Krebsdiagnose von Minister Marterbauer: Was ist ein Lymphom?
Krebserkrankung
Krebsdiagnose von Minister Marterbauer: Was ist ein Lymphom?
Finanzminister Markus Marterbauer ist an Krebs erkrankt, er hat ein Lymphom. Das ist ein Überbegriff für eine Erkrankungsgruppe, die das lymphatische System betrifft
Pia Kruckenhauser
Die Nachricht war ein ziemlicher Schock: Finanzminister Markus Marterbauer (SPÖ) ist an Krebs erkrankt, konkret an einem Lymphom. Ab sofort wird er für voraussichtlich drei Monate im AKH Wien behandelt. Während seiner Therapie wird er im Amt bleiben, die Behandlungen sind so geplant, dass er seiner Aufgabe und Funktion als Finanzminister voll nachkommen werde, schreibt er in einer Stellungnahme.
Um welche Art es sich genau handelt – der Begriff bezeichnet eine ganze Gruppe von Krebserkrankungen – wurde nicht kommuniziert. Marterbauer schreibt nur so viel: "Es handelt sich bei meiner Diagnose um ein Lymphom. Eine Erkrankung, die in den letzten Jahren dank umfangreicher Forschung und des guten österreichischen Gesundheitssystems sehr gute Heilungschancen aufweist."
Und der Finanzminister hat ein Anliegen: "Ich möchte Sie bitten, in der Kommunikation durchaus offen, aber fair und respektvoll mit meiner Erkrankung umzugehen. Wie bei vielen Menschen in unserem Land ist sie eine emotionale Belastung für meine Familie, meine Freundinnen und Freunde, meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter."
Fraktionsübergreifend wurden Marterbauer Anteilnahme und Genesungswünsche übermittelt, auch das STANDARD-Forum kommunizierte einhellig die besten Wünsche. Tatsächlich sind die Heilungschancen bei einem Lymphom relativ gut. Der STANDARD erklärt, um was für eine Krebserkrankung es sich dabei konkret handelt und wie sie behandelt wird.
Häufige Krebsform
Ein Lymphom ist keine einzelne Krankheit, vielmehr steht der Begriff für eine Gruppe von Krebserkrankungen, die aus den Zellen des lymphatischen Systems entstehen. Es handelt sich dabei um mehrere biologische und klinisch zum Teil sehr unterschiedliche Erkrankungen.
Die Krebserkrankungen des lymphatischen Systems unterteilt man grob in Hodgkin- und Non-Hodgkin-Lymphome. Der Hauptunterschied zwischen den beiden Formen liegt in den mikroskopischen Eigenschaften der Krebszellen. Beim Hodgkin-Lymphom sind charakteristische vergrößerte Riesenzellen, sogenannte Reed-Sternberg-Zellen, im Gewebe nachweisbar. Beim Non-Hodgkin-Lymphom, einem Begriff für rund 18 verschiedene Unterarten, zu denen auch das Myelom zählt, fehlen diese vollständig. Rund vier Fünftel der Non-Hodgkin-Lymphome gehen von B-Lymphozyten aus, der Rest von T-Zellen.
In Österreich werden jedes Jahr rund 1800 Lymphome diagnostiziert. Etwa 1600 neue Fälle betreffen das Non-Hodgkin-Syndrom, die restlichen 200 entfallen auf das Hodgkin-Syndrom. Ende 2024 leben hierzulande 15.272 Menschen mit so einer Diagnose. Lymphome zählen zu den häufigeren Krebsarten, zwischen drei und fünf Prozent aller Neuerkrankungen fallen in diese Gruppe.
Symptome ohne Schmerzen
Das häufigste Symptom ist ein vergrößerter Lymphknoten, der keine Schmerzen verursacht. Meist wächst dieser langsam über Wochen, bei besonders aggressiven Formen kann er sich aber auch sehr schnell vergrößern, erklärt Hämato-Onkologe Felix Keil, Uni-Professor und Primar am Wiener Hanusch-Krankenhaus der Österreichischen Gesundheitskasse.
Ein kleiner Lymphknoten, der schmerzt, ist dagegen kein typisches Symptom. Dabei handelt es sich im Normalfall um eine Reaktion auf eine lokale Entzündung, die an sich harmlos ist.
Weitere Charakteristika von Lymphomen sind ungewollter Gewichtsverlust, Leistungsknick, Blutarmut oder eine vergrößerte Milz. Spezifisch für Hodgkin-Lymphome sind zudem Fieber ohne erkennbare Ursache, ausgeprägter Nachtschweiß, juckende Lymphknoten und in sehr seltenen Fällen ein sogenannter Alkoholschmerz: Sobald Alkohol ins Blut gelangt, auch nur von einem Schluck, kommt es zu einem stechenden oder brennenden Schmerz im betroffenen Lymphknoten. Diese Symptome dürften daher stammen, dass das Hodgkin-Lymphom mit einem starken Entzündungsgeschehen einhergeht, erklärt Keil.
