E-Bike-Abenteuer in Kuba: Bürokratische Hürden und der Kampf eines Unternehmers
Pedalieren durch ständige Krisen: Wie ein deutscher E-Bike-Unternehmer an Kubas Bürokratie verzweifelt
US-Sanktionen haben Kubas Tourismussektor lahmgelegt. Doch auf der Karibikinsel als Unternehmer aktiv zu sein, ist sowieso schwierig. Ein deutscher Unternehmer berichtet.
25.07.2026, 05.30 Uhr
5 Leseminuten

Der deutsche Unternehmer Martin Staub bietet in Kuba E-Bike-Touren an.
NZZ
Seine letzte E-Bike-Tour? «Die war im März», sagt der deutsche Unternehmer Martin Staub. Er führt seit 2017 auf Kuba Touren mit E-Bikes durch. Welch ein Unterschied zu den guten Jahren 2017 und 2018, als Staub täglich bis zu sechs E-Bike-Touren gleichzeitig unterwegs hatte. Damals hatten sich Kuba und die USA unter Präsident Barack Obama einander angenähert, und Millionen von amerikanischen Touristen besuchten die Karibikinsel. «Unser Rekord lag bei 74 E-Bikes im Einsatz an einem einzigen Tag», erinnert sich Staub.
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Die «Havana Classic»-Tour sei damals die beliebteste gewesen. Sie führt zu den touristischen Highlights wie dem Capitol, dem Revolutionsplatz und der Bar «Bodeguita del Medio», wo der Schriftsteller Ernest Hemingway einst seine Mojitos trank. Sehr erfolgreich sei auch die «Deep-In»-Tour gewesen, die durch die Viertel an Havannas Peripherie führte, wo es keine Touristen und keine Cocktails, sondern nur Bier und Rum gegeben habe.
Das ist Vergangenheit. Im Januar hat US-Präsident Donald Trump ein Ölembargo gegen Kuba verhängt. Stromausfälle und Treibstoffmangel sind nun an der Tagesordnung. Wegen fehlenden Kerosins auf der Insel gibt es kaum noch Flüge nach Kuba. Und die meisten Hotels sind geschlossen, seit die USA Sanktionen gegen Kubas Militär erlassen haben. Das Militär hatte über seine Holding Gaesa Joint Ventures mit ausländischen Hotelketten wie Meliá, Iberostar und Blue Diamond betrieben. Aus Angst vor den amerikanischen Sanktionen zogen sich die Hotelketten aus Kuba zurück. Im Juni haben nun auch Finanzdienstleister wie Mastercard und Visa ihre Operationen auf Kuba eingestellt.
Kamen im Jahr 2018 noch 4,8 Millionen Touristen auf die Insel, waren es in den ersten fünf Monaten dieses Jahres nur noch 360 000. «Die jetzigen Touristen sind Leute, die hier familiäre Beziehungen oder Wohnungen haben und nicht an unseren Fahrradtouren teilnehmen», sagt Staub. Im Tourismussektor seien in diesem Jahr rund 300 000 Menschen entlassen worden.
Aus dem Saarland nach Havanna
In den neunziger Jahren hatte sich Staub während eines Ferienaufenthalts in die Karibikinsel verliebt. Im Jahr 2013 wagte er nach dreissig Jahren in der deutschen Versicherungsbranche den Sprung nach Kuba. Doch ein E-Bike-Unternehmen im sozialistischen Havanna zu starten, war schwieriger als gedacht. «Es dauerte fast vier Jahre, um die bürokratischen Hürden zu bewältigen», erzählt der 65-Jährige.
Die von ihm in Deutschland entwickelten E-Bikes deklarierte er auf den Importlisten als «Modell Comandante» – in Anlehnung an Fidel Castro, den «Comandante» der Kubanischen Revolution. Doch die Behörden untersagten die Einfuhr. Den Namen Comandante dürfe auf der Insel nur Castro selber verwenden. Erst nachdem Staub die Modelle umbenannt hatte, durfte er sie einführen. Auch die Einfuhr der Ausrüstung – ein Trailer, ein Mercedes-Sprinter, ein Jeep und zwei Motorräder – verzögerte sich um zwei Jahre.
Damals hatte der kubanische Staat das Importmonopol. Das Verkehrs-, das Tourismus- und das Wirtschaftsministerium verlangten Dokumente, die nicht älter als sechs Monate sein durften. Ständig flog Staub zwischen Kuba und Deutschland hin und her, um Dokumente zu aktualisieren. Derweil standen die Container monatelang im kubanischen Hafen von Mariel, weil Papiere angeblich nicht in Ordnung waren. «Das hat uns mehrere tausend Dollar alleine an Standgebühren gekostet», erinnert er sich.

