Hinterlässt Spahn eine Lücke in der CDU?
Jens Spahn habe keine Exitstrategie für den Fall eines politischen Scheiterns, hat sein Ehemann einmal gesagt. Die brauche er auch nicht. „Wir würden eine lange Reise machen, die Wunden lecken und dann was ganz Neues machen“, sagte Daniel Funke. „Und es wäre auch völlig okay.“
Das war 2018, Spahn war 38 Jahre alt, und schon wurde eine Biographie über ihn geschrieben, aus der das Zitat stammt. Verfasst hat sie der Journalist Michael Bröcker. Spahn war damals gerade als Bundesgesundheitsminister ins Kabinett von Angela Merkel eingezogen. Ein erstaunlicher Coup, bei nur wenigen verfügbaren Plätzen dort für die Unionsmänner. Aber er hatte nicht nur selbst dafür gekämpft, sondern auch andere kämpften und forderten ihn: die Jungen, die Konservativen, Parteifreunde aus dem Osten. Sie alle verband, dass sie sich nach den langen Merkel-Jahren einen Neustart wünschten, eine andere CDU. Spahn wurde ihr Vorkämpfer, ihr Hoffnungsträger.
Jetzt, acht Jahre später, ist Spahn zurückgetreten. Nach fast 24 Jahren im Bundestag, nach gut einem Jahr an der Spitze der Unionsfraktion. So mächtig wie nie. In einem kurzen und heftigen Sturm der Empörung nach der Bekanntgabe, dass er mit seinem Mann über eine Leihmutterschaft in Amerika Vater geworden ist, ist niemand von Rang und Namen bekannt, der für ihn gekämpft und mit Nachdruck versucht hätte, ihn zu retten. Niemand, der rief „Lieber Jens, bleibe bei uns!“, so wie es Carsten Linnemann, der heutige CDU-Generalsekretär, 2018 Friedrich Merz hinterhergerufen hatte, als der im Kampf um den Parteivorsitz knapp Annegret Kramp-Karrenbauer unterlegen war. Heute schweigt Linnemann öffentlich zu Spahn, obwohl die beiden ein gutes Verhältnis zueinander haben.
Nur Roland Koch verteidigte Spahn
Nur der frühere hessische Ministerpräsident und Freund von Merz, Roland Koch, hatte sich einmal in einem Post in den sozialen Medien verteidigend geäußert. Einen Vorkämpfer zu verlieren, einen Hoffnungsträger, eine solche Sorge schien kaum jemanden mehr umzutreiben in der Partei und der Fraktion. Aber ist dadurch jetzt nicht ein Loch entstanden in der Union, politisch und personell? Oder ist einfach nur Jens Spahn zurückgetreten?
Das politische Leben von Spahn durchziehen Episoden der Erregung, der Provokation, des Streits und der Skandale: von politischen Absetzbewegungen über spitze Zitate in den Medien bis zu teuren Corona-Masken-Beschaffungen und der Nähe zum amerikanischen MAGA-Lager. Sogar die Finanzierung seiner privaten Villa provozierte viel Skepsis, obwohl er sie längst wieder verkauft hat. Begleitet wurde all das von den immer gleichen Fragen, die seine Parteifreunde, den sozialdemokratischen Koalitionspartner und die Opposition auch jetzt wieder beschäftigt haben: Kann man Spahn trauen, ist er glaubwürdig, ist sein Vorgehen moralisch einwandfrei – wofür steht er? Oder, wie Merz es am Sonntag formuliert hatte, als er eingestand, dass er nicht mit der Empörungswelle über Spahns Vaterschaft „in diesem Umfang“ gerechnet habe: „Aber es hatte wahrscheinlich auch was mit seiner Person zu tun.“
Spahn hat immer polarisiert, aber es bestens verstanden, wie er genau das auch nutzen kann, um aufzusteigen. Aufmerksamkeit und Unterstützung sammeln durch gezielte Provokation, Zuspitzung, Widerspruch. Jetzt lässt sich allerdings nicht nur die Bundestagsabgeordnete der Grünen, Paula Piechotta, die Spahn lange schon unsaubere Corona-Masken-Deals vorwirft, dazu hinreißen zu behaupten, „ganz Deutschland“ hasse Jens Spahn. Aus den eigenen CDU-Reihen sind Freunde von Spahn gerade kaum zu vernehmen. Dass er beliebt gewesen wäre, das war ohnehin nicht behauptet worden.

