„Packe Pride-Fahne erst vor Ort aus"
Stand: 27.07.2026, 18:30 Uhr
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Laetitia Wegmann war am Samstag als Ordnerin auf dem CSD in Ebersberg im Einsatz. Zur selben Zeit raste in Berlin ein Auto in eine Menschenmenge beim Christopher Street Day.
Erding – Der Anschlag in Berlin während des Christopher Street Days (CSD) hat Laetitia Wegmann ganz besonders betroffen gemacht. Die 22-Jährige aus Taufkirchen ist selbst offen queer und war am Samstag auf einem anderen CSD in Ebersberg. Sie wusste aber auch von Freunden, die in der Bundeshauptstadt waren. Wir sprachen mit der Grünen-Politikerin, die auch Mitglied im Kreistag ist.
Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie von dem Anschlag erfahren haben?
Ich kam etwa eine Stunde zuvor vom CSD in Ebersberg nach Hause, wo ich als Ordnerin und im Awareness-Team im Einsatz war. Mein erster Gedanke galt den Bekannten, von denen ich wusste, dass sie vor Ort waren. Gleichzeitig wurde mir klar, dass ich ohne den CSD in Ebersberg wahrscheinlich selbst dort gewesen wäre. Danach fragte ich mich nach dem Motiv und hatte sofort die Sorge, dass die Tat gegen queere oder andere marginalisierte Menschen instrumentalisiert werden könnte. Die Angst um die eigene Sicherheit, die Wut, dass schon wieder queere Menschen gezielt attackiert wurden und das Gefühl der Machtlosigkeit kam erst nach einigen Stunden..
Nach so einer Tat: Fühlen Sie sich noch sicher?
Vor fünf Jahren habe ich mir auf CSDs kaum Gedanken um meine Sicherheit gemacht. Heute suche ich am Bahnhof gezielt andere Queers, damit wir gemeinsam unterwegs sind, und packe meine Pride-Fahne oft erst vor Ort aus. Beleidigungen, Hitlergrüße oder andere Anfeindungen gehören leider schon länger dazu. Die Angst vor einem Anschlag hatte ich bisher nicht – jetzt bleibt ein mulmiges Gefühl. Dass der Täter ein Auto als Waffe genutzt hat, trifft mich zusätzlich persönlich, weil ein Querdenker nach einer Demo, die ich mitorganisiert hatte, nur knapp vor mir gebremst hat.
Welche Konsequenzen erwarten Sie von den Sicherheitsbehörden?
Dass Sicherheitsbehörden queerfeindliche Bedrohungen endlich konsequent ernst nehmen. Ich musste mehrfach darum kämpfen, dass Hasskommentare oder sogar ein Angriff auf mich überhaupt angezeigt werden. Auch bei CSDs habe ich erlebt, dass Ehrenamtliche eingreifen mussten, bevor die Polizei handelte.
Und was muss die Politik tun?
Von der Politik erwarte ich einen besseren Schutz queeren Lebens statt weiterer Verunsicherung. Wichtig ist außerdem, dass das Leid der Betroffenen nicht für rassistische oder rechtsextreme Narrative instrumentalisiert wird. Queerfeindlichkeit ist kein importiertes Problem. Die Community darf sich weder von Terror noch von Hetze spalten lassen.
Wie kann verhindert werden, dass solche Taten die Sichtbarkeit und das Selbstverständnis der queeren Community einschränken?
Die Tat muss juristisch und gesellschaftlich konsequent aufgearbeitet werden und darf nicht politisch instrumentalisiert werden. Gleichzeitig braucht es mehr Prävention, vor allem an Schulen, sowie bessere Beratungs- und Unterstützungsangebote. Gerade im ländlichen Raum fehlen oft sichtbare Anlaufstellen. Als offen queere Kommunalpolitikerin versuche ich, Präsenz zu zeigen – aber das allein reicht nicht.
Welche Botschaft möchten Sie den Menschen mitgeben, die nach diesem Ereignis verunsichert sind?
Lasst die Angst nicht gewinnen. Trauer und Wut sind berechtigt, aber wir dürfen uns nicht einschüchtern lassen. Wir müssen weiter sichtbar bleiben, für unsere Rechte eintreten und füreinander da sein. Und an alle, die nicht queer sind: Wir brauchen jetzt nicht Mitleid, sondern Solidarität. Werdet laut gegen Hass und steht an der Seite eurer queeren Mitmenschen.