Neue ZDF-Talkshow mit Sarah Tacke: „Dieses Land funktioniert nicht mehr so selbstverständlich wie früher“
Stand: 27.07.2026, 07:00 Uhr
Kommentare

Das ZDF erprobt einen neuen Polit-Talk. Mit „Sarah Tacke“ wird die 43-jährige Journalistin von 30. Juli bis 27. August auf Sendung sein - donnerstags um 22.15 Uhr. Dabei möchte Sarah Tacke eine Gesprächsrunde etablieren, die Vorbild für eine neue Aufbruchsstimmung in Deutschland sein könnte.
Man kennt Sarah Tacke als Rechtsexpertin des ZDF aus Nachrichtensendungen und von den „Am Puls“-Reportagen zu aktuellen gesellschaftlichen Debatten. Nun geht die 43-jährige Journalistin von 30. Juli bis 27. August mit einer nach ihr benannten Talkshow auf Sendung, immer donnerstags um 22.15 Uhr. In „Sarah Tacke“ (erstmals am Donnerstag, 30. Juli, 22.15 Uhr) möchte die zweifache Mutter in konzentrierter Arbeitsatmosphäre ohne Publikum etwas Neues im deutschen TV probieren: die lösungsorientierte Debatte komplexer Probleme. Im Interview erklärt Sarah Tacke, warum sie daran glaubt, dass sich die Gesellschaft in einem großen Umbruch befindet und was sich in Deutschland ändern muss, damit der Ausstieg aus der aktuellen Abstiegsspirale zu schaffen ist.

teleschau: Was soll bei „Sarah Tacke“ anders werden als in anderen Talkshows?
Sarah Tacke: Mich interessiert weniger, wer in einer Debatte gewinnt. Mich interessiert, was stimmt. Ich bin Juristin, deshalb versuche ich bei jedem Thema zuerst zu verstehen, worüber wir eigentlich reden. Erst die Fakten, dann die Debatte. Deshalb führen wir das Gespräch auch ohne Publikum. Wenn man ein Live-Publikum im Studio hat, will man es nämlich auch unterhalten. Man diskutiert dann auf gewisse Art anders - und das wollte ich nicht. Das konzentrierte Arbeiten am Thema steht im Mittelpunkt. Ich beginne aber die Sendung immer auf der Straße - mit Fragen und Antworten der Menschen dort. Und nehme diese Stimmen und Stimmung dann mit ins Studio. Die Sendung ist live, nur der Straßen-Opener wird am Abend zuvor aufgezeichnet.
teleschau: Wen laden Sie als Gäste ein - und wie sollen die miteinander reden?
Sarah Tacke: Wir wollen tatsächlich so etwas wie eine Arbeitsatmosphäre herstellen. Eine, in der wir zusammen an einem Tisch sitzen und nicht auf Lounge-Sesseln. An diesem Tisch sitzen Menschen, die aus ganz unterschiedlichen Perspektiven etwas zum Thema beitragen: Entscheider, Betroffene und Experten. Mir ist wichtig, dass auch Menschen dabei sind, die vielleicht noch nie in einer Talkshow waren. Drei Gäste sind von Anfang an dabei, am Ende kommt ein vierter Gast hinzu, der den Blick auf das Thema verändert - im besten Fall mit einer konkreten Lösungsperspektive. Denn mich interessiert nicht nur, worüber wir streiten, sondern auch, wie wir weiterkommen.
„Die Bahn kommt nicht. Die Kita schließt. Die Wohnungssuche dauert Monate.“
teleschau: Haben wir zu viele „Gesprächsrunden“ in Deutschland, die Probleme nur aus einer Perspektive betrachten? Zum Beispiel aus Sicht der eigenen Partei, des politischen Apparates oder der sogenannten „Blase“?
Sarah Tacke: Wir hören oft Menschen zu, die ohnehin derselben Meinung sind. Mich interessieren aber gerade Gespräche, bei denen unterschiedliche Perspektiven zusammenkommen und trotzdem gemeinsam an einer Lösung gearbeitet wird. Deshalb finde ich das Ergebnis der Rentenkommission so ermutigend. Auch wenn ich nicht jeden Vorschlag teile, zeigt sie doch, dass große politische Reformen möglich sind, wenn unterschiedliche Menschen gemeinsam an einem Problem arbeiten und nicht nur gegeneinander argumentieren.
teleschau: Welchen Themen werden Sie sich widmen?
Sarah Tacke: Sofern uns die Aktualität nicht dazwischenfunkt, planen wir den Einstieg mit der neuen Grundsicherung, die das Bürgergeld abgelöst hat. Wir wollen wissen: Was ändert sich tatsächlich - und ist das gerechter? Weitere Themen, die uns beschäftigen, sind die Frage, warum viele Menschen den Eindruck haben, dass Arbeiten sich immer weniger lohnt, warum die Schere zwischen Arm und Reich weiter auseinandergeht oder weshalb Deutschland in so vielen Bereichen das Gefühl vermittelt, nicht mehr richtig zu funktionieren. Dahinter steckt für mich eine größere Frage: Warum haben heute so viele Menschen Angst vor dem sozialen Abstieg - obwohl Deutschland lange als das Land galt, in dem jede Generation es einmal besser haben würde als die vorherige?
teleschau: Bleiben wir bei der deutschen Abstiegsangst. Erleben wir gerade mehr als ein Wellental? Kann es passieren, dass die Zeiten des breiten Wohlstandes der Deutschen vorbei sein könnten? Und was macht das mit uns?
