Fußball-WM 2026: Was Norwegen besser macht als andere Länder
Ich verspreche Ihnen: Wenn Sie diesen Schlachtruf norwegischer Fußballfans einmal live gehört haben, werden Sie ihn nicht mehr los. Dann beginnen Tausende, im gleichen Rhythmus zu rudern. Mit jedem „Ro!“ fährt das imaginäre Ruder durchs Wasser. Einer zieht, der Nächste zieht, alle ziehen. Mit dem Rücken zum Ziel und im Vertrauen darauf, dass die anderen schon wissen, wohin die Reise geht. Alle tun so, als säßen sie gemeinsam in einem Wikingerboot. Es ist vermutlich die schönste Fan-Choreographie dieser Weltmeisterschaft. Und die treffendste Beschreibung dafür, wie Norwegen heute Fußball spielt. Es sei ein Symbol für den Zusammenhalt, hat Nationaltrainer Ståle Solbakken nach dem Einzug ins Viertelfinale erklärt.
Natürlich hat diese Mannschaft Erling Haaland. Einen Stürmer, der auf einen Verteidiger wirken muss wie ein heranrasender Güterzug. Wenn Haaland Tempo aufnimmt, sieht jeder Innenverteidiger aus wie einer, der versucht, einen Elch mit einem Regenschirm aufzuhalten. Mit seinem Vater Alf-Inge habe ich einmal bei Nottingham Forest zusammengespielt. Vor einigen Jahren wollte ich Erling als Sechzehnjährigen nach Hoffenheim holen. Damals erschien der Preis absurd hoch. Heute weiß man: Es wäre vermutlich das Schnäppchen des Jahrhunderts gewesen.
Trotzdem wäre es ein Irrtum, Norwegens Erfolg allein mit Haaland zu erklären. Ganz im Gegenteil: Haaland profitiert von Norwegen mindestens so sehr wie Norwegen von Haaland. Er ist der Star der Mannschaft, er nimmt ihr den Druck ab. Die Mannschaft kämpft für ihn und nimmt ihm so den Druck. Genau so sehen erfolgreiche Mannschaften aus.

Der Dirigent im Spiel der Norweger ist Martin Ødegaard. Den kenne ich, seit er zwölf, dreizehn Jahre alt war. Ich habe damals öfter Petar Rnkovic besucht, einen meiner besten Kumpel in Norwegen. Der stand bei Mjøndalen IF in der zweiten Liga unter Vertrag, und der Papa von Ødegaard, Hans Erik Ødegaard, war der Co-Trainer. Wenn ich beim Training zugeschaut habe, war ich baff. Natürlich war Martin Ødegaard kleiner als alle anderen, aber was er schon damals am Ball konnte, welche Entscheidungen er getroffen hat – es ist einem nicht aufgefallen, dass das eigentlich noch ein Kind ist. Heute ist er der Kopf dieser norwegischen Nationalmannschaft.

In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sich der norwegische Fußball grundlegend verändert. Der Verband und die Vereine mit ihren Akademien haben viel in die Ausbildung ihrer Trainer investiert und waren bereit, etwas aufzugeben, was sie lange ausgezeichnet hat: körperliche Stärke. Schon in den Neunzigerjahren kam kaum ein Verein in der Premier League ohne einen Norweger aus, die meisten von ihnen waren Verteidiger. Wir erinnern uns noch gut an Rune Bratseth, den Libero unter Otto Rehhagel in Bremen.
Heute fördern sie im Nachwuchsbereich intelligente Fußballer, die mehrere Positionen beherrschen, ständig Entscheidungen treffen und taktisch hervorragend ausgebildet sind. Technik statt Holzfäller, Denken statt Draufhauen, Rudern statt Samba! So ist aus dem sympathischen Außenseiter ein Titelkandidat geworden. Vor dem Spiel gegen Brasilien hat Englands Altstar Wayne Rooney versprochen, er werde den Mersey runterrudern, wenn es die Norweger gegen Brasilien schaffen. „Happy rowing, Wayne!“, möchte ich ihm zurufen. Vielleicht ist das die eigentliche Überraschung dieser WM. Nicht, dass Norwegen Brasilien schlagen kann. Sondern, dass uns das überhaupt noch überrascht. Vielleicht sollten wir deshalb etwas genauer hinschauen.

Ich habe selbst fünf Jahre in Norwegen gelebt. Ich hatte immer wieder norwegische Spieler in meinen Teams. Deshalb überrascht mich dieser Erfolg nicht. Was mich dort immer beeindruckt hat, war weniger der Fußball als das gesellschaftliche Klima. Die Norweger verbringen erstaunlich wenig Energie damit, sich gegenseitig zu erklären, warum der andere alles falsch macht. Das Miteinander besitzt dort noch einen Wert, der bei uns manchmal wie aus der Zeit gefallen wirkt. Vielleicht ist genau deshalb dieses Bild vom Rudern so stark. Wer rudert, schaut nicht ständig nach links und rechts, um zu kontrollieren, wer gerade mehr leistet. Er zieht einfach mit. Im Vertrauen darauf, dass die anderen ebenfalls ziehen. Das klingt verdächtig unmodern. Aber es funktioniert – auch auf dem Fußballplatz.
Dass dieses Miteinander nicht bei Sonntagsreden endet, zeigt sich auch an der Spitze des norwegischen Fußballs. Verbandspräsidentin Lise Klaveness sprach im Fall Folarin Balogun aus, was viele dachten: Wenn Entscheidungen im Fußball den Eindruck erwecken, stärker von politischen Einflüssen als von klaren Regeln geprägt zu sein, verliert nicht nur die FIFA an Glaubwürdigkeit, sondern der Fußball insgesamt.
Klaveness steht für die Überzeugung, dass Sport und Politik möglichst klar getrennt bleiben sollten und dass für alle dieselben Regeln gelten müssen – unabhängig davon, wer Einfluss ausübt. Nicht, weil sie Politik in den Fußball tragen will, sondern weil sie darauf besteht, dass der Fußball sich an seine eigenen Werte und Prinzipien hält. Vielleicht ist genau das der eigentliche norwegische Exportschlager. Nicht Haalands linker Fuß, sondern die selten gewordene Fähigkeit, Haltung zu zeigen, ohne dabei laut werden zu müssen.
Wir sollten weniger darüber reden, wer am Steuer sitzt. Und mehr darüber, ob alle in dieselbe Richtung rudern. Die Norweger rudern gemeinsam. Lise Klaveness auch. Vielleicht ist Rudern nicht nur eine Sportart, sondern auch eine Haltung.
Lutz Pfannenstiel hat als Profi auf allen Kontinenten gespielt: 25 Vereine in 13 Ländern, nachzulesen in „Unhaltbar – Meine Abenteuer als Welttorhüter“. Seit Oktober 2025 arbeitet er als Sportdirektor beim FC Aberdeen in Schottland. Zuvor war er fünf Jahre für St. Louis City SC als Sportdirektor verantwortlich. Auch war er bereits für das Scouting bei der TSG Hoffenheim verantwortlich und als Sportvorstand bei Fortuna Düsseldorf tätig. Pfannenstiel, 53, arbeitet als TV-Experte für ESPN und den SRF. Die Fußball-WM begleitet Pfannenstiel für die F.A.S. als Experte.