Mit Widerspruch und Wettbewerb hat die Karriere von Spahn schon begonnen. 2001 trat er zur Überraschung vieler gegen einen etablierten Parteifreund an, um sich einen Wahlkreis für den Bundestag zu sichern. Bei diesem Wettkampf wurde erstmals auch öffentlich in der Partei über die sexuelle Orientierung Spahns diskutiert. In der Biographie wird beschrieben, dass in einer Kreisvorstandssitzung ein Landtagsabgeordneter gegen Spahn das Argument vorgetragen habe: „Wenn wir den aufstellen, dann haben wir ein Wowereit-Problem.“ Dann würde man nicht mehr gewählt. Spahn wurde aber Wahlkreiskandidat und gewann. 2002 zog er mit 22 Jahren in den Bundestag ein. Seitdem gewann er seinen Wahlkreis stets direkt, 2025 mit fast 42 Prozent.
Bald stieg Spahn auf. Er erarbeitete sich in den folgenden Jahren viel Anerkennung für seinen Fleiß, für seine fachliche Arbeit, für sein wachsendes Netzwerk und seine Fähigkeit zu verhandeln. Mit der hatte er sich sogar nach einem schwierigen Start als Fraktionsvorsitzender zu einem Faktor der Stabilität in der Koalition hochgearbeitet. Spahn habe den Aufbau der Regierungsfraktion „in kritischer Zeit zielstrebig, zuverlässig und erfolgreich vorangetrieben“, sagte Merz am Mittwoch. „Gerade in den letzten Wochen hat er eine bedeutende Rolle in der Erarbeitung der Reformvorhaben der Regierung gespielt.“ Das sagte Merz, als er dem Fraktionsvorstand Spahns Nachfolger in einer Schalte präsentierte: Thorsten Frei. Der bisherige Kanzleramtschef ist im Gegensatz zu Spahn ein Vertrauter des Kanzlers.
Spahn, das Ausnahmetalent. Das haben selbst jene nicht bestritten, die wenig mit ihm anfangen konnten. An seinem unbändigen Ehrgeiz bestand nie Zweifel. In der Biographie wird erwähnt, dass unter dem Foto in seiner Abizeitung die Mitschüler schon getextet haben: „Bundeskanzler, was sonst.“ Das Ziel: nach oben. 2014 spätestens musste das auch dem letzten an der CDU-Spitze klar gewesen sein: Da drängte er sich mit Unterstützung des Wirtschaftsflügels und der Jungen Union in das Präsidium und damit den engeren Führungszirkel der Partei. Zum Leidwesen von Hermann Gröhe, der damals als Vertrauter der Kanzlerin galt.
Schäuble förderte Spahn
Spahn hatte schon als junger Politiker aber auch einen mächtigen Förderer in der CDU. Den mächtigsten unterhalb der Kanzlerebene überhaupt, den wichtigsten, wenn es um die Frage ging, wie die CDU das Konservative mit der Moderne verbinden kann: Wolfgang Schäuble. Schäuble, dessen christdemokratischer Kompass von niemandem infrage gestellt wurde, der aber auch nie die Grünen verteufelte, der Kanzlerin Merkel kritisierte, etwa in der Migrationspolitik, damit aber auch die Merkel-Gegner beruhigte. Und der bei allem Selbstbewusstsein stets loyal gegenüber der Kanzlerin war. Kurzum: der Hüter des christdemokratischen Grals.
Als Merkel schon zehn Jahre im Amt war, nahm Schäuble als Finanzminister den 35 Jahre alten Spahn 2015 unter seine Fittiche, indem er ihn zum Parlamentarischen Staatssekretär in seinem Ministerium machte. Spahn haftete früh der Ruf an, sich als konservativer Gegenpol zu Merkel profilieren zu wollen. Er tat es besonders deutlich rund um die Flüchtlingskrise, wo er Merkels Kurs nicht nur kritisierte, sondern dazu sogar einen Sammelband veröffentlichte: „Ins Offene, Deutschland, Europa und die Flüchtlinge.“
Spahn dürfte bekannt gewesen sein, dass Merkel „ins Offene“ immer wieder als prägenden Leitspruch zitiert hat. Doch misstraute Merkel Spahn zumindest nicht so sehr, dass sie ihn nicht zu ihrem Gesundheitsminister gemacht hätte – nachdem so viele ihn gefordert hatten. Das war im März 2018. Da war ein anderer, den viele Konservative und Traditionalisten in der CDU als Hoffnungsträger auserkoren hatten, noch in der außerparlamentarischen Opposition: Friedrich Merz.

