Mode mit Geschichte: HfG-Studenten stellen in Stadtmuseum aus

Stand: 20.07.2026, 06:00 Uhr

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Neu-Isenburg: Haus zum Löwen Ausstelung „Global Tribal“.Die Damenschneider-Meisterin Dorothea Hünert begutachtet ein ausgestelltes Kleidungsstück.

Damenschneider-Meisterin Dorothea Hünert begutachtet ein ausgestelltes Kettenhemd. © Leo F. Postl

Die Ausstellung „global.tribal“ zeigt Mode-Unikate mit historischen Bezügen zur Historie Neu-Isenburgs. Studierende der Hochschule für Gestaltung haben unter anderem ein Kettenhemd aus Ringen und eine Tracht mit Stickerei gefertigt.

Neu-Isenburg – Kleider machen bekanntlich Leute – und gelten auch heute noch als Statussymbol. Die Kleider, die derzeit im Stadtmuseum Haus zum Löwen zu sehen sind, sind Unikate, entsprungen aus einer Kombination von Tradition und modernem Zeitgeist – verbunden mit besonderer Kreativität von Kunstschaffenden der Hochschule für Gestaltung (HfG) in Offenbach. Unter dem Titel „global.tribal – vom Refugee zum Cosmopolitan“ soll auch ganz gezielt ein Bezug zur Geschichte Neu-Isenburgs hergestellt werden.

Das von „Refugees“ – hugenottischen Glaubensflüchtlingen aus Frankreich – gegründete Siedlerdorf Neu-Isenburg brachte auch zahlreiche Traditionen in die Grafschaft des Grafen Johann Philipp von Ysenburg-Büdingen, die heute wieder eine Renaissance erfahren. Insbesondere textile und lederverarbeitende Handwerkstechniken haben sich bis heute gehalten. Dass die Geflüchteten damals ihren Treueeid im fürstlichen Schloss in Offenbach leisteten – jenem Ort, an dem heute die Hochschule für Gestaltung beheimatet ist –, ist mehr als ein besonderer Zufall. Die Kleider, die in der Ausstellung „global.tribal“ zu sehen sind, haben nämlich dort ihren Ursprung.

Es freut mich wirklich, dass es junge Leute gibt, die sich der Kunst des Schneiderns noch widmen.

Auch die in Offenbach verortete Textil- und Lederwarenproduktion geht auf hugenottische Zuwanderer zurück. So stehen die Städte Offenbach und Neu-Isenburg auch in dieser Hinsicht in enger Beziehung zueinander und sind als Teil der hugenottischen Flüchtlingsgeschichte eingebettet in globale Prozesse.

Mit Blick auf das World Design Capital 2026 wurde die Idee einer Werkschau mit dem Lehrgebiet „Mode“ der HfG Offenbach geboren. Die Entwürfe für die Ausstellung sollten historische Dimensionen der Stadtgeschichte mit aktuellen Themen des Design-, Textil- und Modesektors verbinden. So entstanden Kreationen, die Teilbereiche kultureller Praxis repräsentieren, die wiederum für gesellschaftliche Aushandlungsprozesse und demokratische Teilhabe stehen. „Die Studierenden sollten sich mit historischen Kleidungstraditionen und deren Transformation in die aktuelle Haute Couture befassen. Beides sollte sich in den Entwürfen wiederfinden“, erklärt Professorin Heike Selmer, die das Lehrgebiet Mode an der HfG leitet. Die ausgestellten Entwürfe, alles Unikate, belegen nicht nur die Recherchen der Studierenden zu historischen Kleidungsepochen, sondern auch eine kreative Transformation in einen zeitgemäßen Modetrend.

Kleidung und Identität

„Sie haben sich wirklich mit der Historie der Mode befasst, aber auch handwerklich beste Arbeit geleistet“, sagt Ausstellungsbesucherin Dorothea Hühnert. Die Damenschneidermeisterin achtet auf jedes Detail und ist begeistert, wie Ziernähte gesetzt, Falten gelegt oder Perlen aus Fäden „geflochten“ wurden.

„Das kann doch heute kaum noch jemand“, sagt Hühnert. Ihr Handwerk hat die Neu-Isenburgerin von Kleinauf gelernt – bereits ihre Mutter war Schneiderin. „Zuerst ist man als Kind neugierig und es macht alles Freude, später, wenn man wirklich das Handwerk ausüben muss, sieht das wieder etwas anders aus“, sagt Hühnert. „Es freut mich wirklich, dass es junge Leute gibt, die sich der Kunst des Schneiderns noch widmen“, sagt Hühnert – und nimmt ein aus vielen kleinen Ringen geflochtenes Kettenhemd in Augenschein.

Neu-Isenburg: Haus zum Löwen Ausstelung „Global Tribal“.Die Studierende Anna-Katarina Raketic präsentiert ihren Entwurf - als zeitgenössischer Dialog zwischen chinesischen und spanischen Traditionen.

Studierende Ana-Katarina Raketic präsentiert ihren Entwurf: einen zeitgenössischen Dialog zwischen chinesischen und spanischen Traditionen. © Leo F. Postl

Die Studierenden selbst verfassten zu ihren präsentierten Kreationen entsprechende Erklärungen. So schreibt Merve König zu ihrem Projekt „nach Ostfriesland“, dass sie sich mit ihrer Familie an der Nordseeküste beschäftigt habe. „Es war mir vor allem wichtig, neben der klassischen Silhouette der Tracht auch die traditionelle Handwerkskunst zu beleuchten. Verwandte schickten mir sogar eine Stickarbeit von 1904, die mir sehr weiterhalf“, erklärt König.

Eigens noch einmal ins Stadtmuseum gekommen war Ana-Katarina Raketic, um ihr „Palimpsest“ zu erläutern. „In meinem Entwurf habe ich versucht, einen zeitgenössischen Dialog zwischen chinesischen und spanischen Traditionen, verbunden durch Handwerkskunst und rituelle Kleidung, zu realisieren“, so Raketic. Durch eine reduzierte Farbpalette sowie die Betonung von Volumen, Struktur und Oberfläche werden traditionelle Referenzen in skulpturale, moderne Formen übersetzt.

„Meine Intention, nicht nur eine Auseinandersetzung mit Kleidung, sondern auch mit Identität, Erinnerung und der Frage, wie kulturelles Erbe heute weiterleben kann, ist mir hoffentlich gelungen“, so Ana-Katarina Raketic.