Nach Anschlag in Berlin: Wie schützt man Städte vor dem Terror?

Seit es Städte gibt, ist Sicherheit eines ihrer großen Versprechen. Stadtluft machte frei – aber auch, weil sie mit hohen Stadtmauern und abends verschlossenen Toren vor Angreifern geschützt wurde. Erst die moderne Stadt ließ die alten Stadtmauern schleifen und sorgte auf andere Weise für Sicherheit als mit Baumaßnahmen. Der islamistische Terror brachte mit Beginn des 21. Jahrhunderts die Idee neuer Wehrarchitekturen in die Städte zurück, die sich jetzt gegen Angreifer aus ihrer Mitte verteidigen müssen. Kaum ein Platz mehr, der nicht durch riesige Betonkübel, Planken, Stahlbügel oder Felsbrocken gegen Attacken geschützt wird.

Ist die Idee der offenen Stadt in Gefahr?

Dass dieser Schutz leider notwendig ist, zeigen die vielen Anschläge, bei denen Autos als Waffen gegen Menschenmengen eingesetzt wurden: Vor zehn Jahren, im Juli 2016, raste ein islamistischer Attentäter mit einem Lastwagen in Nizza über die Promenade des Anglais, 86 Menschen starben, Hunderte wurde verletzt. Wenige Monate später steuerte der Terrorist Anis Amri einen Lastwagen auf den Berliner Weihnachtsmarkt am Breidscheidplatz. In der Folge starben 13 Menschen.

In Barcelona fielen 16 Menschen einem Terroristen zum Opfer, der einen Transporter über die Ramblas lenkte, auf der Londoner Westminster Bridge tötete ein Terrorist vier Fußgänger mit einem SUV, ein anderer auf der London Brigde mit seinem Auto acht. In Manhattan fuhr ein IS-Anhänger mit einem Pick-up acht Menschen tot, in Magdeburg waren es 2024 sechs Menschen, die auf dem zu schlecht gesicherten Weihnachtsmarkt unter einem Auto starben, und erst vor einem Jahr raste ein islamistischer Täter in einen Demonstrationszug und tötete zwei Menschen. Jetzt der Christopher Street Day in Berlin, bei dem der Attentäter mit seinem Kleintransporter über einen Radweg durch den Tiergarten raste, einen Park, der schlechter als öffentliche Plätze zu sichern ist.

Schützt vor Terror und gibt der Stadt einen heiteren neuen Ort: Wie ein mittelalterlicher Burggraben schlängelt sich das Brunnen-Kunstwerk „Forgotten Streams“ von Cristina Iglesias um das Bloomberg Building in London.
Schützt vor Terror und gibt der Stadt einen heiteren neuen Ort: Wie ein mittelalterlicher Burggraben schlängelt sich das Brunnen-Kunstwerk „Forgotten Streams“ von Cristina Iglesias um das Bloomberg Building in London.Thierry Bal

Den Reaktionen der Politik ist vor allem Ratlosigkeit anzumerken. Die Solidaritätsadressen der für die öffentliche Sicherheit zuständigen Politiker sind so unbefriedigend, weil sie nicht mehr als das Offensichtliche sagen – es sei ein Anschlag auf „uns alle“, auf „unsere Werte“, auf „unsere freie und offene Gesellschaft“ – und nichts dazu, wie es passieren konnte oder künftig verhindert werden könnte, dass auf die immergleiche Weise Menschenmengen von Terroristen mit Autos angegriffen werden. Gleichzeitig ist ein grimmiger Defätismus zu beobachten, der mit Raubtiervergleichen weitere Ängste schürt. Auf Welt TV erklärt ein Springer-Reporter, das Problem sei  „durch die Masseneinwanderung aus muslimischen Ländern“ entstanden und „gar nicht mehr behebbar“, weil „dieses Land die Wölfe ins Land gelassen“ habe, wobei der Berliner Attentäter ja hier aufwuchs, deutscher Staatsbürger war und kaum sinnvoll als „ins Land gelassener Wolf“ zu bezeichnen ist. Trotzdem ist eine Frage, die sich stellt, die der entschlosseneren und effektiveren Überwachung von Gefährdern.

