Minijobs könnten abgeschafft werden: Gastronomen und Firmen schlagen Alarm

Stand: 20.07.2026, 06:00 Uhr

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Schätzen die Flexibilität: Sowohl Leon Charlet, Chef der Brasserie 36 im Vorderen Westen, als auch sein Mitarbeiter Max Schulz-Helbach haben damals den Einstieg in die Gastronomie über Minijobs gefunden.

Schätzen die Flexibilität: Sowohl Leon Charlet, Chef der Brasserie 36 im Vorderen Westen, als auch sein Mitarbeiter Max Schulz-Helbach haben damals den Einstieg in die Gastronomie über Minijobs gefunden. © Daria Neu

Eine mögliche Abschaffung von Minijobs bereitet Arbeitgebern in Kassel und Umgebung Sorge. Probleme könnten mangelnde Flexibilität und Personalmangel darstellen.

Kassel/Kreis Kassel – Arbeitgeber warnen vor dem geplanten Umbau der Minijobs. Die Rentenkommission schlägt vor, ihren steuerlichen und sozialversicherungsrechtlichen Sonderstatus abzuschaffen. Minijobber sollen künftig in die Renten-, Pflege- und Krankenversicherung einzahlen. Nur Schüler sollen davon ausgenommen bleiben. Was bedeutet das für Betriebe und Beschäftigte in der Region?

Eddy Tunç führt mit seiner Frau Mano das Brauhaus zum Rammelsberg. Er lehnt die Pläne ab. „Bei Gastronomen wird oft versucht, alles herauszukitzeln.“ Tunç fürchtet, dass er künftig schwerer Personal findet. „Es gibt jetzt schon eine hohe Fluktuation.“ Die meisten Minijobber wollen seiner Erfahrung nach das Gehalt ihres Vollzeitjobs aufbessern. Die neuen Pläne würden den Menschen diese Möglichkeit wegnehmen.

Kasseler Gastronomen äußern sich zu möglichem Minijob-Aus

Dass Minijobs einen flexiblen und unbürokratischen Einstieg in die Berufswelt ermöglichen, davon ist Leon Charlet, Chef der neuen Brasserie 36, überzeugt. Zwar sind die meisten seines rund 50-köpfigen Teams fest angestellt. Geringfügig Beschäftigte gibt es aber auch. Charlet selbst hat die Welt der Gastronomie als Minijobber kennengelernt.

Auch Hasan Cakir, Betriebsleiter von Minicar, hält die Abschaffung für keine gute Idee. „Ich befürchte noch mehr Bürokratie, zusätzlichen Arbeitsaufwand und höhere Kosten für die Unternehmen. Gerade kleine und mittelständische Betriebe können diese Belastungen nicht unbegrenzt auffangen.“ Er befürchtet, dass weniger Menschen eingestellt oder Dienstleistungen für die Kunden teurer werden.

Christian Schmitt, Chef von Richter Gebäudedienste in Niestetal, spricht sich ebenfalls für Minijobs aus. Doch er sieht auch Nachteile: „Für uns sind damit oft höhere Kosten verbunden. Außerdem ist es eine Herausforderung, die zeitlichen Grenzen einzuhalten.“ Das sei ein hoher bürokratischer Aufwand.

Kombination aus Teilzeitstelle und Minijob

Der Kasseler Einzelhändler Manuel Milbert führt die Innenstadtgeschäfte Chewing Gum, Stella und Voice. Vor allem im Chewing Gum beschäftigt er Minijobber. Das Geschäft richtet sich an ein junges Publikum. Dort arbeiten meist Studierende und Abiturienten. Sie verdienen mit dem Minijob Geld neben dem Studium oder der Schule. „Es wäre wichtig, dass Menschen, die sich in der Ausbildung befinden, auch weiterhin etwas über Minijobs dazuverdienen können“, sagt Milbert.

