Muskelkraft statt Klischee: Poledance-Trainerin Liesa Kelling wirbt um Männer
Stand: 23.07.2026, 18:00 Uhr
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Im Famifit Aerial Sports Studio in Brockel trainiert Jan gemeinsam mit Frauen an der Stange. Ein anderes Studio hatte ihn vor drei Jahren noch abgelehnt.
Brockel – Wer das Famifit Aerial Sports Studio in Brockel betritt, merkt schnell: Mit den Klischees, die viele Menschen über Pole Dance im Kopf haben, hat dieser Ort nur wenig zu tun. Hier wird geschwitzt, geklettert, gekräftigt und gelacht. An den glänzenden Stangen entstehen Schritt für Schritt akrobatische Figuren, die Kraft, Körperspannung und Mut erfordern. Studioleiterin Liesa Kelling verfolgt dabei ein klares Ziel: Sie möchte zeigen, dass Pole Sport ein anspruchsvoller Leistungssport ist – und zwar für alle. Auch für Männer.

Deshalb ist auch Jan heute am Start. Ähnlich wie seine Sportkolleginnen ist auch er in Shirt und kurzen Shorts gekleidet. Dass zumeist recht wenig Stoff getragen wird, hat allerdings keinen erotischen Grund, sondern einen ganz praktischen: Die Haut sorgt für den nötigen Halt an der Stange. Ohne direkten Hautkontakt wären viele Figuren kaum möglich.
Noch immer kämpfen Pole-Sportlerinnen und -Sportler gegen hartnäckige Vorurteile, weiß Trainerin Kelling. Viele verbinden den Sport ausschließlich mit Tanz oder Erotik. Für Kelling ist das längst überholt. „Man muss wissen, dass das wirklich Akrobatik ist.“ Genau das möchte sie nach außen tragen. Natürlich gebe es auch andere Richtungen innerhalb des Pole Dance. Diese hätten ihre Berechtigung, seien aber nicht der Schwerpunkt ihres Studios. „Hier geht’s um den Sport.“
Ein Argument, das auch Jan überzeugt hat. Über die Arbeit habe er von dem Studio in Brockel erfahren und sich kurzerhand entschieden, dem Pole noch mal eine Chance zu geben. Bereits vor drei Jahren habe er den Sport ausprobieren wollen, damals habe er noch in Oldenburg gelebt. Das angefragte Studio lehnte ihn allerdings ab. „Die wollten keine Männer in den Gruppen haben“, erklärt er. Schade zwar, geärgert habe er sich aber nicht. Pole sei nun mal irgendwie auch ein intimer Sport. Dass Anbieter Bedenken hätten, könne er daher schon nachvollziehen.
Beim Training im Famifit-Studio merkt man von möglichen Bedenken nichts. Jan ist zwar der einzige Mann in der Gruppe, doch das Geschlecht spielt keine Rolle. Der Sport steht im Vordergrund – und den versuchen der Scheeßeler und seine Kolleginnen ehrgeizig auszuführen. Während Kelling gelegentlich eine Figur vormacht, Anweisungen gibt oder korrigiert, turnt ihre Schülerschaft mal kopfüber, mal in Schieflage und mal direkt unter der Decke an den Stangen.
Körperspannung und Flexibilität
Im Hintergrund läuft Musik dazu, immer wieder ertönt Gelächter. Die Teilnehmenden haben Spaß am Ausprobieren, geben sich gegenseitig Tipps und applaudieren, sobald eine Figur an der Stange gelingt. Auch Jan hört aufmerksam zu, rutscht erst ab, versucht es dann aber direkt noch einmal. Als die Figur gelingt, gibt es auch für ihn Applaus.
Viele Studios würden getrennt nach Leistungsstufen trainieren, weiß Kelling. Sie habe sich bewusst für einen anderen Weg entschieden. Anfängerinnen und Anfänger trainieren gemeinsam mit Fortgeschrittenen. Das klingt zunächst ungewöhnlich, funktioniert in ihrem Studio aber hervorragend, erklärt sie. „Ich überlege mir, wer kommt, und passe das Training an jede einzelne Person an.“ Wer neu sei, starte mit den Grundlagen einer Figur. Wer bereits Erfahrung mitbringe, arbeite an schwierigeren Varianten oder kombiniere mehrere Elemente miteinander.
Jan gehört schon zu den fortgeschrittenen Teilnehmern des Kurses. Nebenbei betreibt er auch noch Krafttraining. „Ich mache Powerlifting“, erzählt er, während er sich wieder an der Stange hochzieht, „das hilft sehr.“ Kein Wunder, schließlich braucht es ordentlich Muskelkraft und Körpergefühl, um an der Pole-Stange gut zu performen. Trainerin Kelling ist zufrieden mit ihrem Schüler: „Er hat wirklich eine gute Körperspannung und Flexibilität.“ Das müsse man allerdings lernen, auch Jan habe nicht so angefangen, erklärt die Inhaberin des Studios lächelnd.
Klar, die Kraft sei bei Männern meist gegeben, das bringe schon die Muskulatur in den Armen mit sich. Doch eben diese Muskulatur, auch in der Brust, mache manchen dann das Beugen im Rücken schwer. „Das wird beim Training oft vergessen und das muss man einfach üben.“
Kelling hofft darauf, dass sich noch einige Männer für den Kurs melden. „Männer haben voll Bock darauf“, weiß sie und erzählt von Junggesellenabschieden, die im Studio stattgefunden hätten. Waren Männer einmal dabei, kommen sie immer wieder, erklärt Kelling. Es mache ihnen Spaß, aber „das Image des Pole-Sports gibt es einfach noch nicht her“. Das möchte sie ändern: „Traut euch, Leute.“