Nach Wilke-Wurstskandal: Hessens Lebensmittelkontrollen immer noch massiv im Rückstand

Stand: 18.07.2026, 12:00 Uhr

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Todesfälle durch Keime in Wurst

Die Aufarbeitung des Wilke-Wurstskandals läuft derzeit vor dem Landgericht Kassel. © Uwe Zucchi

Im vergangenen Jahr haben nur zwei hessische Landkreise die gesetzlich vorgeschriebene Zahl an Lebensmittelkontrollen erreicht.

Die FDP-Fraktion im Landtag wirft der Landesregierung Fahrlässigkeit bei der Lebensmittelüberwachung in Hessen vor. Im vergangenen Jahr hätten 24 der 26 Landkreise und kreisfreien Städte die gesetzlich vorgeschriebene Zahl an Kontrollen nicht erreicht, kritisierte die FDP-Fraktionsvorsitzende Wiebke Knell. Lediglich die Landkreise Odenwald und Hersfeld-Rotenburg hatten die Vorgaben im vergangenen Jahr erfüllt.

In anderen Landkreisen sei die Quote teilweise erschreckend niedrig gewesen, so Knell, die auch verbraucherschutzpolitische Sprecherin ihrer Partei ist. Im Hochtaunuskreis wurden 2025 gerade mal 18 Prozent der planmäßigen Routinekontrollen vorgenommen, in der Stadt Offenbach 25 Prozent, im Main-Kinzig-Kreis 37 Prozent und in Frankfurt 47 Prozent. Hessenweit liege die Quote für die vergangenen drei Jahre bei 66,5 Prozent. „Jede dritte Kontrolle fällt also aus. Hier muss das für den Verbraucherschutz zuständige Landwirtschaftsministerium als oberste Fachaufsicht viel mehr Druck auf die Kreise und kreisfreien Städte machen“, forderte Knell.

Fachverband sieht Missverhältnis

Grundlage der FDP-Schelte ist eine Große Anfrage im Landtag, die von der Landesregierung Anfang Juli beantwortet wurde. Darin heißt es in einer Vorbemerkung der Landesregierung: „Der gesundheitliche Verbraucherschutz in Hessen ist wirksam, stark und leistungsfähig.“ Die kommunalen Behörden vor Ort nähmen die Lebensmittelkontrollen „risikoorientiert“ vor. Die Landesregierung weist zudem darauf hin, dass es seit 2019 in der Lebensmittelüberwachung einen Stellenzuwachs von 15 Prozent gegeben habe.

Philipp Adanic aus dem Vorstand des Landesverbands der Lebensmittelkontrolleure bestätigt den Personalzuwachs. Allerdings sei dieser bei weitem noch nicht ausreichend. „In den vergangenen Jahren ist ein erheblicher Aufgabenzuwachs zu verzeichnen, ohne dass dieser mit einem erheblichen Ausbau bestehender Strukturen einherging“, sagte Adanic am Freitag auf FR-Anfrage. So seien die Kontrollen insgesamt aufwendiger geworden, ebenso wie die Dokumentation.

Ähnlich hatte sich zu Jahresbeginn das für die Frankfurter Lebensmittelkontrollen zuständige Ordnungsamt geäußert und einen Personalmangel selbst eingeräumt. Frankfurts Ordnungsdezernentin Annette Rinn (FDP) hatte die Notwendigkeit von Kontrollen bekräftigt, da die Hygienekenntnisse in Gastronomiebetrieben rückläufig seien. Dazu passen Zahlen zur Beschwerdelage in Hessen, die aus der Großen Anfrage hervorgehen. Demnach haben sich die bei den zuständigen Behörden eingegangenen Beschwerden von 2023 (1.079) bis 2025 (2.134) fast verdoppelt.

Parallel zu dieser Entwicklung hat es Adanic zufolge in den kommunalen Behörden aber Einsparungen bei Sachmitteln gegeben. Dadurch könnten die Aufgaben der amtlichen Lebensmittelüberwachung „nicht mehr in dem erforderlichen Umfang wahrgenommen werden, der notwendig wäre, um das dauerhaft hohe Schutzniveau sicherzustellen“, so Adanic.

Fall in Göttingen betrifft auch Hessen

Zu einzelnen Landkreisen und deren teils geringen Kontrollquoten wollte sich Adanic am Freitag nicht äußern. In Hessen seien die Ausstattung des Kontrollpersonals und die Personalbemessung in der Verantwortung des kommunalen Arbeitgebers. „Um diese Rahmenbedingungen nachhaltig zu verändern, wäre eine Rückführung der kommunalen Zuständigkeit erforderlich“, so Adanic.

Die Lebensmittelkontrolle in Hessen war nach dem Skandal in der nordhessischen Wurstfabrik Wilke reformiert worden. Aktuell läuft die juristische Aufarbeitung des Skandals vor dem Landgericht Kassel. Drei damalige leitende Angestellte müssen sich wegen fahrlässiger Tötung in elf Fällen verantworten.

Unabhängig vom hessischen Kontrollniveau machen Krankheitserreger aber nicht vor Landesgrenzen halt. Vor zwei Tagen hatte der Landkreis Göttingen zehn Rohwurstprodukte des Herstellers Wulff wegen gesundheitlicher Bedenken zurückgerufen. Die Produkte der niedersächsischen Firma wurden auch an Lebensmittelmärkte in Hessen geliefert.