Zum 90. Geburtstag: Mani Matters Chansons und die Zeitlosigkeit seines Denkens

Mani Matter: «Was den modernen Menschen vor allem bedroht, ist die Langeweile»

Durch seine Lieder ist er zu einem nationalen Monument geworden. Als Jurist engagierte sich Mani Matter aber auch in der Politik, wo er ideologischem Denken eine Absage erteilte. Am 4. August wäre er 90-jährig geworden.

Wilfried Meichtry25.07.2026, 05.30 Uhr

7 Leseminuten


«Ich glaube, dass ich Wertvolles in mir habe» – Mani Matter, 1970.

«Ich glaube, dass ich Wertvolles in mir habe» – Mani Matter, 1970.

Hans Krebs / ETH-Bibliothek / Com_C18-097-002

Jetzt wäre er 90 Jahre alt. Der unvergessliche Mani Matter. Der grosse Berner Intellektuelle, Poet und Chansonnier. Schwer vorstellbar, wer er heute wäre, wenn er nicht am 24. November 1972 mit 36 Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen wäre. Zu einem Zeitpunkt, als er sich eingestehen musste, dass ihn sein überfrachtetes Leben als Rechtskonsulent der Stadt Bern, als Lehrbeauftragter an der Uni Bern, als Dichter und Chansonnier mit fast hundert Auftritten pro Jahr und als Familienvater von drei kleinen Kindern an den Rand der Erschöpfung gebracht hatte.

Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen

NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.

Bitte passen Sie die Einstellungen an.

Müde, unruhig und innerlich angespannt sei Mani in jenen Tagen gewesen, erzählte mir seine Frau Joy viele Jahre später. Er habe davon gesprochen, sein berufliches Pensum als Rechtskonsulent und Uni-Dozent zu reduzieren. Hauptberuflich zu singen, sei für ihn keine Option gewesen. Was er sich am meisten gewünscht habe, sei mehr Zeit zum Lesen, Denken und Schreiben.

Über fünfzig Jahre nach seinem Tod sind viele der sprachlich virtuosen, humorvollen und tiefgründig-philosophischen Chansons von Mani Matter Volkslieder und helvetisches Kulturgut. Lieder wie «Hemmige», «Bim Coiffeur» oder «Warum syt dir so truurig» sind das poetische Kondensat eines faszinierenden und abenteuerlichen Denkens, das bis heute in vielem eine stupende Zeitlosigkeit hat, die es immer noch zu entdecken gilt.

Das Bewegungsbedürfnis des Denkens

«Im Moment, wo du zu denken anfängst, etwa mit 16, 17 Jahren», schreibt der 26-jährige Mani Matter 1962 in sein Tagebuch, «bist du schon von der Generation vor dir auf ein Geleise geschoben worden, aus dem du kaum noch herauskommst. Du beginnst dir eben zu überlegen, wozu du eigentlich auf der Welt seist, da bist du schon mitten in Faits accomplis, und es braucht beinahe Heldentum, um den schönen Arbeitsplätzchen, die die Gesellschaft für dich bereithält, mit Familienzulage und Pensionsberechtigung noch zu entrinnen.»

Ein offener, intellektuell ambitionierter und verspielter Geist charakterisiert den jungen Mani Matter. Ein grosser Hunger nach Erkenntnis, ein kritisches Bewusstsein für die gesellschaftliche Realität und ein lebenslanges Suchen nach seinem Platz in der Welt. Er hat hohe Ansprüche an sich, sein Gegenüber und die Gesellschaft. Seine Aufzeichnungen machen klar, dass er sich vertieft mit Literatur, Philosophie, Soziologie, Politik und Theologie auseinandergesetzt hat.

Mani sei ungeheuer belesen, geistreich und selbstironisch gewesen, erzählte mir der Berner Musiker und Schriftsteller Urs Frauchiger. Er habe schon am Gymnasium das Gefühl gehabt, dass Mani einmal berühmt werden würde. Worin allerdings, sei ihm völlig unklar gewesen. Manis Schwester Helen Matter geht rückblickend davon aus, dass er hochbegabt gewesen sei. «Ob es nicht das Bewegungsbedürfnis des Denkens ist», räumt Mani 1962 in seinem Tagebuch bescheiden ein, «das die Intelligenz ausmacht?»

