Luxus: Lesen wird zum Unterscheidungsmerkmal
13. Juli 2026
Andrej Simon
Bild: Shutterstock.com
Immer weniger Kinder lesen sicher, gleichzeitig wird das Buch für viele junge Erwachsene zum Symbol von Bildung und Identität. Entsteht eine neue Leseklasse?
Der deutsche Buchmarkt verlor 2025 rund fünf Prozent Käufer. Dramatisch fiel der Einbruch bei den 10- bis 15-Jährigen aus, meldete der Börsenverein des Deutschen Buchhandels vergangene Woche: In dieser Altersgruppe sank die Zahl der Käufer um 30,6 Prozent. Bei den 20- bis 29-Jährigen verzeichnete man Rückgänge beim Buchkauf von 17,8 Prozent.
Einzig bei den 16- bis 19-Jährigen wird die Lage mit einem Plus von 7,7 Prozent als "noch stabil" bezeichnet.
Der Trend bestätigte sich bei der Budgeteinteilung der Jüngeren.
"Die Rückgänge bei der jungen Zielgruppe zeigen sich auch bei den Ausgaben. So gaben die 10- bis 15-Jährigen 2025 23,8 Prozent weniger für Bücher aus als 2024, die 20- bis 29-Jährigen 8,5 Prozent weniger. Die 16- bis 19-Jährigen sind auch hier mit +6,3 Prozent bislang nicht von den Rückgängen betroffen."
Börsenverein des Deutschen Buchhandels
Sebastian Guggolz, Vorsteher des Börsenvereins, nennt die Zahlen einen "Weckruf an die Politik". Er macht jahrzehntelange Versäumnisse in der Bildungspolitik, die zu einer fortschreitenden Verschlechterung der Lesekompetenz geführt, für die Situation verantwortlich.
Auch die Didaktik-Professorin Sabine Anselm von der Ludwig-Maximilians-Universität München äußerte sich zur Bücherleselust der Zehn- bis 15-Jährigen im Interview mit der Süddeutschen Zeitung sehr direkt und deutlich. Das sei ein "Skandal erster Güte" für eine Kulturnation.
Kinder und Jugendliche verbringen heute vier bis fünf Stunden täglich im Internet. Für das Bücherlesen, das deutlich anstrengender sei, bleibt da kaum noch Zeit. So die nüchterne Beobachtung
Buchhandlungen in der Krise
In Frankreich zeigt sich ein ähnliches Bild. Die Tageszeitung Le Monde berichtete am 9. Juli über den "großen Blues der Buchhändler". Die Buchverkäufe gingen 2025 dort um sechs Prozent zurück. Große Ketten wie Furet du Nord und Decitre befinden sich in Insolvenzverfahren, die traditionsreiche Buchhandlung Sauramps in Montpellier wurde liquidiert.
Das Centre national du livre stellte fest, dass Franzosen 2025 nur noch 31 Minuten täglich mit Lesen verbrachten – zehn Minuten weniger als zwei Jahre zuvor. Bei Jugendlichen zwischen sieben und 19 Jahren sind es durchschnittlich 18 Minuten, während sie mehr als drei Stunden vor Bildschirmen verbringen. Einer von drei 16- bis 19-Jährigen liest überhaupt nicht mehr.
Lesen als Lifestyle
Aber es gibt auch einen gegenläufigen Trend: Gleichzeitig erlebt das Buch als Objekt und Symbol eine Renaissance. Auf TikTok hat der Hashtag #bookshelfwealth die Millionengrenze überschritten. Auch das ist bei Le Monde zu erfahren.
Luxusmarken haben demnach das Phänomen entdeckt. Chanel veranstaltet seit 2021 literarische Treffen, Miu Miu gründete 2024 einen Literaturclub, Dior präsentierte Taschen mit Buchtiteln. Vincent Grégoire, Leiter der Trendforschung beim Büro NellyRodi, sagte zu Le Monde:
"Luxus bedeutet heute, Bücher zu Hause zu haben – nicht Handtaschen."
Der Soziologe Claude Poissenot erklärt, Lesen werde zur Möglichkeit, sich innerhalb einer Generation abzuheben, die oft als materialistisch beschrieben werde.
Vom Allgemeingut zum Distinktionsmerkmal
Die Buchkultur verschwindet nicht, sie wird ungleicher. Lesen verliert seinen selbstverständlichen Platz im Alltag. Für einen Teil der Gesellschaft wird es zur bewussten Praxis, zur Form der Abgrenzung, zum kulturellen Statussymbol. Zugleich wächst die Gruppe derjenigen, die gar nicht erst sicher lesen lernen.
Sabine Anselm warnt im Gespräch mit der SZ: Die Bedeutung des Elternhauses werde dadurch wichtiger. Je gebildeter die Eltern, desto gebildeter die Kinder. Diese Ungerechtigkeit sollte die Schule eigentlich ausgleichen.
Wenn Lesen vom Allgemeingut zum Privileg wird, verschärfen sich allerdings Bildungsungleichheit und Unterschiede in der kulturellen und demokratischen Teilhabe. Sebastian Guggolz vom Börsenverein formuliert das so:
"Wer lesen kann, ist auch in der Lage, die Haltung anderer zu verstehen, Widersprüche zu erkennen, kann Entscheidungen abwägen, eine differenzierte Meinung ausbilden und eigene Interessen formulieren."
Das verstehen die längst Überzeugten im Bildungsbürgertum schon längst. Aber was ist mit den anderen? Zeigt sich da eine neue Art der Klassenbildung?