Gentherapie in Shanghai: Sechsjährige Mei stirbt nach Therapie
Publiziert26. Juli 2026, 12:39
ShanghaiMei (6) stirbt nach Gentherapie – schon bei Tieren Warnsignale
Eine 6-Jährige starb sieben Tage nach dem weltweit ersten Versuch, einen Gendefekt direkt im Gehirn zu korrigieren. Tierversuche hätten bereits Warnsignale gezeigt.

Darum gehts
- Die sechsjährige Mei aus Shanghai starb sieben Tage nach einer experimentellen Gentherapie, die einen seltenen Gendefekt direkt im Gehirn korrigieren sollte.
- Ihr Körper entwickelte eine schwere Immunreaktion mit Nierenversagen – das Spital stufte ihren Tod als «definitiv mit der Therapie zusammenhängend» ein.
- Mehrere Experten kritisieren, dass Tierversuche bereits Warnsignale gezeigt hätten und die Therapie nicht am Menschen hätte getestet werden dürfen.
Als Mei mit ihrer Mutter im vergangenen Jahr in Shanghai ins Spital lief, hüpfte sie fröhlich an ihrer Hand. Hinter ihnen schob ihr Vater einen Koffer voller Kuscheltiere und Spielsachen. «Es fühlt sich an, als würden wir in die Ferien fahren», sagte die Sechsjährige laut dem Wissenschaftsmagazin «Science». Sieben Tage später war sie tot.
Mei – die eigentlich anders hiess, deren Eltern sich aber für dieses Pseudonym entschieden haben, weil es «die Schöne» heisst – litt an einer extrem seltenen Erbkrankheit. Wie «Science» berichtet, war in ihrem Erbgut nur ein einziger DNA-Baustein verändert. Trotzdem entwickelte sie sich langsamer als die anderen Kinder, hatte Sprachprobleme und autistische Züge.
Erkrankung in der Regel nicht lebensbedrohlich
Weltweit sind aktuell rund 237 Menschen mit dieser Genmutation bekannt. Laut Bericht gehörte Mei zu den milderen Fällen der Erkrankung, die in der Regel nicht lebensbedrohlich sei.
Für die Eltern war die Diagnose trotzdem ein Schock. Sie sorgten sich, dass ihre Tochter später nie ein selbstständiges Leben führen könnte. Deshalb hätten sie sich an den renommierten Neurowissenschaftler Zilong Qiu in Shanghai gewandt.
Er entwickelte innerhalb von nicht einmal zwei Jahren eine massgeschneiderte Gentherapie, die den Gendefekt direkt im Gehirn korrigieren sollte. Es soll sich dabei um den weltweit ersten Versuch gehandelt haben, einen Menschen mit einer solchen Genbearbeitung direkt im Gehirn zu behandeln. Einen grossen Teil der mehreren Hunderttausend Dollar soll die Familie selbst übernommen haben.
Er verurteilte diese Experimente 2018 noch
Besonders kontrovers: Zilong Qiu hatte 2018 zu den mehr als 100 Forschenden gehört, die die umstrittenen genmanipulierten Babys des chinesischen Forschers He Jiankui öffentlich verurteilten. Damals sagte er, Experimente am Menschen dürften erst stattfinden, wenn ihre Sicherheit nachgewiesen ist.
Qius Therapie soll auf einer Weiterentwicklung der Genschere CRISPR basiert haben. Das reparierte Gen sei in Viren verpackt und über das Rückenmark ins Nervenwasser gespritzt worden, damit es die Gehirnzellen erreichen konnte.
Tierversuche zeigten ähnliche Symptome
Drei Tage später bekam das Mädchen hohes Fieber. Kurz darauf versagten ihre Nieren und ihre Blutplättchen fielen ab. Es entwickelte sich eine schwere Immunreaktion. Trotz einer Intensivbehandlung starb sie sieben Tage nach der Behandlung. Das Spital hatte ihren Tod später selbst als «definitiv mit der Therapie zusammenhängend» eingestuft.
Der Fall wirft nun viele Fragen auf. Mehrere Experten sagten gegenüber dem Wissenschaftsmagazin, dass Tierversuche bereits ähnliche Symptome und Warnsignale gezeigt hätten. Die Therapie hätte unter diesen Voraussetzungen nicht am Menschen durchgeführt werden dürfen.
«Einfach, vor lauter Hoffnung blind zu werden»
Der Fall war mehrere Monate geheim. Erst diese Woche machte die Familie ihn öffentlich. Wie SRF-Wissenschaftsredaktorin Katrin Zöfel in einem Artikel von SRF berichtet, hätten sich die Eltern wohl Vorwürfe gemacht und möchten, dass andere Familien vor einem ähnlichen Schicksal bewahrt werden.
«Solche experimentellen Therapien sollten nur angewendet werden, wenn ein Patient lebensbedrohlich krank ist», sagt Zöfel. Für sie zeigt sich mit diesem Fall, wie gross die Hoffnungen in die Gentherapie inzwischen sind. Gleichzeitig dürften die Risiken nicht unterschätzt werden. «Science» zitiert den Bioethiker Hank Greely passend: «Es ist einfach, vor lauter Hoffnung blind zu werden.»
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Jasmin Steiger (jst) arbeitet seit 2026 für 20 Minuten. Sie arbeitet am Newsdesk und schreibt über verschiedenste Themen.
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