Lesen, denken und schreiben. Für Mani Matter Bestimmung und das höchste Glück. «Wenn ich wirklich allein bin, so bin ich nicht allein», schrieb er 1962 in sein Tagebuch. «Es gibt so etwas wie einen Gedankenpartner, einen unsichtbaren allerdings, der sich immer nach einiger Zeit einstellt, wenn ich allein bin, und etwa abends spät, wenn ich vom Lesen allmählich ins Meditieren gerate, immer bei mir im Zimmer ist. Ohne ihn, scheint mir, könnte ich gar nicht denken.» Lichtenberg habe seine Aphorismen an diesen Gedankenpartner gerichtet, Hegels «objektiver Weltgeist» wohne in ihm, und die Mönche hätten ihn wohl für Gott oder das Gewissen gehalten. «Gegen niemand sonst kann man so ehrlich sein.»

Die Breite seiner Interessen machte es Mani sein Leben lang schwer, sich beruflich auf einen Weg festzulegen. «Immer wieder taucht der Gedanke einer eventuellen Künstlerexistenz auf», notierte er 1958. «Die Künstlerexistenz schöpft aus sich selbst, hat keine Rücksichten zu nehmen, ist deshalb auf alle Fälle sauber und kompromisslos. Sie ist – wenn auch nur spielerisch – auf das Ganze gerichtet.»

Als Jugendlicher versucht sich Mani als Schauspieler, will Schriftsteller werden, beginnt zu schreiben. Nach dem frühen Krebstod der Mutter entdeckt er den Chansonnier Georges Brassens, sieht ihn am 15. Oktober 1955 live auf der Bühne des Pariser «Olympia» und eifert ihm in seinen ersten Chansons nach. Das Germanistikstudium an der Uni Bern bricht er enttäuscht ab und wendet sich wie sein Vater der Jurisprudenz zu. Er wird Fürsprecher, schreibt eine Habilitation und arbeitet in seinen letzten Lebensjahren als Rechtskonsulent der Stadt Bern. «Ich glaubte einmal», notierte er 1968 ernüchtert, «der Jurist sei derjenige, der sich darum bemühe, durch gerechtes Lösen von Rechtsfragen, Gerechtigkeit in die Gesellschaft zu bringen. Diese Unschuld habe ich verloren.»

Der Konsens zur Uneinigkeit

Jurisprudenz und Politik waren für Mani Matter untrennbar miteinander verbunden. Mit knapp 20 Jahren trat er 1956 in das «Junge Bern» ein, eine Bewegung in der Stadt Bern, die gegen einseitige Interessenpolitik antrat und die sachliche Diskussion und Problemlösung in den Mittelpunkt ihrer politischen Arbeit stellte. Drei Jahre nach der Gründung landete das Junge Bern einen Coup: Der Pfarrer und Schriftsteller Klaus Schädelin («Mein Name ist Eugen») wurde als Vertreter des Jungen Bern in den Gemeinderat der Stadt Bern gewählt. Mani war als Chef des Propagandakomitees an vorderster Front dabei und prägte den Wahlslogan: «Wenn schon ein Klaus, dann der Klaus Schädelin».

Mani Matter sei unkorrumpierbar für jede Art von Interessenpolitik gewesen, wird sich Klaus Schädelin Jahre später erinnern. In den politischen Diskussionen sei er sehr engagiert gewesen, oft auch kompromisslos und hart. «Uns ist wichtig», schrieb Mani Matter 1959 im Parteiprogramm des Jungen Bern, «dass die Politiker sich ihrer Verantwortung bewusst sind und für das Ganze denken.» Für die Studentenunruhen von 1968 hatte er durchaus Sympathien, grenzte sich aber auch klar davon ab: «Revolution – und was dann?», schrieb er 1968 in Cambridge. «Man verweist auf Marx und glaubt sich weiterer Details enthoben. Aber gerade auf die Details kommt es an, sonst hat man den Patienten von den Masern nur kuriert, um ihm die Diphtherie anzuhängen.»

Interessant und wenig erforscht ist Mani Matters Affinität zu Albert Camus’ Philosophie des Absurden. Wie Camus erteilte er allem ideologischen Denken eine Absage und sah in der Ratlosigkeit die ehrlichste Haltung des Menschen gegenüber der Welt. «Gibt es eine Partei der Leute, die nicht sicher ist, recht zu haben?», lautet ein bekanntes Camus-Zitat. «Bei der bin ich Mitglied.» Mani Matter seinerseits schrieb 1958. «Wer die Ratlosigkeit aushält, muss nicht zwangsläufig verzweifeln, sondern kann lernen, schöpferisch mit ihr umzugehen.» Zwei Jahre später fragt er sich, ob es nicht fälschlicherweise als Schwäche angesehen werde, wenn ein Mensch seine Grenzen erkennt und sagt: «Ich weiss nicht; lasst uns überlegen (oder: nachschlagen), wo andere längst eine Antwort gegeben hätten.»