Milbert kritisiert aber, dass Menschen, die mehr arbeiten könnten, freiwillig bei einem Minijob bleiben. Auch die Kombination aus Teilzeitstelle und Minijob sieht er kritisch. Nach seiner Einschätzung fehlen diese Beschäftigten dem Arbeitsmarkt als Vollzeitkräfte. „Ich glaube, dass der Arbeitsmarkt aktuell groß genug dafür ist, dass der Großteil, der Vollzeit arbeiten möchte, das auch machen kann.“

Leichter Einstieg in die Berufswelt

Gastronomie, Gebäudereinigung, Beförderungsdienste, Lieferservice, Einzelhandel – einige Berufsfelder sind auf Minijobber angewiesen. Dass diese künftig weitestgehend abgeschafft werden könnten, bereitet daher auch Arbeitgebern in Kassel und Umgebung Sorge. Wir haben uns umgehört.

Führt das Restaurant Da Vinci an der Lassallestraße: Auch Claudio Carciola steht einer Abschaffung von Minijobs kritisch gegenüber.

Führt das Restaurant Da Vinci an der Lassallestraße: Auch Claudio Carciola steht einer Abschaffung von Minijobs kritisch gegenüber. © Daria Neu

Gastronomie

Leon Charlet hat dieses Jahr an der Ecke Goethestraße/Querallee seine neue Brasserie 36 eröffnet. Dass die Gastronomie sein Leben geworden ist, daran sind seine zahlreichen Minijobs in der Vergangenheit sicherlich nicht unbeteiligt. „Es ist im Grunde schnelles und einfaches Geld ohne viel Bürokratie. Außerdem können Minijobs ein Einstieg in die Berufswelt sein.“ Es sei ein Modell für Menschen, die Lust auf Abwechslung haben.

Maximal 603 Euro pro Monat

Ein Minijob gilt als „geringfügige Beschäftigung“. Minijobber dürfen im Durchschnitt monatlich maximal 603 Euro oder 7236 Euro pro Jahr verdienen. Sie müssen keine Beiträge an die Arbeitslosenversicherung abführen. Darin besteht laut der Bundesagentur für Arbeit ein grundlegender Nachteil: Minijobber erwerben keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld. Weitere Nachteile ergäben sich bei den Sozialversicherungen und oft auch im Arbeitsrecht. Auch für Minijobs gilt der gesetzliche Mindestlohn.

So sieht es auch sein Mitarbeiter Max Schulz-Helbach an der Bar. Auch er ist über Minijobs zur Gastronomie gekommen. Gerade für Studierende sei dieses Arbeitsmodell „echt nice“. Tagsüber sitze man viel am Laptop, da sei die Gastro eine willkommene Abwechslung. „Das hat auch was mit einem Lebensgefühl zu tun“, findet Schulz-Helbach. „Und in der Klausurenphase kann man sich die Arbeit flexibel einteilen.“

Claudio Carciola vom Restaurant Da Vinci beschäftigt zurzeit 16 Festangestellte und fünf Minijobber. „Das sind vor allem junge Leute“, sagt Carciola. Die Flexibilität ist auch seiner Meinung nach eines der größten Argumente für Minijobs. „Wenn ich im Laufe des Tages merke, ich kriege viele Reservierungen rein, kann ich einfach den Nils anrufen und fragen, ob er spontan heute Abend Zeit hat.“ Gäbe es keine Minijobber, hätte er Personalmangel – was derzeit im Da Vinci glücklicherweise kein Thema sei.

Außerdem sei dieses Format eine gute Option, um in einen Job reinzuschnuppern, ohne sich sofort zu verpflichten. An seine Vergangenheit als Minijobber denkt Carciola gerne zurück. „Das war mein Einstieg – damals noch ins sehr aktive Nachtleben in Kassel.“

Minicar

Aus Sicht von Hasan Cakir, Betriebsleiter von Minicar, seien Minijobs für viele Betriebe und Beschäftigte sehr wichtig. „Auch für uns bei Minicar Kassel sind sie eine bewährte Beschäftigungsform. Viele Rentner, Studenten, Eltern oder Menschen mit einem Hauptberuf entscheiden sich ganz bewusst dafür, flexibel einige Stunden zu arbeiten und sich etwas dazuzuverdienen.“

