KI-Firmen im Kaufrausch: „40 Euro Versand für ein Buch, das fünf Euro kostet“
KI-Firmen im Kaufrausch „40 Euro Versand für ein Buch, das fünf Euro kostet“
24.07.2026 · 06:35 Uhr
In den Massenaufkäufen sieht der Börsenverein des Deutschen Buchhandels einen Verstoß gegen das Urheberrecht.
Foto: Frank Rumpenhorst/dpa/Frank Rumpenhorst
Düsseldorf · Zunächst wunderten sich Düsseldorfer Antiquare, wer ihre oft größten Ladenhüter aufkauft. Inzwischen deutet alles darauf hin, dass KI-Firmen so neues „Futter“ für ihre Sprachmodelle beschaffen. Der Dachverband der Buchbranche ist alarmiert – aber letztlich wohl machtlos.
Buchhändler Christoph Wilde aus Flingern wundert sich. Seit Wochen gehen sonderbare Bestellungen bei ihm ein. „Da waren etwa Titel zum Thema Neuregelung der Besoldung im Öffentlichen Dienst 1993 dabei“, sagt Wilder. „Ich habe mich gefragt, wer so etwas kauft.“ Teilweise stammten 20 Bestellungen von einem einzigen Kunden. „Viele Bücher sollten in die USA geschickt werden – 40 Euro Versand für ein Buch, das fünf Euro kostet.“ Auch andere Händler berichten von sonderbaren Bestellungen. Sie vermuten, dass dahinter KI-Firmen aus den USA und Kanada stecken, die damit ihre Modelle trainieren wollen.
Das Düsseldorfer Antiquariat Lenzen hat ähnliche Anfragen erhalten. „Ich war erstaunt, dass jemand viele völlig unzusammenhängende Bücher von Literatur bis Medizin bestellt. Das waren größtenteils Ladenhüter“, erklärt Michael Lenzen. Buchbestellungen bei Antiquariaten erfolgen in der Regel über Online-Plattformen, die jeder nutzen kann. „Bei den Bestellungen war eine deutsche Adresse, aber eine US-amerikanische oder kanadische Rechnungsadresse angegeben“, sagt Lenzen. Er habe nicht damit gerechnet, dass KI-Firmen dahinter stecken könnten. „Das hat sich in der Branche dann aber schnell herumgesprochen“, erklärt er.
Kaufen, einscannen, vernichten
Die Händler wussten zunächst nicht, was mit den bestellten Büchern passiert. „Aber ich vermute, dass sie möglicherweise zerschnitten und Seite für Seite eingescannt werden, um eine KI zu füttern“, sagt Wilde. Darüber freue er sich als Buchhändler zwar nicht. „Teilweise waren aber auch Werke dabei, die schon seit zehn Jahren online zum Verkauf standen und die keiner haben wollte.“ Viele Bücher seien außerdem sehr alt gewesen. Das Urheberrecht erlischt in Deutschland siebzig Jahre nach dem Tode des Urhebers.
Die „Washington Post“ hatte vor einigen Wochen berichtet, dass Künstliche Intelligenzen die im Netz verfügbaren digitalisierten Bücher fast komplett erfasst hätten. Nun sollen analoge Inhalte genutzt werden, um die Modelle zu trainieren. Die amerikanische KI-Firma Anthropic hat nach Recherchen der Zeitung bereits seit einiger Zeit millionenfach Bücher eingekauft, eingescannt und dann vernichtet. Das sei möglich, weil dann das sogenannte „Fair Use“-Prinzip greife.
Verstoß gegen das Urheberrecht
Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels sieht in den gezielten Massenaufkäufen einen Verstoß gegen das Urheberrecht. „Es sieht nach einem weiteren Beispiel dafür aus, dass KI-Konzerne massenhaft urheberrechtlich geschützte Werke zum Training ihrer Sprachmodelle nutzen, ohne Einwilligung und ohne Vergütung“, sagt Pressesprecher Thomas Koch auf Anfrage unserer Redaktion. „Das ist in unseren Augen ein klarer und massiver Verstoß gegen das Urheberrecht.“
Bislang ließen sich solche Verstöße allerdings schwer nachweisen, da es keine Transparenzpflichten gibt, die eine Quellennennung für den KI-Input erfordern würden.
„Nach deutschem Recht ist das Einscannen der Bücher, zu welchem Zweck auch immer, nicht möglich“, sagt Koch. Selbst eine Sicherungskopie dürfe nur unter strengen Voraussetzungen angefertigt werden. „Ob das Einscannen der Bücher in den USA generell als zulässig anzusehen ist, ist unseres Erachtens noch nicht eindeutig geklärt“, so Koch weiter. „In einem Gerichtsverfahren haben die Richter im vergangenen Jahr im Sinne des KI-Konzerns Anthropic geurteilt, dass Fair Use vorliege, wenn mit legal gekauften Büchern KI trainiert wird.“ Das müsse aber nicht zwingend jedes Gericht so sehen.
Als erster deutscher Verlag hat kürzlich die Penguin Random House Gruppe wegen Urheberrechtsverletzung beim Kinderbuch „Der kleine Drache Kokosnuss“ gegen Open AI geklagt. Koch sagt: „Es bedarf stärkerer Leitplanken durch die Bundespolitik und die EU, damit Big-Tech-Unternehmen Einhalt geboten wird.“
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