Wie kämpfte Bärbel Bohley gegen Hoffnungslosigkeit? DDR-Zeitzeuge erinnert sich
Der 10. September 1989 war ein gewöhnlicher Sonntag – die Welt war noch in Ordnung. Wie alt, wie sehr alt diese Ordnung inzwischen geworden war, wusste man damals noch nicht. Auch Bärbel Bohley nicht. Sie aber wusste, was zu tun war.
Gerade erst hat der Dokumentarfilm Tagebuch einer Auflehnung versucht, diese Frau in ihrer erzwungenen Westreise 1988 zu fassen – doch wer verstehen will, was Bärbel Bohley wirklich ausmachte, muss dorthin zurück, wo der Film endet und ihre eigentliche Geschichte erst beginnt: an jenen Herbsttag in Grünheide.
Ihre Rückkehr in die DDR hatte sich Bohley regelrecht ertrotzt
Sie wollte eine Art Generalaussprache der ostdeutschen Bevölkerung anstoßen und hatte dafür ein zweitägiges Treffen in Grünheide bei Berlin organisiert – im Haus des 1982 verstorbenen Robert Havemann, mit neu zusammengewürfelten Teilnehmern. Ein Jahr lang hatte sie darauf hingearbeitet.
Nach der Liebknecht/Luxemburg-Demonstration im Januar 1988 war sie als einzige der Verhafteten, die anschließend ausreisten, in die DDR zurückgekehrt – sie hatte ihre Rückkehr nach sechs Monaten regelrecht ertrotzt. Die Diplomatie der Kirche mit der Staatsmacht, die sie während der Haft und danach erlebte, hatte sie empört. Auch von einigen Altoppositionellen war sie enttäuscht.
Ihr Konzept: Die Bürgerbewegung „Neues Forum“ sollte weder von der Kirche noch von der bisherigen Opposition abhängen. Sie sollte – thematisch wie personell – den Ausbruch aus der Isolation in die Mehrheitsgesellschaft schaffen. Aber wer war diese Frau, die mit so viel Entschlossenheit eine ganze Bewegung ins Leben rufen wollte – und was machte sie so unersetzlich, dass ohne sie am Ende vieles nicht zustande gekommen wäre?
11. September 1989: „Neues Forum zulassen!“
Es gab keine Vorlage für jenes Treffen, nur die politische Spannung der letzten drei, vier Stagnationsjahre, wie sie in jedem der 30 Teilnehmer lebte. Zwei von ihnen, Jens Reich und Rolf Henrich, hatten Zettel mit Entwürfen dabei. Jens Reich sagte später, der Aufruf habe „zwei Autoren und dreißig Korrektoren“ gehabt. Das war charakteristisch: Wer die alte Szene kannte, wusste, dass auf diese Weise viele Ansätze zerredet wurden. Doch das ließ Bärbel Bohley nicht durchgehen. Sie hatte das Ohr für den richtigen Ton und Text – und entschied: Er ist gut.
Seit Montag, dem 11. September 1989, wurde der Aufruf bekannt. Er breitete sich in der ganzen DDR wie ein Lauffeuer aus – kopiert, nachgedruckt, herumgereicht, mit Namen und Adresse unterschrieben. In Berlin, im Atelier Bärbel Bohleys im Prenzlauer Berg, häuften sich die Unterschriftenlisten und persönlichen Briefe. Die Forderung „Neues Forum zulassen!“ wurde zur Initialzündung der immer weiter ausgreifenden Demokratiebewegung.
Bärbel Bohley überstieg den Horizont der Hoffnungslosigkeit
Einige Altoppositionelle warfen Bärbel Bohley damals und später vor, sie habe eine Verabredung aus dem Frühsommer gebrochen: dass man „nichts gegeneinander gründen“ dürfe. Auch das ist charakteristisch – für beide Seiten. Sie selbst konzentrierte sich auf ihr soziales Temperament, ihre Erfahrung, ihre politische Intuition statt auf inneroppositionelle Konkurrenz. Mag sein, dass sie damit andere ausschaltete. Aber sie überstieg damit auch den Horizont der Hoffnungslosigkeit, der im Land überwog. (In Rolf Henrichs Erinnerungen findet sich eine drastische Schilderung ihrer gut begründeten Aversion gegen falsche Bündnisse – die der Autor allerdings auch nicht verstand.)
Der Oktober, und natürlich der November sahen die enorme Ausbreitung und Vertiefung der Bürgerbewegungen – flächendeckend wie in keinem anderen Land Osteuropas. Ende Oktober lernte ich Bärbel Bohley kennen. Ich hatte von ihr gehört, kannte sie aber nicht. Von den 30 Initiatoren aus Grünheide war mir nur Reinhard Schult aus zehnjähriger Zusammenarbeit vertraut. Jetzt lud er mich zu einer Beratung der in Berlin ansässigen Gründer ein.
Bis zum verlorenen Arbeitskampf der Bergleute vom Kaliwerk Bischofferode
Da fiel Bärbel sofort auf. Sie war die einzige in der Runde, die über den Details dieser stürmischen Tage stand und sie einzuordnen vermochte. Ich schrieb ein paar Punkte auf, die mir hilfreich erschienen. Einige wurden angenommen. Jetzt wurde es spannend: Sie und ich, wir hatten einander etwas zu sagen, das diesen ständig größer werdenden Weltenwirbel betraf. Von November 1989 bis Dezember 1993 arbeiteten wir erklärtermaßen zusammen – vier Revolutions- und Konterrevolutionsjahre in Ostdeutschland, die in der Silvesternacht 1993 mit dem verlorenen Arbeitskampf der Bergleute vom Kaliwerk Bischofferode endeten.
