High-Protein-Trend: Wie uns künstliche Fitness-Snacks zu Muskelpaketen aufblasen wollen
Ich dachte, wir hätten den Gipfel des Absurden bereits erreicht, als uns im Supermarkt überall Light-Produkte und Low-Fat-Alternativen für absurde Preise angedreht wurden. Aber nein, die Lebensmittelindustrie hat ein neues Wundermittel für sich entdeckt, das jetzt die Verkaufsregale erobert: Protein.
Letztens stand ich im Drogeriemarkt und traute meinen Augen nicht. Da stand es, in seiner ganzen chemisch-süßen Pracht: Protein-Soda. Das war der Moment, in dem das ohnehin schon prall gefüllte High-Protein-Fass für mich endgültig überlief.
Die Ernährungspyramide eines 16-jährigen Kiffers?
Wenn man sich das aktuelle Sortiment anschaut, könnte man meinen, unsere Gesellschaft bestünde ausschließlich aus Arnold Schwarzeneggers im Dauer-Pump-Modus, nur noch einen Schritt davon entfernt, die Atemluft mit Proteinstaub zu versetzen. Gefühlt gibt es inzwischen für jedes noch so nischige Lebensmittel einen proteinreichen Doppelgänger: Protein-Cerealien, Protein-Eistee und zu Weihnachten sogar Protein-Weihnachtsmänner.
High-Protein-Milchreis im Kühlregal eines Discounters.
© IMAGO
Natürlich ist erstmal nichts dagegen einzuwenden, auf seine Proteinzufuhr zu achten. Aber eine gesunde, ausgewogene Ernährung erreicht man ganz sicher nicht durch das Inhalieren einer Packung Protein-Gummibärchen. Tatsächlich erinnert die jüngste Palette an Fitness-Produkten vielmehr an die Ernährungspyramide eines 16-jährigen Kiffers als an das, was ein echter Leistungssportler zu sich nehmen würde.
Coffee Caramel Latte, Chocolate Chip Cookie, Hazelnut Nougat Praliné. Und um das Ganze so richtig auf die Spitze zu treiben, mixt man das Pulver am besten direkt mit einer Proteinmilch auf. Darf es mittags etwas Herzhaftes sein? Kein Problem, Barilla oder De Cecco liefern die Protein-Pasta. Als Snack zwischendurch gibt es Protein-Tortilla-Chips oder eine Scheibe Protein-Toast mit Protein-Nuss-Nougat-Creme. Und normales Wasser trinken? Bloß nicht! Stattdessen kippen wir uns lieber besagtes Protein-Soda oder eine Protein-Limo hinter die Binde.
Der Heiligenschein aus der Marketing-Abteilung
Machen wir uns doch nichts vor: Diese ganzen künstlichen Süßstoffe, Aromen und Verdickungsmittel machen diese hochverarbeiteten Produkte ohnehin zu keiner wahren Option für Menschen, die sich ernsthaft gesund ernähren wollen. Was hier stattdessen passiert, ist ein genialer, aber hochgradig marketinggetriebener Schachzug. Hier werden Lebensmittel, die eigentlich einen miserablen gesundheitlichen Ruf haben – wie ein schnöder Mars-Riegel –, mit dem magischen Label Protein versehen, um ihnen das Teuflische zu nehmen.
Hier Verschwimmt die Grenze zwischen Sport- und Alltagsernährung: High-Protein-Nudeln mit 30 Prozent Eiweißgehalt.
© IMAGO
Plötzlich ist der Schokoriegel keine Sünde mehr, sondern ein funktionelles Lebensmittel, das im durchgetakteten Leben eines vermeintlichen High-Performers stattfinden darf. Protein ist das Verkaufsargument Nummer eins geworden, um Junkfood einen gesunden Heiligenschein aufzusetzen und den Preis dafür mal eben zu verdoppeln.
Scheinheiliger Lifestyle: Warum Marken wie More Nutrition in der Kritik stehen
Gerade Marken wie More Nutrition stehen in diesem Zusammenhang immer wieder im Zentrum kontroverser Diskussionen. Das Unternehmen selbst wirbt auf seiner Website mit dem Versprechen von „Genuss ohne Kompromisse“ – sein erklärter Fokus liegt also darauf, vermeintlich Ungesundes durch den Austausch von Zucker und Fett gegen Proteine und Süßstoffe alltagstauglich und gesund wirken zu lassen.
Einerseits feiern treue Anhänger und Influencer diese Produkte als perfekte Hilfsmittel für einen gesundheitsbewussten Lebensstil, mit denen man ohne Verzicht abnehmen oder Muskeln aufbauen kann. Andererseits hagelt es massive Kritik von Experten: Die Verbraucherzentrale NRW, die Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz und die Organisation foodwatch gingen in der Vergangenheit rechtlich und öffentlich gegen diese Art der Vermarktung vor.
Christian Wolf, der Gründer von More Nutrition, auf der Fitnessmesse FIBO 2026 in Köln.
© IMAGO/Christoph Hardt
Bemängelt wird vor allem die aggressive Werbung über soziale Medien, die mit unzulässigen Gesundheits- und Diätversprechen arbeitet und suggeriert, dass eine normale Ernährung ohne die teuren Pulver unvollständig sei. Zudem stehen die massiven Mengen an künstlichen Süßungsmitteln und künstlichen Aromen in der Kritik, da sie das natürliche Geschmacksempfinden verzerren und den Heißhunger auf Süßes oft erst recht anfeuern, statt eine echte, dauerhafte Ernährungsumstellung zu fördern.
Fazit: Zurück auf den Teppich!
Zumal der ganze Protein-Hype völlig an der Realität vorbeigeht: Laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) liegt der Richtwert für Erwachsene bei 0,8 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht am Tag. Für einen 70 Kilo schweren Erwachsenen entspricht das etwa 56 Gramm.
Tatsächlich zeigten Daten der Nationalen Verzehrsstudie II bereits 2008, dass Männer in Deutschland im Schnitt rund 85 Gramm und Frauen etwa 64 Gramm Eiweiß täglich zu sich nehmen – ganz ohne Proteinprodukte, einfach über die normale Ernährung. Wir liegen also ohnehin alle deutlich über dem Soll.
Ich will niemandem seinen Proteinriegel schlechtreden. Aber diese Produkte sollten nun einmal genau das bleiben, was sie im Kern sind: eine vom Marketing hübsch geredete Süßigkeit, eine Ausnahme, die man in Maßen genießt.
Wer wirklich auf Proteine setzen will, sollte vielleicht einfach zu Haferflocken, Quark, Linsen oder Eiern greifen – ganz ohne buntes Marketing, künstliches Aroma und vor allem ohne dafür sein halbes Monatsgehalt an der Kasse liegenzulassen.
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