„Kostet mehr Geld“: Expertin warnt vor großem Problem für Millionen Rentner
Stand: 22.07.2026, 21:49 Uhr
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Millionen Rentner und immer weniger junge Menschen – das System steht unter Druck, die Kosten steigen. Ein weiteres Problem werde nicht adressiert, warnt eine Expertin.
Berlin – Über 82 Prozent der Deutschen glauben nicht mehr an eine auskömmliche gesetzliche Rente für sich. Das geht aus einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey im Auftrag des Sozialverbands Deutschland (SoVD) hervor. Und tatsächlich ist jede fünfte Person im Land von Altersarmut bedroht, wie Zahlen des Statistischen Bundesamts zeigen. Gleichzeitig zeigt die demografische Entwicklung, dass die deutsche Bevölkerung im Schnitt immer älter wird. Die Rente wird teuer. Ist das Misstrauen in eine gute Zukunft der Rente also gerechtfertigt? Nein, sagt eine Rentenexpertin des SoVD trotz der vielen Negativmeldungen.

„Die Umlagefinanzierung funktioniert. Sie funktioniert aktuell sogar richtig gut“, sagt Henriette Wunderlich, Referentin für Rentenfragen beim Sozialverband, im Videogespräch der Serie „Ihr wollt‘s wissen“ des Münchner Merkur von Ippen.Media. Obwohl oft gewarnt wird, dass immer weniger Junge für immer mehr Alte zahlen müssen, ist das Umlage-System stabiler als sein Ruf, lautet Wunderlichs Argument.
Niedrige Renten und steigende Beiträge
„Das Problem ist: Es wird immer geschaut, wie viele Rentnerinnen und Rentner haben wir pro Kopf und wie viele junge Menschen, die einzahlen, haben wir pro Kopf“, sagt die Rentenexpertin. „Entscheidend ist aber immer das Volumen, das dahintersteht. Also, wie viele Menschen sind sozialversicherungspflichtig beschäftigt und zahlen Beiträge in die Rentenkasse? Und da haben wir aktuell noch einen Höchststand“, macht Wunderlich im Interview klar. Das gesamte Gespräch rund um die Rente und die Frage, was die neuen Reformen für Sie bedeuten, finden Sie auf unserem YouTube-Kanal.
Laut Bundesagentur für Arbeit sind aktuell knapp 35 Millionen Menschen sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Allem Rentenpessimismus zum Trotz plädiert auch Arbeits- und Sozialministerin Bärbel Bas (SPD) in der Rentenfrage stets für mehr Optimismus und Fokus den Arbeitsmarkt. Anfang des Jahres stieg die Arbeitslosenzahl in Deutschland jedoch seit Jahren erstmals wieder über die Drei-Millionen-Marke, etliche Unternehmen kündigen weiteren Stellenabbau an. Ist der Arbeitsmarkt als Basis für gute Renten also längst nicht mehr so stabil?
„Ja, die Arbeitslosigkeit nimmt aktuell wieder zu“, räumt Wunderlich im Gespräch ein. „Aber wir haben wahnsinnig viele sozialversicherungspflichtig Beschäftigte. Der Beitragssatz ist auch seit Jahren stabil. Das ist auch ein Indikator dafür, dass das System ganz gut funktioniert“, will die SoVD-Expertin klarstellen. Ein wichtiger Punkt sei es, die Arbeit der aktuell Beschäftigten produktiver zu gestalten.
Wunderlich plädiert aber auch dafür, der Realität ins Auge zu blicken – und zwar nicht nur negativ. „Was fehlt in der Debatte, ist anzuerkennen, dass die Menschen älter werden. Das ist gut. Wir leben gesund länger – und das kostet eben mehr Geld, egal in welchem System“, so Wunderlich. „Ob wir es ausschließlich über die gesetzliche Rentenversicherung machen oder da die Leistungen abschmelzen und die Menschen am Ende auf Grundsicherung oder Wohngeld angewiesen sind, weil die Leistung nicht reicht.“
Reformideen der von der Bundesregierung eingesetzten Rentenkommission steht der Sozialverband skeptisch gegenüber. Besonders die Idee einer kapitalgedeckten Zusatzrente hält Wunderlich für ein zu großes Risiko. Die Referentin plädiert dafür, die Zusatzbeiträge stattdessen in die Stärkung der gesetzlichen Rente im Umlageverfahren zu stecken.
Denn niedrige gesetzliche Renten führten zu mehr als „nur“ Altersarmut: „Das kostet auch Vertrauen in den Staat. Da wäre es gut, wenn man das auch ein Stück weit mehr anerkennt und sagt: ‚Okay, ja, das kostet mehr Geld‘“, so Wunderlich. Sie fordert eine ehrliche Debatte darüber, wie man die Kosten verteilt, und will die Vermögendsten mehr in die Pflicht nehmen. (Quellen: Videointerview „Ihr wollt‘s wissen“, Civey/Sozialverband Deutschland, Statistisches Bundesamt, Bundesagentur für Arbeit)