Antiasiatischer Rassismus in Deutschland
„Neuerliche Abreise: Schmerz und Frustration darüber, eine Differenz leben zu müssen, die keinen Namen und gleichzeitig bereits zu viele Namen hat. Marginalität: Wer benennt? Wessen Ränder? Ein Anderswo, das nicht einfach außerhalb des Zentrums liegt.“ So schrieb die aus Vietnam gebürtige, in den Vereinigten Staaten arbeitende Filmemacherin, Autorin und Komponistin Trinh T. Minh-ha über ihr Leben zwischen den Welten. Die Vereinigten Staaten verstehen sich immerhin seit jeher als Einwanderungsland. Wie müssen sich im Vergleich dazu Mitglieder asiatischer Diasporagruppen in Deutschland fühlen?
Dieser Frage hat der Koreanist Kien Nghi Ha, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Asien-Orient-Institut der Universität Tübingen, jetzt in dem Sammelband „Rassismusforschung II: Rassismen, Communitys und antirassistische Bewegungen“ (Transcript), als dessen Herausgeber der Nationale Diskriminierungs- und Rassismusmonitor firmiert, einen klugen Aufsatz gewidmet. Der Aufsatztitel kündigt die These an: „Zur kolonialen Matrix des anti-Asiatischen Rassismus: ‚Gelbe Gefahr‘, Unsichtbarkeit und Exotisierung“.
Asiatische Produktionsweise war ein Schimpfwort
Mit Blick auf die Dialektik der Fremd- und Selbstwahrnehmung plädiert Ha für „Asiatische Deutsche“ (mit großem A) als Selbstbezeichnung; ein von ihm herausgegebenes Buch dieses Titels wurde am 27. August 2012 in der F.A.Z. besprochen. Antiasiatischer Rassismus, der als Sinophobie begann, sei ein kolonialrassistisches Phänomen, das in Deutschland erst nach mehr als hundert Jahren einen Namen erhalten habe. Ha resümiert den Wandel im Chinabild von Marco Polos „Land der Wunder“ zum „kranken Mann Asiens“ im Imperialismus. Dem Bild hoher Moral und erleuchteter Herrschaft der Aufklärer Leibniz und Voltaire und dem Import von Chinoiserien, die zugleich der Selbstinszenierung europäischer Machtzentren dienten, folgte Chinas Abstieg im Geschichtsbild. Für Herder und Hegel war China ein Reich ewigen Stillstands. Marx und Engels wollten mit dem Theorem der „asiatischen Produktionsweise“ die in ökonomischen Kennziffern messbare Rückständigkeit Chinas und Indiens erklären.
Anthropologen normalisierten Rassenmodelle wie die den Chinesen attestierten Charakterzüge der Doppelzüngigkeit. Nach ungleichen Verträgen des Königreichs Preußen mit China besetzte das Deutsche Reich von 1898 bis 1914 die Kiautschou-Bucht. Ha entlarvt nationalistischen Rassismus wie in der zur Genüge bekannten „Hunnenrede“ Wilhelms II., behauptet aber, dass es diesen auch in einer linken Variante gegeben habe: So habe die SPD zeitweise eine „sozialistische Kolonialpolitik“ propagiert. Die „Gelbe Gefahr“ vom Ende des neunzehnten Jahrhunderts erfuhr in der Corona-Pandemie eine traurige Aktualisierung.
In der Liebe von Medien und Populärkultur zu Stereotypen sieht Kien Nghi Ha die Voraussetzung für das Fortschleppen kolonialistischer Denkweisen. Ein Beispiel ist die Japanerkarikatur im Kinofilm „Frühstück bei Tiffany“. Das Klischee vom „asiatischen Nerd“ als fleißigen Maschinenmenschen stellt in seiner Deutung keine Bedrohung weißer Männer dar, fungiert er doch als Handlanger und Untergebener, also im Grunde immer noch als Diener, die Grundfigur kolonialer Asymmetrie. In der Sozialforschung ist analog zur „Glasdecke“ für Frauen von der „Bambusdecke“ für qualifizierte Asiaten die Rede.
Die neuen Bootsflüchtlinge
Zwei Motive dominieren Ha zufolge die mediale Berichterstattung zur Immigration: Kriminalität und volkswirtschaftliche Konkurrenz. Die Kosten-Nutzen-Rechnungen, die dabei offen oder verdeckt angestellt werden, nimmt Ha ideologiekritisch auseinander. Von den Boatpeople, die aus dem kommunistischen Vietnam flohen, konnte man sich auch deshalb einen Nutzen für die Bundesrepublik versprechen, weil sie den Bankrott des sozialistischen Systems zu beweisen schienen. Ihre enthusiastische Aufnahme deutet der Autor als „nachträgliche Rechtfertigung der Kolonialkriege in Vietnam“. Die heutigen Bootsflüchtlinge im Mittelmeer haben keinen solchen Mehrwert an Bord.

In den Neunzigern las man von der „vietnamesischen Zigarettenmafia“, zwanzig Jahre später vom „vietnamesischen Bildungswunder“. In der Sarrazin-Debatte wurden asiatische Vorzeigeminoritäten und muslimische Minderheiten gegeneinander ausgespielt. Ha gibt zu bedenken, dass sich Bildungserfolg als funktionales Äquivalent von Devianz betrachten lasse, als Überlebensstrategie in einer diskriminierenden Umwelt.
Wie schnell positive Bilder in ihr Gegenteil umschlagen, zeigte sich während der Corona-Pandemie. Gegennarrative boten zivilgesellschaftliche Initiativen mit Namen und Losungen wie „korientation“ oder „ichbinkeinvirus.org“. Im Nationalen Aktionsplan gegen Rassismus, den das Bundesministerium des Innern 2017 publizierte, ist antiasiatischer Rassismus kein Thema: Maßnahmenpakete gegen ein unbenanntes Problem können nicht geschnürt werden.
Asiatischen Deutschen mangelt es nach Has Diagnose an der Anerkennung als vulnerabler Gruppe. Sie sehen sich mit Insensibilität konfrontiert, ihre Bedürfnisse werden übersehen. Ha ruft asiatisch-deutsche Organisationen deshalb auf, sichtbarer zu agieren: Sie sollen Druck auf die Institutionen ausüben, um Zuschreibungen des Marginalen zu einem antirassistischen Mainstream umzugestalten.