Arbeitgeber hätten bereits heute einen sehr hohen bürokratischen Aufwand. Cakir findet: „Jede Einstellung oder Beendigung eines Arbeitsverhältnisses ist mit Anmeldungen, Abmeldungen, Lohnabrechnungen, Nachweisen, Meldungen und Fristen verbunden. Gleichzeitig steigen Löhne und Betriebskosten ständig. Wir müssen schon heute sehr genau rechnen, um alle Kosten zuverlässig tragen zu können.“

Von der Abschaffung von Minijobs wären laut Cakir am Ende nicht nur die Unternehmen betroffen, sondern auch viele Menschen, die bewusst nur wenige Stunden flexibel arbeiten möchten. „Ich halte es deshalb für den falschen Weg, Minijobs abzuschaffen. Stattdessen sollten die bestehenden Regelungen vereinfacht und die Unternehmen von Bürokratie entlastet werden.“

Uni Kassel

Die Universität Kassel teilt auf Anfrage mit, dass derzeit 1567 studentische Hilfskräfte dort beschäftigt seien, die zum Teil von einer möglichen Gesetzesänderung – wie von der Rentenkommission vorgeschlagen – betroffen sein könnten. „Eine pauschale Aussage ist derzeit nicht möglich, da der Gesetzentwurf noch nicht bekannt ist, auch dort voraussichtlich Ausnahmen definiert sein werden und es andererseits bereits jetzt Hilfskräfte gibt, deren Beschäftigung rentenversicherungspflichtig ist“, heißt es.

Hilfskraftverträge an hessischen Hochschulen seien nicht automatisch Minijobs – sie könnten Minijobs sein, wenn die Entgelt- und Stundengrenzen des Minijobrechts eingehalten würden, seien aber rechtlich zunächst normale Arbeitsverhältnisse als studentische Hilfskräfte.

Supermarkt

Florian Kramm, Geschäftsführer Edeka Hessenring, findet: „Minijobber übernehmen im Lebensmitteleinzelhandel wichtige Aufgaben, die sich nicht ohne Weiteres durch Voll- oder Teilzeitkräfte ersetzen lassen.“ Sie würden beim Verräumen täglicher Warenlieferungen helfen, zu Stoßzeiten an den Kassen unterstützen und häufig Dienste am Rand der Öffnungszeiten übernehmen.

Minijobs sind laut Kramm eine wichtige Brutto-für-Netto-Verdienstmöglichkeit, die gut zur jeweiligen persönlichen Lebenssituation passe. „Ein Wechsel in eine Voll- oder Teilzeitstelle ist für den überwiegenden Teil dieser Beschäftigten aus persönlichen Gründen weder möglich noch gewünscht.“

Gebäudedienst

Christian Schmitt ist Chef der Richter Gebäudedienste GmbH in Niestetal. Er spricht sich dafür aus, das Beschäftigungsmodell Minijob zu erhalten oder mindestens eine vergleichbare Alternative zu finden. In seiner Gebäudereinigungsfirma sind mehr als 30 Prozent der insgesamt rund 900 Mitarbeiter auf Minijob-Basis angestellt. „Häufig kommt die Motivation von den Beschäftigten selbst, weil diese in vielen Fällen ein zweites Beschäftigungsverhältnis haben.“

Sollten die Minijobs abgeschafft werden, dürfte es schwierig werden, die Arbeit anderweitig abzufangen, glaubt Schmitt. „Man müsste auch mit den Kunden sprechen, denn viele Reinigungen erfolgen morgens oder spätnachmittags.“

Gerade mit Blick auf die Reform der Gesetzlichen Krankenversicherung würde der Kostenfaktor Minijob noch ein großes Thema. Sollten Minijobs abgeschafft werden, würde dieser Punkt der GKV-Reform allerdings überflüssig. „Damit hat man mal wieder 0,0 Planungssicherheit.“