Die Breite seiner Interessen machte es Mani sein Leben lang schwer, sich auf einen Weg festzulegen.

Die Breite seiner Interessen machte es Mani sein Leben lang schwer, sich auf einen Weg festzulegen.

Hans Krebs / ETH-Bibliothek / Com_L19-0075-0008

Als Staatsrechtler beschäftigte sich Mani sehr ausgiebig auch mit der Demokratie. Bereits als Gymnasiast war er überzeugt, dass jeder Bürger politische Verantwortung trägt und die Pflicht hat, sich einzubringen und für das allgemeine Wohl einzusetzen. Die Lebensader und den höchsten Wert der Demokratie sah er – so steht es in seiner Habilitation «Die pluralistische Staatslehre» – «im Konsens zur Uneinigkeit».

Der Grübler

In seinen letzten Lebensjahren war Mani politisch zunehmend desillusioniert. Er wurde nachdenklicher, sein Denken radikaler und sein Ton – auch in einigen seiner letzten Chansons – angriffiger. «Der Liberalismus ist in der Schweiz seit dem letzten Jahrhundert gründlich verlorengegangen», schrieb er 1969. «Heute machen alle in die Hosen vor Angst.» Viele seiner Gedanken aus seinen letzten Lebensjahren lesen sich wie Diagnosen unserer Zeit. «Was den modernen Menschen vor allem bedroht», notierte er 1968, «ist die Langeweile. Er ist bald so weit, alles aufs Spiel zu setzen, nur damit etwas geht.»

Im öffentlichen Bewusstsein ist Mani Matter bis heute der liebenswürdige «Värslischmid, wo so Liedli macht». Seine unbequeme und bisweilen scharfzüngige Seite, die uns herausfordert, nehmen wir immer noch zu wenig zur Kenntnis. Auch sich selbst hat Mani Matter immer wieder radikal infrage gestellt. Er sei ein grosser Grübler gewesen, erzählte mir Joy Matter, und manchmal habe sie sich Sorgen gemacht. Seit seiner Jugend, vertraute Mani seinem Freund Fritz Widmer an, habe er diesen Hang zur Selbstzerfleischung. «Ich bin kein bedeutender Künstler», schrieb er noch im Jahr vor seinem Tod. «(. . .) Ich habe mitunter den Eindruck, als wäre ich mir selbst untreu geworden, als hätte ich mein Leben vergeudet, meine Zeit nutzlos vertan.»

54 Jahre nach seinem Tod ist Mani Matter ein nationales Monument. «Ich könnte vielleicht etwas Schönes schreiben», hatte er als 17-Jähriger in sein Tagebuch geschrieben. «Ich müsste versuchen, ganz mich selbst zu sein. Ich dürfte nicht nachahmen wollen, was ich an andern bewundere. Von dem, was aus mir selbst herauskommt, müsste ich das Wertvollste pflücken. Vielleicht könnte ich dann etwas Mitteilenswertes mitteilen; denn ich glaube, dass ich Wertvolles in mir habe.»

Mani Matter hat uns sehr viel mehr als «etwas Mitteilenswertes» hinterlassen. Was der deutsche Liedermacher Wolf Biermann, den Mani Matter schätzte, einst über Georg Büchner, einen anderen genialen und viel zu früh verstorbenen Dichter, gesagt hat, gilt genauso für das Werk von Mani Matter: «Wen das nicht umhaut, der hat nie gestanden!»

Zum 90. Geburtstag von Mani Matter ist Wilfried Meichtrys Buch «Mani Matter. Eine Biografie», erstmals erschienen 2013, soeben als aktualisiertes Taschenbuch mit einem neuen Nachwort bei Nagel & Kimche erschienen.

Passend zum Artikel

Nach der Brandkatastrophe von Crans-Montana steht der Kanton einmal mehr am Pranger. Das kommt nicht von ungefähr, wie ein Blick in die Geschichte zeigt.

Zu prasselndem Regen und rollendem Donner erzählt das Internationale Literaturfestival Leukerbad viele Geschichten von verschiedenen Generationen.

Franz Hohler, Manis Freund, und der Musiker Stephan Eicher über Matters Leben nach dem Tod.