Diagnostiziert wird das Lymphom einerseits über ein Blutbild, andererseits über eine Gewebeprobe. Diese muss ausreichend groß sein, meist ein kompletter Lymphknoten, damit man über Pathologie, Immunphänotypisierung und molekulare Analysen den exakten Subtyp bestimmen kann, erklärt Keil. Weiters erfolgt eine PET-CT (Computertomographie), um die Ausbreitung im Körper festzustellen.
Chronisch oder aggressiv
Je nachdem, welches Lymphom diagnostiziert wird, unterscheidet sich die Therapie zum Teil stark. Etwa die Hälfte der Lymphome ist indolent, das bedeutet langsam wachsend. Sie verursachen oft lange Zeit gar keine Beschwerden und müssen auch nicht sofort behandelt werden, erklärt Keil: "In solchen Fällen gilt es, Ruhe zu bewahren und abzuwarten. Wir kontrollieren solche Lymphome regelmäßig und behandeln nur bei akutem Bedarf."
Diese indolenten Lymphome sind einerseits also nicht akut problematisch, andererseits ist eine Heilung oft nicht möglich, die Erkrankung ist vielmehr chronisch. Denn diese Form neigt zu Rezidiven, es kann immer wieder vorkommen, dass ein Lymphknoten entartet. Diese werden dann im Bedarfsfall behandelt.
Ganz anders ist dagegen der Verlauf von aggressiven, hochmalignen Lymphomen, die etwa die Hälfte aller Erkrankungen ausmachen. Sie wachsen sehr rasch und können innerhalb weniger Tage oder Wochen lebensbedrohlich werden. Deshalb müssen sie schnellstmöglich behandelt werden. "Hat man den Verdacht auf eine Erkrankung, sollte man sich so schnell wie möglich in ein spezialisiertes Zentrum überweisen lassen. Hier entscheiden manchmal wenige Tage über Leben und Tod", betont Keil.
Paradoxerweise sind hochmaligne Lymphome häufig besser heilbar als die langsam wachsenden Formen mit chronischem Verlauf. Insgesamt liegen die Langzeitüberlebensdaten je nach Lymphom-Art zwischen 90 und 40 Prozent. Es gibt nur einige sehr wenige Unterformen, die einen deutlich aggressiveren Verlauf mit geringerer Überlebensrate haben. Kehrt ein aggressives Lymphom innerhalb von zwei Jahren nach der Behandlung nicht mehr zurück, gilt man im Normalfall als geheilt.
Therapie und Nachsorge
Ein Standard-Therapieverfahren für Lymphome gibt es nicht. Der beste Ansatz hängt sehr stark von der jeweiligen Unterform ab. Grob gesagt lassen sich die Therapieansätze jedoch in vier Säulen einteilen, berichtet Hämato-Onkologe Keil:
In weiterer Folge werden Betroffene regelmäßig kontrolliert – wobei vorwiegend beobachtet wird, konkrete Untersuchungsmaßnahmen werden im Normalfall dann gesetzt, wenn es zu Beschwerden kommt.
Im direkten Nachgang der Behandlung umfasst die Nachsorge vor allem die Wiederherstellung des Impfstatus und allgemeine Rehabilitation. Langfristig geht es darum, mögliche Therapiefolgen wie Herzschäden, funktionelle Einschränkungen, Erschöpfung, psychische Belastung und mehr im Blick zu haben.
Das betrifft vor allem sehr junge Patientinnen und Patienten. Am Hanusch-Krankenhaus gibt es deshalb eine Spezialambulanz mit Fokus auf junge Betroffene, die sich um ehemals erkrankte und geheilte Kinder kümmert. "Das ist eine sehr befruchtende Arbeit, wir lernen von den geheilten Patientinnen und Patienten, auf welche Dinge, die wir womöglich gar nicht am Schirm gehabt hätten, achten müssen", berichtet Keil.
Risikofaktoren
Lymphome sind, wie die meisten Krebserkrankungen, grundsätzlich eine Erkrankung des Alters. Doch gerade das Hodgkin-Lymphon und bestimmte T-Zell-Lymphome betreffen auch jüngere Menschen und Kinder. Woran das liegt, ist allerdings nicht klar. "Wir wissen nur, dass Autoimmunerkrankungen und Adipositas das Risiko erhöhen. Das dürfte damit zusammenhängen, dass es zu chronischen Reizen für das Immunsystem kommt", erklärt Keil.
Vor allem Adipositas hebt er als Risikofaktor hervor. Dabei ist das Fettgewebe chronisch entzündet, man weiß, dass sie das Risiko für 15 bis 17 Krebsarten erhöht – das Lymphom ist eine davon. (Pia Kruckenhauser, 14.7.2026)
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