Doch schon ein halbes Jahr später, im Oktober 2018, kreuzten sich die Wege der beiden. Genauer: Sie prallten aufeinander. Als Merkel den Verzicht auf den Parteivorsitz und die nächste Kanzlerkandidatur ankündigte, stiegen sowohl Merz als auch Spahn in das Rennen ein, das Annegret Kramp-Karrenbauer gewann. Von da an war klar: Wann immer die beiden Männer noch miteinander zu tun haben würden, stünde der Wunsch zwischen ihnen, Kanzler zu sein.
Das war der Moment, in dem Wolfgang Schäuble sich glasklar festlegte, wen er für die Zukunft der CDU hielt. Nicht Spahn, sondern Merz. Der Mann mit dem über alle Lager größten Kredit in der Christlich Demokratischen Union Deutschlands, der damals Bundestagspräsident war, übernahm kurzentschlossen die Interviewplanung für Merz, lud die F.A.Z. selbst zum Gespräch in sein Büro im Reichstagsgebäude und schaltete sich in das Rennen um den Parteivorsitz ein. Er nannte Merz einen anständigen Kerl, lobte sein Eintreten für europäische, transatlantische und die Werte der sozialen Marktwirtschaft und sagte: „Für die CDU ist es sehr wichtig, jemanden mit einem so klaren Kompass an der Spitze zu haben. Das spricht für Friedrich Merz.“ Er schrieb Merz die Kraft zu, wieder eine Integration der politischen Kräfte „zur Mitte hin“ zu bewirken.
Für Spahn hatte Schäuble nur dürren Trost. Der sei eine „herausragende politische Begabung“, man habe im Finanzministerium „vorzüglich zusammengearbeitet“, und auch wenn Spahn jetzt seine Chancen als geringer ansehe, habe das „für die Zukunft nichts zu bedeuten“. Das oberste CDU-Gericht hatte gesprochen: Hoffnungsträger der Partei sollte Merz sein, nicht Spahn.
Zwischenzeitlich war das Verhältnis von Merz zu Spahn vergiftet
Merz blieb dabei, und Spahn entschied sich, auch beim Wettbewerb um den Parteivorsitz 2020 nicht für Merz zu kämpfen, sondern gegen ihn – an der Seite von Armin Laschet, dem Mann, der mit einer ganz anderen, liberaleren CDU verbunden wurde als Spahn. Man könnte sagen: mit der Merkel-CDU. Auch an diese Episode wird heute erinnert, wenn Abgeordnete über die Flexibilität Spahns sprechen. Nachdem Laschet als Kanzlerkandidat gescheitert und Merz schließlich an die Spitze von Partei und Fraktion gelangt war, überstand Spahn aber auch das. Als stellvertretender Fraktionsvorsitzender blieb er nahe an der Macht. Merz und er fanden eine Arbeitsbeziehung zueinander.
Es war nicht leicht. Das Verhältnis war zumindest zwischenzeitlich auch menschlich vergiftet. Spahn hatte es Merz sehr verübelt, als der 2020 auf die Frage in einem Interview, ob er etwas gegen einen schwulen Kanzler hätte, zwar mit einem Nein antwortete, aber hinzufügte, das gelte, „solange sich das im Rahmen der Gesetze bewegt und solange es nicht Kinder betrifft“. Als Spahn danach gefragt wurde, reagierte er trocken: „Na ja, wenn die erste Assoziation bei Homosexualität Gesetzesfragen oder Pädophilie ist, dann müssen Sie eher Fragen an Friedrich Merz richten, würde ich sagen.“
Als Merz Fraktionsvorsitzender war und Spahn einer seiner Stellvertreter, raufte man sich zusammen. Auf dem Weg zurück an die Macht wurden beide von der Frage begleitet, ob sie für einen konservativen, gar rechten Kurs stehen. Als Merz kurz vor der Bundestagswahl einen Antrag zur Verschärfung der Migrationspolitik im Bundestag zur Abstimmung stellte und dieser die Stimmen der AfD für eine Mehrheit bekam, gab es ebenso einen Aufschrei wie nach dem etwas unentschlossen von Spahn gemachten Vorschlag, im Bundestag „mit der AfD als Oppositionspartei so umzugehen in den Verfahren und Abläufen wie mit jeder anderen Oppositionspartei auch“. Kurz darauf wurde Spahn zum Fraktionsvorsitzenden gewählt.
