Mitspracherecht in Altersheimen hilft gegen Krisen

Lehren aus der Pandemie «Demokratie» im Alterszentrum hilft gegen Krisen

Nach der Pandemie empfiehlt der Bund Alters- und Pflegeheimen, die Bewohnerinnen und Bewohner mit Räten besser einzubeziehen. Ein Alterszentrum hat damit seit fast drei Jahrzehnten gute Erfahrungen gemacht.

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22.07.2026, 06:41

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«Es geht um Mitsprache. Damals und heute.» Hansruedi Moor leitet das Alterszentrum Wengistein in Solothurn. Vor knapp drei Jahrzehnten entschied er sich, einen Rat für Bewohnerinnen und Bewohner einzuführen.

«Wengistein» hält Rat

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Das Alterszentrum sei das Zuhause dieser Menschen, deshalb sollen sie sich einbringen können – Kritik, Anregungen, Wünsche. Es gehe um Wohn- und Lebensqualität, so Hansruedi Moor. Sie seien schliesslich «zahlende Gäste». Esther Ludwig kam dazu, in die Leitung. Zusammen schufen sie Leitlinien, und ihre Grundlagenarbeit kommt nun auch anderen interessierten Institutionen zugute.

Wengistein als gelungenes Beispiel

Das Alters- und Pflegeheim gilt als gelungenes Beispiel für Mitsprache und Partizipation. Auch deshalb, weil Hansruedi Moor und Esther Ludwig ein paar Jahre später einen weiteren Rat ins Leben riefen – einen für Angehörige.

«Im Bewohnerrat sind nicht alle Bewohnenden vertreten – Menschen, die stark pflegebedürftig oder dement sind, fehlen», erklärt Esther Ludwig. «Für sie können die Angehörigen sprechen, sie sind hier die Experten, quasi ihre Anwältinnen.» Moor ergänzt, der Austausch mit den Angehörigen sei wichtig. Er vergleicht das Zusammenspiel beider Räte mit der Zentrumsleitung mit einem demokratischen Prozess.

So funktionieren die Räte – die kleine Demokratie

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Wie viele Alterszentren und Pflegeheime auf solche Räte setzen, ist nicht bekannt. Die Dachorganisation Curaviva schreibt auf Anfrage, Mitbestimmung und Teilnahme seien Themen, die zunehmend wichtiger würden. Es sei davon auszugehen, dass die Zahl von Alters- und Pflegeheimen mit Angehörigen- und Bewohnendenräten eher zunehme. Inzwischen gibt es Leitlinien für Interessierte.

Der Rat der Bewohnerinnen und Bewohner
Im Solothurner Alterszentrum Wengistein sind jeweils etwa zehn Bewohnerinnen und Bewohner im Rat vertreten. Sie treffen sich sechsmal jährlich. Ihre Mitglieder verstehen sich als Botschafterin und als Vermittler. Deshalb nehmen sie Anliegen auf, besprechen sie und bringen sie ein. Das kann von Lärmklagen nachts bis zum Personalschlüssel grundsätzlich alles sein, wenn es kein individuelles Anliegen ist.
Im Austausch mit der Zentrumsleitung ergibt sich dann, ob und wie das Anliegen aufgenommen werden kann. Esther Ludwig moderiert den Rat und ist Bindeglied zur Zentrumsleitung, früher als Teil von ihr, inzwischen als externe Expertin. Auf Anregung des Bewohnendenrates ist zum Beispiel ein Garten für die Menschen in der Pflege- und Demenzabteilung geschaffen worden.

Der Rat der Angehörigen
Rund zehn Angehörige sind in diesem Rat vertreten. Auch sie können Anliegen der Bewohnenden einbringen, wenn diese sich nicht äussern können. Die Zentrumsleitung kann den Angehörigenrat auch um eine Einschätzung zu einem Thema oder einer Anschaffung bitten. Auch hier laufen die Treffen formalisiert ab – es gibt eine Leitung, eine Traktandenliste, ein Protokoll. Zentrumsleiter Hansruedi Moor und Esther Ludwig nehmen teil.

Nach der Pandemie empfiehlt der Bund solche Räte

Um Menschen in Alters- und Pflegeheimen besser einzubeziehen, empfiehlt der Bund, solche Räte ins Leben zu rufen. Dies nach der Aufarbeitung der Corona-Pandemie, die ergab, dass Schutzmassnahmen wie Kontaktverbote oder eingeschränkte Bewegungsfreiheit gerade für ältere Menschen in Institutionen negative Folgen hatten.

Verschiedene Forschungsprojekte zu Partizipation

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In der Aufarbeitung der Corona-Pandemie in der Schweiz kamen verschiedene Berichte zum Schluss, dass gerade ältere Menschen unter den Schutzvorgaben gelitten hatten: Besuchsverbote in Alters- und Pflegeheimen oder eingeschränkte Bewegungsfreiheit konnten sich negativ auswirken.

Dilemma zwischen Schutz und Schaden
Die Verantwortlichen der Alters- und Pflegeheime standen also vor einem Dilemma: die verletzlichen Menschen vor sozialen Kontakten und einer möglichen Infektion zu schützen – mit dem Risiko einer schädlichen sozialen Isolation.

Die gesellschaftlichen Auswirkungen der Pandemie werden im Nationalen Forschungsprogramm «Covid-19 in der Gesellschaft» (NFP 80) des Schweizerischen Nationalfonds untersucht. Die insgesamt 25 Projekte liefen 2021 an. Über die Erkenntnisse wollen die Verantwortlichen im nächsten Jahr informieren.

Laufend veröffentlicht ein Forschungsprojekt der Universität Basel und der Fachhochschule Nordwestschweiz Erkenntnisse dazu, wie sich Menschen in der Langzeitpflege einbringen können. Dieses Projekt läuft bis Ende 2027.

Im Alterszentrum Wengistein konnten die Bewohnenden- und Angehörigenräte während des Kontaktverbots zwar nicht tagen. Doch für die Zentrumsleitung bestand ein konstruktiver Dialog und das nötige Vertrauen zwischen Bewohnenden, Angehörigen und Leitung. «Wer nicht an Corona erkrankt war, war bei uns nicht isoliert», erinnert sich Hansruedi Moor. Die Empfehlung des Bundes begrüsst er, fügt aber an: «Damit diese Form von Dialog und Mitsprache funktioniert, muss sie sich vor der Krise schon eingespielt haben können. In der Krise lässt sie sich nicht noch rasch hochfahren.»

Rendez-vous, 21.7.2026, 12:30 Uhr; wilh