Rundgang durch Alt-Jügesheim: Zwischen Fachwerkhäusern und Bausünden
Stand: 21.07.2026, 06:09 Uhr
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Rodgaus ehemaliger Kulturdezernent Winno Sahm führt 30 Teilnehmer durch die Straßen, in denen sich die Geschichte Jügesheims konzentriert.
Jügesheim – Mit einem kleinen Rundgang durch drei recht kurze Straßen sind die Geschichte und die historischen Schönheiten von Jügesheim erschöpfend aufzuarbeiten. Das hat der langjährige Rodgauer Kulturdezernent Winno Sahm (Grüne), der sich mittlerweile auf sein Mandat im Stadtparlament zurückgezogen hat, bei seiner Ortskern-Erkundung festgestellt. Knapp 30 Interessierte, meist schon älter und mit viel eigenem Wissen um die Historie des Ortsteils, nahmen an dem Rundgang teil, der am Brunnen vor dem Rathaus begann und sich letztlich entlang der Skizze der „Haas‘schen Situationskarte“ bewegte.

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Dabei handelt es sich um eine der frühesten Karten mit einer genaueren Wiedergabe des Main-Taunus-Vorlands im ungewöhnlichen Maßstab 1:30.380 und um die erste geografische Bestandsaufnahme, die ab 1788 vom Artillerieoffizier und Militärkartografen Johann Heinrich Haas (1758–1810) aufgenommen wurde und rein militärischen Zwecken diente. Von den 24 Blättern wurde die für Jügesheim interessante Seite 1803 gedruckt.
Auch wenn Jügesheim nicht gerade in dem Ruf steht, an historischen Schönheiten besonders reich zu sein, ist es doch recht spannend.
Winno Sahm wollte danach den Bestand des damaligen Jügesheim im heutigen Zustand begehen: Vordergasse, Hintergasse und Kirchgasse und dazu ein paar vereinzelte Häuser an den Rändern. Dietzenbach – Heusenstamm – Babenhausen war die damalige Orientierung, entsprechend den Handelswegen. „Die meisten Leute sind heute etwas befremdet betreffs der Namen Vordergasse und Hintergasse – von der Ludwigsstraße aus wäre das genau andersherum.“ Doch damals wurde von der Rodau aus gelesen!“
Der Fachwerkbestand war früher viel größer. Viele fielen wie andernorts auch den aus heutiger Sicht zweifelhaften Modernisierungen der 1950er- und 1960er-Jahre zum Opfer. Doch es gibt noch einige Häuser aus der damaligen Zeit, die inzwischen unter Denkmalschutz stehen. „Wir wollen mal sehen, was daraus heute geworden ist“, kündigte Sahm an.
War die alte Ölmühle eine Tretmühle?
Manche Häuser, im Originalzustand erhalten, sind immer noch eine Augenweide, an denen der Hainhäuser Historiker besondere Feinheiten hervorhob: vorstehendes Mauerwerk, Strebenkreuze mit Bezeichnungen wie „Mann“ oder „Hessenmann“ oder auch – wohl nur bei den reicheren Hausbesitzern – „genaste S-Streben“. Andere Gebäude lassen sofort erkennen, dass ihre ursprüngliche Gestaltung verändert wurde. Vorbei ging es auch an der früheren Ölmühle zwischen Hintergasse und Ludwigstraße. Noch heute ist noch nicht vollständig klar, wie sie einst betrieben wurde, denn an einem Wasserlauf fehlte es in der näheren Umgebung.
„Sie kennen doch sicher den Begriff ‚in der Tretmühle sein‘. So fühlt man sich heute noch, wenn man nicht herauskommt wie damals wohl die Zugtiere oder im schlechtesten Fall auch die Menschen, die immer rundherum laufen mussten, um die Mühle in Bewegung zu halten“, erzählte der beschlagene „Fremdenführer“, der immer wieder mal von Teilnehmern ergänzt wurde. Wunderschöne Durchblicke etwa zur „Alten Apotheke“ in der Ludwigstraße, in der heute die städtischen Fachbereiche Sport und Kultur untergebracht sind, wechseln sich ab mit offenbar neueren Gebäuden, die sich zwischen den historischen Teilen der Kulisse eher ungewohnt oder störend präsentieren.
Und natürlich gibt’s auch im Herzen von Jügesheim, dessen kleine abzweigende Wege fast alle Richtung Rodau ausgerichtet sind (schon um im Brandfall schneller am Wasser zu sein), auch Grundstücke wie die einstige Traditionswirtschaft „Bei Ammie“, die sich der Betrachter eher gepflegt saniert wünschen würde. Doch auf Privatbesitz hat die Stadt keinen Zugriff. Ein einsames Tor, neu gedeckt und damit im Rahmen der Erhaltungsmaßnahmen korrekt, lässt den Betrachter dennoch irritiert zurück. Doch der bewusst neutral berichtende Stadtführer bleibt auch hier objektiv.

Abgerundet wurde der kleine Ausflug durch Jügesheims Herz mit einem Aufenthalt im Pfarrgarten von St. Nikolaus. Die katholische Kirche, um 1870 als Nachfolger eines kleineren Baus zwischen Vordergasse und Hintergasse erbaut und vom Mainzer Bischof Emmanuel von Ketteler geweiht, hat seit einigen Jahren ein paar Quadratmeter öffentliches Grün. Es bildet ein stilechtes Kleinod im Jügesheimer Ortszentrum. Und wer einmal Ruhe sucht, ist im Pfarrgarten willkommen, der aber nicht immer geöffnet ist.
„Auch wenn Jügesheim nicht gerade in dem Ruf steht, an historischen Schönheiten besonders reich zu sein, ist es doch recht spannend“, beendete Winno Sahm seinen Rundgang und versprach, noch eine weitere Ecke für eine kleine Führung vorzubereiten.