Wirtschaftsjournalismus besser personalisiert?
Auch die anspruchsvolle Tageszeitung zielt auf das breite Publikum, aber unter ihren festen Themenbereichen finden sich keineswegs nur Publikumslieblinge. Neben den beliebten Sportseiten, der Lebenshilfe oder den Nachrichten aus der Region behaupten sich auch mehr oder minder esoterische Formen der Berichterstattung. Keine von ihnen hat schärfere Kritik auf sich gezogen als der Wirtschaftsteil, und das nicht ohne Grund.
Lehrbuchdefinitionen der Tageszeitung grenzen sie von der exklusiv adressierten Fachpresse ab. Natürlich könne sie jederzeit auch über kleine Gruppen von Entscheidern berichten und also auch über Firmengründer und Manager, Eigentümer und Aktionäre. Aber ihre Themenwahl sollte sich auch dann an den mutmaßlichen Interessen ihrer Leserschaft orientieren und nicht am rollenspezifischen Informationsbedarf der Entscheider selbst, den zu decken sei Aufgabe der Fachpresse.
Von dieser Regel lässt sich der klassische Wirtschaftsjournalist nicht beeindrucken. Tag für Tag stellt er Informationen zusammen, für die sich eigentlich nur die Führungskräfte des Wirtschaftssystems interessieren können. Arbeitern und einfachen Angestellten der Wirtschaftsbetriebe hat er deutlich weniger zu bieten, und an den Konsumenten als der größten Gruppe von Wirtschaftsteilnehmern geht er oft achtlos vorbei. Gewiss würde er auf Nachfrage nicht bestreiten, dass zu den legitimen Themen des Journalismus auch die Arbeitnehmerinteressen und der Verbraucherschutz, auch die Kundenberatung oder der Warentest zählen. Aber die Zuständigkeit dafür scheint er in anderen Ressorts zu vermuten.

Sind die Berichte dieses Wirtschaftsjournalisten für die ökonomischen Insider verfasst, so lesen seine Kommentare sich häufig, als wären sie von ihnen geschrieben. Das Lieblingsziel seiner Kritik liegt in der Höhe der Steuersätze und der Lohnnebenkosten. Das ist eine für unabhängige Journalisten ungewöhnliche Identifikation mit dem Gesellschaftsbild ihrer Berichtspersonen. Zu ihrer Rechtfertigung dient der keineswegs unzutreffende Hinweis, dass diese kleine Gruppe doch auch das eigentliche Publikum des Wirtschaftsteils ausmache: Man kommentiere also nicht voreingenommen, sondern lesergerecht.
Personalisierung als Ausweg
Pressehistoriker haben herausgefunden, dass all diese Einwände gegen den Wirtschaftsjournalismus seit etwa einhundert Jahren vorgetragen werden, und zwar in sehr verschiedenen Demokratien. Für Deutschland hat niemand sie überzeugender formuliert als der Kommunikationswissenschaftler und spätere SPD-Politiker Peter Glotz. Von seiner Streitschrift aus den späten Sechzigerjahren mochte er auch im Vorwort zur Neuausgabe des Buches 1993 nur wenig zurücknehmen. Eine neuere Untersuchung aus Dänemark vermittelt dagegen einen anderen Eindruck: In einer Zeit, in der viele Zeitungen um ihr Überleben kämpfen, sei es generell schwieriger geworden, mit dem Rücken zum Publikum zu schreiben, und gerade auch der Wirtschaftsjournalist müsse sich umstellen.
Glotz hatte sich einen Wirtschaftsteil gewünscht, der sich in erster Linie an die Verbraucher wendet – und dabei eine wichtige Alternative zu diesem Ratgeberjournalismus übersehen. Nach den dänischen Forschern liegt sie darin, auch über die Wirtschaft, an der doch schon Adam Smith gerade die relative Unabhängigkeit von der Moral hervorgehoben hatte, unter moralischen Vorzeichen zu berichten. Dazu muss man handelnde Personen identifizieren und ihnen maßgeblichen Einfluss zurechnen. Ist diese „Personalisierung“ einmal vollbracht, kann man über Helden und Schurken erzählen: vom erfolgreichen Gründer eines ökologisch vorbildlichen Betriebs, von der Frau, der es gelungen ist, bis an die Spitzen eines ehemals von Männern beherrschten Konzerns vorzudringen, von den gewissenlosen Geschäftemachern.
Populäre Ratschläge oder personalisierte Berichterstattung – über das relative Gewicht dieser beiden Alternativen zum Wirtschaftsjournalismus als „beigelegter Fachzeitschrift für Eingeweihte“ (Glotz) wissen wir wenig. Die Umfragedaten aus Dänemark zeigen jedoch, dass der Ratgeberjournalismus dort nicht hoch im Kurs steht. Fünfzig professionelle Wirtschaftsjournalisten wurden aufgefordert, die drei klassischen Komponenten der Journalistenrolle: den zuverlässigen Informanten der Allgemeinheit, den Wachhund und schließlich den Ratgeber, in eine für sie selbst verbindliche Rangordnung zu bringen. Das Ergebnis: Die Informantenfunktion wurde deutlich häufiger als erstrangig eingestuft als die anderen beiden, und unter diesen wurde der Wachhund deutlich ernster genommen als der Ratgeber.