Mit immer neuen Ansätzen, Projekten, Reden und Bündnissen versuchte Bärbel Bohley, der Enteignung und Entmündigung der Ostdeutschen entgegenzutreten. Das zu erzählen würde ein fehlendes Buch füllen. Im Jahr 1990 waren ihre Aktionen besonders dicht gesät. Der Schmerz saß tief, als am 18. März die schüchternen 5 Prozent für das Bürgerbewegungsspektrum bekannt gegeben wurden.
Sie brauchte einige Tage, um sich in der neuen Situation zu orientieren. Ihr Fazit: „Jetzt kommt der Kapitalismus, da zählt nur noch Eigentum. Also muss uns Gysi jetzt das Haus der Demokratie schenken!“ So geschah es – wenn auch für den berüchtigten symbolischen Preis von 1 DM. Das schöne alte Gebäude stand an der Friedrichstraße Ecke Behrenstraße; der Zentrale Runde Tisch hatte es den Bürgerbewegungen als Hauptquartier zugesprochen. Zehn Jahre konnten wir es, mietfrei, verteidigen – dann war die Solidarität der inzwischen aufgestiegenen früheren Oppositionellen verraucht.
Joachim Gaucks Ausschluss-Antrag gegen Bärbel Bohley
Im Sommer 1990 versuchte Bärbel Bohley, eine überparteiliche Personenliste für die erste gesamtdeutsche Bundestagswahl im Dezember aufzustellen – als Gegengewicht zur „CDU-Überschwemmung“, die sie voraussah. Glaubwürdige Persönlichkeiten aus Ost und West sollten teilnehmen, von Petra Kelly bis Gregor Gysi, mit dem sie sich damals noch verstand. Doch die Grünen torpedierten den Plan, auch Gysi traute sich nicht recht. Und unsere eigene Basis hätte es vielleicht ebenfalls nicht zugelassen.
Im September folgte mit ihr die Besetzung der MfS-Zentrale, um im Einigungsvertrag das merkwürdigerweise verschwundene ostdeutsche Zugriffsrecht auf die Stasi-Akten wieder unterzubringen. Diese Disziplinlosigkeit gegenüber dem Parlament beantwortete Joachim Gauck mit dem Antrag, Bärbel Bohley aus dem Neuen Forum auszuschließen.
Für sie wie für mich begann die Vereinigte Bundesrepublik im November mit der Räumung der Mainzer Straße im Berliner Stadtbezirk Friedrichshain. Eine ganze Straßenzeile hatte dort seit einem Jahr leer gestanden und war von jungen Leuten aus Ost und West besetzt worden. Die Räumung durch 4.000 Polizisten aus anderen Bundesländern artete in einen Straßenkampf aus. Bärbel Bohley hatte sich stundenlang beim Innensenator für Verhandlungen eingesetzt und sich zuletzt in die Menschenkette eingereiht, die sich zwischen die Wasserwerfer samt Räumpanzer und die Hausbesetzer stellte. Es nützte nichts – aber man sah darin den Krieg im Innern für die neue Ideologie des Eigentums.
Zum inneren Krieg im neuen Staat kam der äußere hinzu: der Zweite Golfkrieg
Der äußere Krieg kam schnell hinterher. Am 17. Januar 1991 begann der Krieg der USA gegen den Irak, der Zweite Golfkrieg. Deutschland war beteiligt – von größerer Dimension als alles zuvor. Auf die vielen inneren Konflikte reagierte Bärbel Bohley meist empört, frech, spöttisch, ironisch, fast immer überlegen. Hier aber war sie regelrecht erschrocken. Die Zeit nach 1945, ihre Berliner Kindheitsjahre, war für sie ein dauernder Bezugspunkt. Drei Monate nach der deutschen Vereinigung wieder an einem Krieg beteiligt zu sein – das trennte sie ab von jeder offiziellen Politik. Im neuen Staat kam die Kriegsrhetorik sofort zurück. Sie rief zu Protesten auf, konnte selbst aber nicht teilnehmen, weil sie zum Weltwirtschaftsgipfel nach Davos eingeladen war. Sie schrieb einen Text für ein Flugblatt, griff dann nach einem weiteren Blatt und notierte, was sie auf einer Kundgebung gesagt hätte:
„Heute Nacht ist der Krieg zwischen dem Norden und dem Süden ausgebrochen. Er wird die Welt verändern. Habt kein Vertrauen mehr in die Politiker! Sie sagen, dass sie betroffen wären, aber sie haben ihn abgesegnet. Es kommt jetzt nur noch auf uns an!“
Bärbel Bohley war die Person des Augenblicks, der alles veränderte. Die Generalaussprache, die mit ihr begann, brach durch den Kurzschluss der deutschen Einheit ab. Daraus folgt: Sie bleibt als Aufgabe bestehen.
Klaus Wolfram, Jahrgang 1950, studierte 1970–1974 Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er gehörte 1975–1977 zu einer oppositionellen Gruppe mit reformsozialistischen Zielen. Berufsverbot und Fabrikarbeit 1977–1981, im Neuen Forum engagiert 1989–1993, Gründung der Wochenzeitung „Die Andere“ 1990–1992, Verlag BasisDruck, Verfassungsgruppe des Zentralen Runden Tischs, 1994-99 Redakteur der Zeitschrift „SKLAVEN“