Historisches Zentrum der Kolonialstadt Trinidad. Früher wimmelte es hier von Touristen, heute herrscht hier Leere.
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Erst 2017, nach vier Jahren Vorbereitungszeit, konnten die Touren starten. Allerdings unter den Bedingungen der sozialistischen Bürokratie. So durften seine Touren in Kuba nur über die staatlichen Agenturen gebucht werden. Bis diese Staubs Anteil überwiesen, vergingen oft Monate. Staub selber durfte seine Touren nur im Ausland verkaufen.
Kubanischer Kontrollwahn
Sein Unternehmen Cubyke unterliegt dem kubanischen Arbeitsrecht. In der Hochphase hatte er ein Team von sieben Mitarbeitern, die er über eine staatliche Agentur einstellen musste. Das Gehalt wird hierbei in Dollar an den Staat gezahlt, die Mitarbeiter bekommen jedoch nur 10 Prozent ausgezahlt. «Folglich musste man den Leuten zusätzlich ein zweites Gehalt direkt zahlen, damit sie überhaupt motiviert waren, für einen zu arbeiten.»
Neben der Arbeitsmoral sei die Ersatzteilbeschaffung das grösste Problem. Da es in Kuba keinen geordneten Fahrradersatzteilhandel gebe, müsse er sich Schläuche, Reifen oder Bremsflüssigkeit aus dem Ausland mitbringen lassen.
Der Staat schrieb auch den Einsatz von staatlichen Guides für Touristengruppen von über sechs Personen vor. Für Sprachen wie Russisch, Chinesisch oder Französisch mussten zusätzliche Fremdsprachen-Guides engagiert werden. Zudem redete der Staat bei den Parcours der Touren mit. In die Nähe sensitiver Einrichtungen wie Militäranlagen durfte Staub mit seinen Touren nicht kommen.
Doch die Mühe lohnte sich in den ersten Jahren, da zahlungskräftige Amerikaner Kuba besuchten. Bis die USA in Donald Trumps erster Amtszeit den Kurs verschärften. Mitte 2019 untersagte die US-Regierung ihren Bürgern Bildungsreisen nach Kuba, auch Kreuzfahrtschiffe durften nicht mehr von den USA aus nach Kuba fahren. «Da fielen uns ganz viele Gruppen weg. Und dann kam schon die Corona-Pandemie, in der ich fast alle Mitarbeiter entlassen musste.»
Dass sich der Tourismus danach nicht wieder erholte, lag auch daran, dass Trump Kuba 2021 auf die Liste der Terrorismus finanzierenden Länder setzte. Wer die Insel besucht hat, braucht danach ein Visum für Reisen in die USA. Das schreckt viele Touristen ab. Dass die Fluggesellschaften Condor und Edelweiss bereits Mitte 2025 ihre Flüge nach Kuba einstellten, traf Staub. Seine Touren gehörten zu den Aktivitäten der hier auf den Rückflug wartenden Crews.

In den Jahren 2017 und 2018 lief der Tourismus in Kuba auf Hochtouren. Derzeit kann Martin Staub nur hoffen, dass sich die Branche bald wieder erholt.
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Millionen verlassen Kuba
Seit der Pandemie haben schätzungsweise 2 Millionen der einst 11 Millionen Bewohner Kuba verlassen. Besonders junge und gut ausgebildete Kubaner sind gegangen. Der Braindrain, der besonders den Dienstleistungssektor trifft, sei eine Katastrophe für das Land, sagt Staub. «Das spürt man extrem im Tagesleben, der ganze Mittelbau der Gesellschaft fehlt», sagt Staub.
Zudem seien viele Kubaner in die Privatwirtschaft gewechselt, sagt Staub. Seit 2021 sind in Kuba KMU erlaubt, die deutlich bessere Gehälter als der Staat zahlen. Auch in den Behörden habe es einen gewaltigen Braindrain gegeben, sagt Staub. Das führe zu langen Wartezeiten und grosser Ineffizienz, verschärft durch die ständigen Stromausfälle.
Im Juni hat die kubanische Regierung ein Reformpaket zur Modernisierung der Wirtschaft beschlossen, darunter die Zulassung ausländischer Banken in Kuba. Ob und vor allem wann die Reformen umgesetzt werden, ist aber ungewiss. Die Präsenz internationaler Banken in Kuba sei unerlässlich, um Business zu machen, sagt Staub. Denn das kubanische Finanzsystem sei stets ein Problem für Unternehmen gewesen.
So musste er für seine Firma Konten in Dollar, Euro und Pesos bei staatlichen kubanischen Banken eröffnen. Frei verfügen über die dort liegenden Dollar und Euro kann er aber nicht. «Wenn ich das Geld abheben wollte, müsste ich es zum extrem schlechten staatlichen Kurs von 1:24 in kubanische Pesos tauschen, was ein riesiger Verlust wäre», sagt Staub. Auf den Strassen Kubas beträgt der Kurs für einen Dollar mittlerweile 670 Pesos, für einen Euro 780 Pesos.
Das neue Laisser-faire
Andererseits verspüre er in den letzten Jahren eine zunehmende Laisser-faire-Mentalität vonseiten der kubanischen Behörden. So arbeitet er nicht mehr mit den staatlichen Tourismusagenturen zusammen, sondern kann seine Touren direkt verkaufen. Da das Internet in Kuba mittlerweile einigermassen funktioniert, können Touristen auch von Kuba aus über seine Website buchen. Auch Touren ohne staatliche Guides seien nun möglich. Die neue Nachgiebigkeit könnte daran liegen, dass dem Staat mittlerweile schlicht das Personal für seinen Kontrollwahn fehlt.
Staub hingegen fehlen die Touristen, um wieder durchstarten zu können. Er hofft darauf, dass der Tourismus wieder anspringt. Kubas touristisches Potenzial sei jedenfalls grösser als zum Beispiel das der Dominikanischen Republik, glaubt Staub. Kuba sei landschaftlich schöner und habe 5000 meist unbewohnte Inseln mit phantastischen Stränden. «Das ist ein Paradies.»

Sonnenuntergang an der Uferpromenade Malecón in Havanna. Derzeit sind auch hier Touristen rar.
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