Beide Christdemokraten mehrten so das Misstrauen ihrer Kritiker. Beide bestritten jedoch vehement, bei der harten Ablehnung einer Zusammenarbeit mit der AfD zu wackeln. Doch die Debatte bekam immer wieder neue Nahrung. Im Mai hatte Spahn die Behauptung zurückgewiesen, dass er die CDU zur AfD öffnen wolle. „Wer solche Gruselerzählungen am Leben hält, erweist einzig der AfD einen Dienst“, sagte er. Allerdings hatte er die Tür für Spekulationen offen gelassen mit der Äußerung, dass es mit „dieser AfD“ mit ihm keine Zusammenarbeit geben werde. Mit einer anderen etwa? Aufhorchen ließ, als Spahn vorschlug, dem Thüringer AfD-Vorsitzenden Björn Höcke das Wahlrecht entziehen zu lassen. War das etwa der Versuch, eine weniger radikale AfD entstehen zu lassen, mit der man dann reden könnte?

Letztlich war es für die von Schäuble 2018 gestellte Frage, wer für die Profilierung der CDU der Wichtigere sei, nachrangig. Merz und Spahn wurden mit der Bildung der Koalition im Frühjahr 2025 vielmehr an ihren handwerklichen Leistungen gemessen. Und da rumpelte es oft: bei der Kanzlerwahl, der Wahl einer Verfassungsrichterin, den überzogenen Reformversprechen, dem ersten Rentenpaket, um nur einige Beispiele zu nennen. Allerdings: dass Spahn im Amt offen illoyal agiert hätte gegen den Kanzler, konnte ihm niemand vorwerfen. Er wurde auch erst im Mai mit einem guten Resultat im Amt bestätigt.
Ein Abgeordneter deutet auf die Frage, wieso niemand Spahn beispringe, wo doch seine Beliebtheit ausweislich des Wiederwahlresultats einigermaßen groß sei, aber an, dass sich viele nicht getraut hätten, mit Nein zu stimmen. Allzu groß seien die Wahlzettel, allzu gut einsichtig, was der Nachbar tue. Andere sagen, das Ergebnis im Mai habe nicht Spahn gegolten. Sondern sollte viel mehr ein Signal für die Stabilität der Koalition sein.
Dabei ist gerade die gescheiterte Verfassungsrichterwahl besonders spannend: Schon da, so wird es im Kreise konservativer und junger Abgeordneter erzählt, habe man sich doch sehr gewundert, dass ausgerechnet Spahn nicht erkannt habe, wie sehr die Debatte um Brosius-Gersdorf und die Frage der Abtreibung den Kern der Partei berühre. Eine bioethische Debatte,wie jene um die Leihmutterschaft. Der konservative Kern und viel mehr. Wofür also steht Spahn?
Merkel ist nicht mehr im Amt, ihr Kurs bei den besonders die Partei bewegenden Themen korrigiert. Politisch hinterlasse Spahn kein Loch, ist selbst aus dem Kreis führender Fraktionsabgeordneter zu hören. Viele seiner kritischen Positionen von einst seien schon Mainstream. Allen voran seine Kritik an Merkels Migrationspolitik. Auch sein Nachfolger Frei ist ein konservativer Unionspolitiker. Nur bei einer hin und wieder vorgetragenen Frage klang nach der Vorstellung von Frei leise an in diesen Tagen, was die Abgeordneten noch vermissen könnten: Ob Frei genauso hart verhandeln und klar die Eigenständigkeit der Fraktion verteidigen werde? Wer Frei irgendwann womöglich kritisieren will, dürfte an Spahn erinnern.
Jens Spahn war bis zum vorigen Wochenende einer der mächtigsten Unionspolitiker. Er hatte viele Skandale überstanden, ein breites Netzwerk aufgebaut und sich schließlich bei den Verhandlungen zum Reformpaket als ein wichtiger Teil der Koalition beweisen können. Am Ende stand Jens Spahn aber vor allem für Jens Spahn. Und der ist nun, mitten auf der Reise, bei der er zum Vater geworden ist, zurückgetreten. Er kann jetzt die Wunden lecken. Und dann etwas ganz Neues machen?