ulrich Commerçon von einem „ganz normalen Vorgang“. Gefährdet sei das Projekt dadurch nicht, meint Commerçon, der bis zum Auszug des „Kumi“ (Kultusministerium) seinerzeit als damaliger Bildungsminister selbst der letzte oberste Dienstherr in dem einstigen französischen Botschaftsensemble war und als glühender Befürworter einer Sanierung gilt. „Die Sanierung wird kommen, davon bin ich fest überzeugt“, wiederholt der SPD-Frontmann am Telefon sein bekanntes Mantra.
Nur eine der „heruntergerockten Landesliegenschaften“
Dennoch droht man mit der neuerlichen, x-ten Untersuchung des Bau-Politikums nun wieder die nächste Warteschleife in diesem endlosen „Fortsetzung folgt“-Stück zu drehen. Dabei hatte Bauminister Reinhold Jost (SPD) gegenüber dem SR zuletzt erst vor wenigen Monaten eingeräumt, der Pingussonbau sei „das Ergebnis einer jahrzehntelangen Sparpolitik“ und beileibe nicht die einzige unter den „heruntergerockten Landesliegenschaften“, so Jost. Die Folge davon: Die veranschlagten Sanierungskosten haben sich durch Untätigkeit über die Jahre verdoppelt, wenn nicht verdreifacht. Zuletzt wurde gar kolportiert, diese könnten sich auf bis zu 90 Millionen Euro hochschrauben. Offiziell geht man weiter eher von 70 Millionen aus.
Eigentlich hätte der Ministerrat bereits Anfang des Jahres einen erneuten Beschluss fassen und den Startschuss geben sollen. Alle Ministerien wurden dazu vorher angehört, doch passiert ist dann nichts. Weshalb? Um das ungeliebte Thema Pingusson-Rettung, mit dem man hierzulande eher keinen Blumentopf, geschweige denn eine Wahl gewinnen kann, aus dem Landtagswahlkampf herauszuhalten? Neben wahltaktischen Motiven könnte bei der jüngsten Entscheidung, das längst Geprüfte einmal mehr prüfen zu lassen, auch die notorische Sorge vor aus dem Ruder laufenden Kosten den Verantwortlichen die Hand führen.
Derzeit eingefrorene Anschubfinanzierung
Ohne die als Anschubfinanzierung in den Doppelhaushalt eingestellten zehn Millionen Euro aber lassen sich erste anstehende Sanierungsmaßnahmen (das Einrichten der Baustelle samt Einrüsten des „schmalen Handtuchs“) gar nicht erst ausschreiben. Die nun auf den Weg gebrachte neuerliche Herz- und Nierenprüfung des Bau-Patienten dürfte insoweit alles nur weiter verzögern.
Das von Reinhold Jost geführte Bauministerium teilte derweil am späten Donnerstag auf SZ-Anfrage mit, durch die von der Staatskanzlei veranlasste „Plausibilisierung“ sollten „Kosten- und Terminrisiken abgesichert werden, um mögliche ,böse Überraschungen‘ im Projektverlauf so weit auszuschließen, wie das im Vorhinein geht“. Sollten sich indessen, heißt es in der ministeriellen Antwort weiter, „daraus völlig neue Erkenntnisse ergeben, müssen diese selbstverständlich bewertet werden. Davon ist aber aktuell nicht auszugehen.“
Zwar werde die „Plausibilisierungsuntersuchung“ zu einer „überschaubaren Verzögerung“ führen. Angesichts der „herausragenden kulturpolitischen Bedeutung (des Vorhabens, A.d.R.) für das Land“ sei diese zusätzliche Prüfung jedoch nachvollziehbar, heißt es. Die Landesregierung, versichert das zuständige Bauministerium, stehe „fest zu dem Vorhaben der Sanierung des Pingussonbaus“.
Jost: „Erneuter Stopp wäre unverantwortbar“
Laut den bisherigen Planungen sollte das denkmalgeschützte, kulturhistorisch höchst bedeutsame Ensemble in Landesbesitz Ende 2030 in frischem Gewand und dank einer geplanten energetischen Fassadensanierung sowie flexibler Bürogrößen bestens modernisiert wieder dastehen. Und der alte Mieter hernach zurückziehen: das seit Jahren in die alte Post in der Trierer Straße ausgelagerte Ministerium für Bildung und Kultur.
Klar ist: Sollte der Pingussonbau auch in den nächsten Jahren in seinem Dornröschenschlaf gehalten werden, sofern es etwa einer ab dem Frühjahr 2027 neu zusammengesetzten Landesregierung am nötigen Sanierungswillen oder Mut fehlt, würde die Sache so oder so – Erhalt oder (Teil-)Abriss und Neubau – nur noch kostspieliger und damit noch fahrlässiger. Wie meinte Reinhold Jost doch vor einigen Monaten? „Ein erneuter Stopp wäre unverantwortbar. Es wäre auch ein Irrwitz, weil es das Ganze nur noch teurer machen würde.“ (lck)