"Meccha Chameleon": Neuer Gaming-Hit bringt Hakenkreuze ins Kinderzimmer
Für Eltern
"Meccha Chameleon": Neuer Gaming-Hit bringt Hakenkreuze ins Kinderzimmer
15 Millionen verkaufte Einheiten, aber keine Moderation und kein Schutz der meist sehr jungen Spielerinnen und Spieler
Alexander Amon
Manchmal sind es die einfachen Ideen, die am besten funktionieren. Das dachten sich zwei japanische Entwickler und programmierten laut eigenen Angaben in lediglich zwei Monaten das Spiel Meccha Chameleon. Hinter dem Namen verbirgt sich "Verstecken spielen", wie es viele von uns aus Kindertagen kennen. Der Kniff: Man kann seine Spielfigur zudem anmalen, um wie ein Chamäleon in der Umgebung zu verschwinden. Wird man nicht entdeckt, obwohl die Suchenden in der Nähe sind, gewinnt man die Spielrunde.
Das simple Konzept geht auf. Nach nur einem Monat verkünden die Entwickler mit dem unscheinbaren und etwas sperrigen Namen lemorion_1224, dass bereits 15 Millionen Menschen ihr Spiel gekauft haben. Der Einstiegspreis von rund 6 Euro hilft da natürlich, genau wie die simple Optik, die an diverse Games auf der Plattform Roblox erinnert.
Mit großem Erfolg kommt aber auch große Verantwortung und damit scheinen die beiden anonymen Japaner hinter dem Spiel derzeit überfordert zu sein. Wie schon in vergleichbaren Spielen davor, in denen die Moderation mit der schieren Menge an Usern überfordert war, zeigen sich erste Fälle von Cyber-Grooming. Hinzu kommt, dass das Pinsel-Konzept des Spiels, auch jene provoziert, die gern einmal Hakenkreuze oder ähnliche Symbole in den öffentlichen Raum malen wollen.
Pädokriminelle größte Gefahr
Um dieser Tage als Indie-Game erfolgreich zu sein, braucht man vor allem lautstarke Streamer, die kostenlos Werbung für das Produkt machen. Meist gelingt das, wenn das Spiel nicht die volle Aufmerksamkeit des Content Creator benötigt, damit er nebenbei mit seinem Chat interagieren kann. Zudem muss das Konzept deppeneinfach sein, damit auch Leute, die nur kurz zuschauen, das Spielkonzept verstanden haben.
All das erfüllt Meccha Chameleon. Eine Recherche bei mehreren Streamern auf Twitch zeigt, wie unterhaltsam das Konzept ist, etwa wenn sich jemand in gebückter Pose und grau bemalt zwischen mehrere Kabel derselben Farbe hängt. Lautes Gegröle im Chat und Respektsbekundungen für die kreative Idee. Aber man hört auch etwas anderes in den beteiligten Stimmen: Das Publikum für das Spiel ist jung.
Wie schon Spiele wie Minecraft oder Roblox gezeigt haben, spricht sich diese demografische Zusammensetzung schnell in den falschen Kreisen herum. Wie der Spiegel berichtet, wird das Meccha Chameleon bereits in mehreren pädokriminellen Online-Netzwerken erwähnt. Laut der Recherche sprechen in den Chat-Gruppen der sogenannten Com- und 764-Szene einzelne Nutzer in den letzten Wochen darüber, dass sie das Spiel gerne spielen wollen.
Dieses Cybergrooming ist ein großes Problem für jene Spiele, in denen man auf eine offene Lobby trifft und mit jedem reden kann, der sich gerade in solchen Lobbys befindet. Pädokriminelle Nutzer suchen sich dort gezielt junge Opfer, deren Vertrauen sie gewinnen und sie dann für den Austausch von Fotos und Videos auf andere Plattformen, etwa Telegram oder Whatsapp locken.
Kein straffreier Raum
Außerdem sehen sich Spiele, in denen man sich kreativ austoben kann, mit noch ganz anderen Problemen konfrontiert. Als man vor vielen Jahren in Call of Duty die Spielerkarten selbst designen konnte, mit denen man im Online-Spiel sichtbar war, wurden unter anderem Hakenkreuze und SS-Runen nachgebaut.