Die Polizei will mehr Befugnisse zu flächendeckender Überwachung

Eine andere ist die, wie man den öffentlichen Raum besser schützt. Die Polizeigewerkschaft fordert mehr Technologie – Spähsoftware, virtuelle heimliche Hausdurchsuchungen, Chat-Kontrollen und KI-gestützte Gesichtserkennung bei der Videoüberwachung an öffentlichen Plätzen, um potentielle Terroristen per Biometrie ausfindig zu machen. Freiheit und Sicherheit gibt es in diesem Modell nur durch potentiell totale Kontrolle. Wenn in Zukunft Parteien an die Macht kommen sollten, für die jeder Mensch mit Migrationshintergrund ein potentieller „Wolf“ ist, dann könnte es dazu kommen, dass es für diese große Bevölkerungsgruppe mit der grundgesetzlich garantierten informationellen Selbstbestimmung vorbei wäre.

All das sind politische Probleme, die mit dem Einsatz von Technologie zu tun haben. Städtebaulich stellen sich andere Fragen – etwa die nach dem Schutz vor Auto-Anschlägen. Wobei man sich wundern muss: Moderne Autos sind mit extrem nervenden dauerpiependen Sicherheits- und Kollisionserkennungssystemen ausgerüstet, die gegen den Willen des Fahrers schon Vollbremsungen machen, wenn die Rückfahrkamera einen Bordstein irrtümlich für eine Wand hält. Wie kann es sein, dass man mit solch einem aktuellen Auto reihenweise Menschen überfahren kann, ohne dass der Wagen eine Anomalie erkennt und stoppt?

Warum bremsen moderne Autos nicht automatisch bei Kollisionen?

Doch selbst wenn in neuen Autos andere Notbremsfunktionen Anschläge verhindern könnten, blieben den Terroristen genügend alte Autos – und solange Fahrzeuge in Städte hineinfahren dürfen, wird man Versammlungsorte schützen müssen, so gut es geht; völlige Sicherheit wird auch das nicht bieten, denn  jede Kreuzung, jede Fußgängerampel ist ein potentielles Terrorziel.  Dennoch hat Berlin seit dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt ein aufwendiges „Zufahrtsschutzkonzept“ entwickelt: Rund um die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche wurden für einen zweistelligen Millionenbetrag Poller verbaut und massive Betonquader aufgestellt, Millionen wurden für Absperrungen und Sicherheitssysteme in der ganzen Stadt investiert. Die Komplettüberformung der Stadt zu einer Aneinanderreihung von Sicherheitstrakten bringt aber zwei neue Probleme mit sich.  Erstens ist sie enorm kostspielig; die Absperrung des gesamten Tiergartens, in dem der CSD auch stattfand, ist dazu kaum möglich.

Ein Sieg des Terrors? Am Breitscheidplatz in Berlin erinnern Sicherheitspoller an die ständige unsichtbare Terrorgefahr und hinterlassen ein mulmiges Gefühl.
Ein Sieg des Terrors? Am Breitscheidplatz in Berlin erinnern Sicherheitspoller an die ständige unsichtbare Terrorgefahr und hinterlassen ein mulmiges Gefühl.dpa

Zweitens ist die massive Verpollerung der Stadt mit Anti-Terror-Kübeln ein erster sichtbarer Sieg der Terroristen im Stadtbild. Die offene Stadt wird zur gepanzerten Stadt. Die endlos vielen Betonklötze und Stahlpoller erzählen in jedem Moment von der Möglichkeit eines Anschlags und erzeugen durch ihre störende Dauerpräsenz jenes mulmige Gefühl, das mit dem Begriff „Terror“ ja gemeint ist: eine nicht mehr verschwindende Angst vor einer unsichtbaren, aber omnipräsenten Gefahr.