Sarah Tacke: Ich glaube, viele Menschen erleben gerade etwas, das man als Dysfunktionalität beschreiben könnte. Es ist gar nicht das eine große Ereignis. Es sind die vielen kleinen Erfahrungen im Alltag: Die Bahn kommt nicht. Die Kita schließt. Die Wohnungssuche dauert Monate. Der Arzttermin ist kaum zu bekommen. Jede einzelne Erfahrung wäre vielleicht auszuhalten. Aber zusammen entsteht bei vielen Menschen das Gefühl: Dieses Land funktioniert nicht mehr so selbstverständlich wie früher. Und genau daraus wächst Abstiegsangst. Zwischen meiner und der Generation meiner Eltern ist viel passiert. In deren Generation haben viele ganz normale Menschen Häuser gebaut. Heute können das nur noch Leute stemmen, die außergewöhnlich gut verdienen. Solche Veränderungen prägen das Lebensgefühl eines Landes.
„Sonst verwalten wir irgendwann nur noch den Stillstand“
teleschau: Macht Ihnen auch etwas Mut in Deutschland?
Sarah Tacke: Ja. Es sind die Menschen, denen ich auf meinen Reportagen begegne. Da gibt es unglaublich viele, die konstruktiv sind, Ideen entwickeln und Verantwortung übernehmen. Ich denke an engagierte Lehrerinnen und Lehrer, an Unternehmer, an Menschen in Verwaltungen oder Vereinen, die Probleme nicht nur beschreiben, sondern lösen wollen. Deutschland hat nach wie vor enormes Potenzial. Mein Eindruck ist nur: Wir machen es denjenigen, die etwas bewegen wollen, oft unnötig schwer.
teleschau: Woran liegt das?
Sarah Tacke: Vor allem daran, dass wir uns häufig selbst hemmen. Viele Menschen, mit denen ich spreche, erzählen mir, wie schwierig es geworden ist, Dinge anzuschieben oder zu verändern. Ich wünsche mir manchmal mehr Mut. Politik sollte häufiger erklären, was möglich ist - und nicht nur, warum etwas nicht geht. Wer gestalten will, muss Regeln ernst nehmen. Aber er muss auch den Mut haben, Regeln zu verändern, wenn sie ihren Zweck nicht mehr erfüllen. Sonst verwalten wir irgendwann nur noch den Stillstand.
teleschau: Dass die Menschen aufbrechen und etwas verändern wollen, sie sich aber in einem sie ausbremsenden System gefangen fühlen, scheint eine große Erkenntnis der deutschen Gegenwart zu sein ...
Sarah Tacke: Ja, diesen Eindruck habe ich auch. Gleichzeitig macht mir genau das Hoffnung. Ich begegne immer mehr Menschen, die gestalten wollen und nicht länger nur verwalten. Meine Sorge ist eher, dass unsere Vorschriften und Regeln Veränderungen manchmal unnötig schwer machen. Aber ich glaube, dass dieser Wunsch nach Veränderung inzwischen auch in der Politik angekommen ist.
„Gute Regeln schaffen Freiheit. Schlechte Regeln verhindern sie.“
teleschau: Es passiert gefühlt selten, dass Juristen sich für eine großzügige Interpretation von Regeln einsetzen. Sind Sie eine ungewöhnliche Vertreterin Ihres Fachs?
Sarah Tacke: Ich bin sehr gerne Juristin und schätze vieles an meinem Beruf: Gründlichkeit, Unvoreingenommenheit und den Anspruch, Lösungen für Konflikte zu finden. Aber ich sage auch: Unsere Regeln sind nicht von Gott gegeben. Wir haben sie gemacht - und wir können sie ändern, wenn sie uns mehr schaden als nützen. Gerade Juristen wissen, dass Recht nichts Starres ist. Es entwickelt sich ständig weiter. Gute Regeln schaffen Freiheit. Schlechte Regeln verhindern sie. Deshalb gehört zu einem funktionierenden Rechtsstaat auch der Mut, Regeln wieder abzuschaffen oder zu verändern, wenn sie ihren Zweck nicht mehr erfüllen.
teleschau: Sehen Sie Anzeichen dafür, dass ein Aufbruch in Deutschland stattfindet?
Sarah Tacke: Ja. Ich habe nach den vergangenen Wochen mehr Hoffnung als noch vor einem Jahr. Die Rentenkommission ist für mich ein Beispiel dafür, dass parteiübergreifend wieder größere Lösungen möglich sind. Ich hoffe, dass das kein Einzelfall bleibt.
teleschau: Am Gelingen scheint uns auch die emotional aufgeheizte, längst von Social Media geprägte Debattenkultur zu hindern. Glauben Sie, dass wir irgendwann zu einem rationaleren Umgang miteinander zurückkehren?
Sarah Tacke: Das hoffe ich sehr. Denn gute Politik beginnt für mich immer gleich: hinschauen, verstehen und erst dann entscheiden. Diese Reihenfolge wünsche ich mir manchmal auch für unsere öffentlichen Debatten. Es geht nicht darum, Emotionen auszublenden. Aber sie sollten nicht am Anfang stehen. Erst wenn wir gemeinsam klären, was ist, können wir vernünftig darüber streiten, was gerecht ist und was sich ändern muss. Genau deshalb haben wir auch unsere neue Sendung so aufgebaut: erst die Fakten, dann die Debatte und am Ende möglichst eine Lösung oder zumindest eine neue Perspektive. Ich glaube, dass sich viele Menschen genau danach sehnen. (Dieser Artikel entstand in Kooperation mit teleschau.)