Fußball-WM 2026: Der DFB und die WM-Selbsttäuschung
Nach dem vielleicht einseitigsten Finale der WM-Geschichte könnte der deutsche Fußball auf die Idee kommen, sich diese Frage zu stellen: Hätte das eigene Team denn, wenn schon die Spanier außer Reichweite sind, nicht zumindest an Argentiniens Stelle stehen können?
Die Antwort: nicht ausgeschlossen. Bei einem Turnier ist vieles möglich, es gibt selten mehr als drei, vier Mannschaften, die kollektiv auf höchstem Niveau spielen. Aber in dem Moment, in dem er die Antwort so ausspricht, wäre schon etwas anderes klar: dass die nächste Selbsttäuschung nur eine WM entfernt ist.
Hoffnungslos naiv
Die fünf Wochen in den Vereinigten Staaten, Kanada und Mexiko haben auf verschiedene Weise gezeigt, was Weltklasse ist – und dass der deutsche Fußball in dieser Verfassung nirgendwo in dieser Liga spielt. Man sollte sich dafür ruhig noch einmal in Erinnerung rufen, was Toni Kroos nach dem deutschen Aus im Sechzehntelfinale gesagt hat: „Wir haben aktuell keinen einzigen Weltklassespieler.“
Kroos hat das bestimmt auch deshalb gern gesagt, weil er der bislang letzte deutsche Spieler ist, der zweifelsfrei Weltklasse bot. Aber das macht es nicht weniger richtig. Einen, der über mehrere Jahre ein großes Team führt, der Verantwortung im großen Stil übernimmt, der ein Großer des globalen Spiels auch für die Fans ist, wenngleich in Kroos’ Fall etwas anders als die Messis und Mbappés? Hat es seitdem nicht gegeben.
Florian Wirtz? Hat vielleicht gezeigt, dass er das Potential für diesen Schritt hat, aber bei dieser WM nährte er eher die Zweifel. Joshua Kimmich? Prägt seit Jahren das Spiel der Bayern mit, aber schon auch, weil andere es noch mehr prägen.

Es wird deshalb noch einmal deutlicher, warum die Heim-EM vor zwei Jahren ein relativer Erfolg werden konnte: Weil es mit Kroos und İlkay Gündoğan zwei Spieler gab, die die Verantwortung trugen, weil Kimmich sie deshalb gut mittragen konnte. Und auch, weil Julian Nagelsmann als Bundestrainer eine wesentliche Erkenntnis beherzigte: dass auch robuste Arbeit verrichtet werden muss, nicht zuletzt im Zentrum. Von der Renaissance des „Workers“ allerdings, die er einmal selbst ausrief, hätte seine Mannschaft bei der WM nicht weiter entfernt sein können. Mit Blick auf die Benchmarks muss man sagen: hoffnungslos naiv.
Vergiftetes Erbe
Nagelsmann ist mit dem deutschen Fußball in dieselbe Falle getappt, in die vor ihm auch schon Hansi Flick und Joachim Löw gegangen sind: aus einem vergleichsweise großen Angebot an talentierten Offensivspielern eine fast ausnahmslos offensive Spielidee abzuleiten. Es ist das vergiftete Erbe der WM 2014: das schöne Spiel als Beginn einer großen Blendung. Ohne die Fähigkeit zu „leiden“, wie es in der Fußballsprache heißt, ist alles andere nichts. Es ist eine Pointe am Rande, dass das französische Team mit so viel Weltklasse in der Offensive in dem Moment abstürzte, als Trainer Didier Deschamps vom kühlen Pragmatismus vorheriger Turniere abrückte.

Die wichtigste Lehre für den deutschen Fußball ist, dass er sich nicht weiter selbst täuschen darf. Es gibt Möglichkeiten, fehlende Weltklasse auszugleichen, aber nicht, wenn man sich gleichzeitig dafür hält und inflationär davon spricht. Diese Autosuggestion ist an der Realität zerschellt. Er muss vielmehr lernen, wieder echte Weltklasse hervorzubringen.
Die ersten Schritte hat der Deutsche Fußball-Bund getan, mit der Ausbildungsreform, die besser ausgebildete Spieler, auch technisch, und mehr Spezialisten hervorbringen soll. Allerdings sollte noch einmal nachjustiert werden. Am größten war der Abstand zur Weltklasse bei der WM in Sachen Robustheit, körperlich, aber auch mental. Der deutsche Fußball braucht mehr „Straße“ und weniger Akademie, die beim DFB seit Jahren das Bild dominiert.
Darüber hinaus ist eine klare Idee nötig, wie in der Nationalmannschaft Fußball gespielt werden soll, so wie auch Philipp Lahm das in der F.A.Z. gefordert hat. Argentinien und Spanien standen nicht zuletzt deshalb im Finale, weil sie am selbstverständlichsten einen Stil verkörpern.
Der DFB hat sich die relevanten Fragen nicht gestellt
Beide Teams sind, in der Tradition ihrer Fußballnationen, Ballbesitzmannschaften. Die Spanier unter Luis de la Fuente nutzen das nicht zuletzt als Defensivstrategie, indem sie dem Gegner den Ball so vorenthalten, dass man schon beim Zuschauen verrückt wird. Die Argentinier mussten unter Lionel Scaloni erst lernen, dass der europäische Umschaltfußball nicht in der Natur ihrer Spieler liegt. Er schuf eine mächtige Kombination aus selbstbewusstem Ballbesitz und Selbstverteidigung bis zum Äußersten – auch wenn sie im Finale den ersten Teil vergaßen.
Es ist noch nicht gesagt, dass der deutsche Fußball mit Jürgen Klopp und seinem Pressingfußball wieder eine Weltmarke werden kann. Möglich, dass es an der Oberfläche schnell wieder besser aussieht als zuletzt. Der DFB braucht aber ein viel tiefgehenderes Nachdenken über die Art und Weise, wie gespielt und ausgebildet werden soll, und vor allem viel Entschlossenheit und Kondition.
Dabei dürfen die Weltmeister von 2014 gern mitmachen, auch wenn das anstrengender ist, als nur darüber zu reden. Für den deutschen Fußball ist es ein Jahrzehntprojekt. Dass es dem DFB mit Klopp gar nicht schnell genug gehen konnte, spricht nicht gegen ihn als neuen Bundestrainer. Aber dafür, dass der Verband sich die relevanten Fragen gar nicht gestellt hat, bevor er Fakten schaffen wollte.