In Berlin wird zumindest versucht, diese Ästhetik der Angst optisch abzumildern: Gerade werden auf der Kantstraße sogenannte „Protection Cubes“ getestet, bepflanzte Blumenkübel mit Stahlkern, die mit Holz verkleidet sind und zeigen sollen, dass Schutz nicht abweisend aussehen muss. Die Barrikade verkleidet sich als Blumentopf. Ein Dreier-Modul des „stadtverträglichen Anti-Terror-Schutzes“, über den die „Berliner Morgenpost“ jüngst berichtete, soll über 100.000 Euro kosten und schützt gerade mal die Breite einer Fahrbahn – und so, wie sie im Stadtraum stehen, sehen sie nicht wie idyllische Pflanztröge aus, sondern auch ein wenig wie die römischen Soldaten im Asterix-Band „Kampf der Häuptlinge“, die sich für ihre Mission wenig erfolgreich als Gebüsch verkleiden mussten.

Ein Kunstwerk, das den gesamten Ort verzaubert

Interessanter für die Frage, wie eine sichere Stadt der Zukunft aussehen kann, die keine Ästhetik der Angst hervorbringt und so dem Terror zu einem Triumph verhilft, ist das, was sich die Planer des terrorgefährdeten, milliardenteuren Hauptquartiers von Bloomberg in London haben einfallen lassen. Auch hier ging es darum, einen Anschlag durch einen in das Gebäude und die öffentliche Passage darin hineinrasenden Lastwagen unmöglich zu machen. Die Antwort ist keine rohe oder mit Echtgrünperücke ausgerüstete Betonsperre, sondern ein Kunstwerk, das den gesamten Ort verzaubert.

Um das Gebäude herum wurde zunächst eine Art Burggraben-Segment ausgehoben, das an eine archäologische Grabungsstätte erinnert. Am Grund dieser Vertiefung hat eine der interessantesten spanischen Gegenwartskünstlerinnen, die 1956 in San Sebastián geborene Cristina Iglesias, ein kunstvoll aus Bronze gegossenes Flussbett geformt, durch das tatsächlich Wasser rauscht und in das man hineinsteigen kann. Man sieht fast neuronal wirkende Verästelungen, als würden hier unter der Stadt versteckte unterirdische Netzwerke plötzlich sichtbar, als lägen die geheimen, unter der Betonhaut versteckten Adern der Stadt plötzlich offen wie in einem anatomischen Modell. Die Arbeit ist Schutz und Brunnen zugleich, und wenn man sie sieht, denkt man nicht an Sicherheitsfragen und Abpollerung, sondern an die Freude, die ein öffentlich begehbarer Wasserort einer Stadtgesellschaft bringt. Diese Anti-Terror-Sperre wirkt wie ein offener Ort und ist so auch ästhetisch ein Triumph über das, wovor es bewahrt: Dem Kunstwerk gelingt es, den Ort, den es schützt,  idyllischer wirken zu lassen, tatsächlich zugänglich zu machen, und rettet so die Idee der offenen Stadt.

Der Titel des Werkes, „Forgotten Streams“, erinnert an noch etwas anderes – an den „verlorenen“ Fluss Walbrook, der hier einst von Finsbury her durchs antike und mittelalterliche London rauschte, die Stadt mit frischem Wasser versorgte und bei der heutigen Cannan-Street-Eisenbahnbrücke in die Themse floss. Im 17. Jahrhundert wurde der zum Abwasserkanal verkommene Bachlauf dann überbaut, doch noch heute fließt er unter der Oberfläche wie viele andere Wasserläufe unter London hindurch.

Iglesias’ Arbeit erinnert so noch an eine weitere Stadtutopie, die Ökologie und Sicherheitswünsche zusammenbringen könnte: Seit Jahren kämpfen das River Restoration Centre und andere Aktivisten für den sogenannten London Rivers Action Plan – die Offenlegung der unterirdischen Flüsse Londons. Fast jede große Stadt hat unter Beton verbannte Bäche und Flüsse, fast jede Stadt könnte mehr Wasserflächen brauchen. An heißen Tagen könnten in den Bachläufen, Brunnen und Bassins Kinder spielen und Angestellte mittags ihre Füße kühlen; durch die Umgebungskühlung des Wassers würden die innerstädtischen Temperaturen sinken. Und wo viel Wasser die Menschen umgibt, kommt man auch mit einem Kleintransporter nicht weit.