Ähnliches kann man derzeit in Meccha Chameleon beobachten. Der Spiegel schreibt beispielsweise, dass er von einer klar als Hitler erkennbaren Spielfigur verfolgt wurde, die zudem einen durchgestrichenen Davidstern am Rücken trug. Zudem finden sich in den Spielerlobbys zahlreiche "vulgäre oder provokante" Namen. Rassistische Beschimpfungen seien ebenfalls nicht selten.
Das kann man auch in den rund 110.000 Rezensionen des Spiels auf der Plattform Steam nachlesen. Ein User schreibt: "Außerdem sind mir auf einigen Servern rassistische Spielernamen und entsprechende Symbole auf Charakteren aufgefallen. Hier würde ich mir eine bessere Moderation wünschen." Ein anderer hat ähnliche Erfahrungen gemacht: "Also eigentlich ein echt cooles Spiel, nur das ganze rassistische muss nicht sein, die Leute malen sich Hakenkreuze auf den Körper oder schreien rassistische Wörter herum."
Offenbar ist das kleine Entwicklerteam nicht nur von dem massiven Erfolg des Spiels überrascht worden, sondern auch von der damit verbundenen Arbeit, die Lobbys jugend- und straffrei zu halten. Erklärungen, wie man den aktuellen Problemen Herr werden möchte, gibt es von Entwicklerseite bisher nicht. Es überwiegt noch der Hype und die Erfolgsmeldungen. Golem titelt beispielsweise "6-Euro-Spiel fordert GTA 6 heraus" und spielt auf die Rekordverkäufe an. Eine kritische Auseinandersetzung mit den aktuellen Problemen im Spiel findet man eher selten.
Fazit: Aufpassen
"Wie bei allen Spielen gilt auch bei Meccha Chameleon: Kinder sollten nicht einfach allein darauf losgelassen werden", erklärt Matthias Jax von der Aufklärungsplattform Saferinternet gegenüber dem STANDARD. Eltern und Bezugspersonen sollten sich Spiele immer zuerst gemeinsam mit ihren Kindern anschauen. Gerade bei kleineren Entwicklerstudios, wie in diesem Fall, würden oft "umfassende Schutzmechanismen" fehlen.
Auch wenn ein Spiel auf den ersten Blick harmlos wirke, könne es dennoch unter anderem zu "unerwarteten Kontakten" kommen, etwa wenn Kinder von Personen angeschrieben werden, die nicht sind, wer sie vorgeben zu sein. Zudem würden kreative Spielräume immer auch Möglichkeiten für Missbrauch, etwa durch problematische oder sogar strafbare Inhalte, bieten. Es gelte also bei Meccha Chameleon, genau wie bei vielen anderen Spielen, dass, wenn es Möglichkeiten der Kontaktaufnahme mit Fremden gibt, man Kinder nicht alleine vor den Computer oder die Konsole setzen darf.
Eine Lösung sind beispielsweise geschlossene Lobbys, in die man gezielt nur Freunde einlädt. Zudem gibt es in den meisten Spielen, allerdings nicht in Meccha Chameleon, Jugendschutz-Optionen, um beispielsweise den Sprachchat auszuschalten. Jax empfielt deshalb, Kinder in jedem Fall "aktiv zu begleiten und Regeln festzulegen, wie sich der Nachwuchs im Falle eines Kontakts mit Fremden zu verhalten hat.
Zuletzt sind die Nutzerzahlen des Spiels leicht zurückgegangen. Entweder nimmt der Hype bereits ab, oder es fühlen sich zunehmend User von der fehlenden Moderation abgestoßen. So gesehen ist der hoffentlich baldigst aufgenommene Kampf der Entwickler gegen Cybergroomer und Hakenkreuze nicht nur relevant für die Community, sondern eventuell auch entscheidend, ob das Spiel in ein paar Wochen überhaupt noch relevant ist. (Alexander Amon, 16.7.2026)
Forum: 42 Postings
Ihre Meinung zählt.
Die Kommentare im Forum geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Benutzer:innen können diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die STANDARD Verlagsgesellschaft m.b.H. vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.