Kanzler Merz nach CSD-Anschlag in St. Marien am Alex: Erst Blitzlicht und dann Schweigen
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat am Sonntagnachmittag in Berlin an einem Trauergottesdienst für die Opfer des tödlichen Anschlags auf den Christopher Street Day teilgenommen. Die Gedenkveranstaltung fand in der St. Marienkirche am Alexanderplatz statt.
Schon vor Beginn herrscht in der Kirche eine ruhige Aufregung. Die Bänke sind vollständig besetzt, zwischen den Reihen sind vereinzelt Regenbogenflaggen zu sehen. Polizeibeamte stehen an den Eingängen, immer wieder läuft jemand durch das Kirchenschiff und sucht nach einem freien Platz. Jeder kann hereinkommen, es gilt freie Platzwahl.
Nicht einmal 19 Stunden nach dem Anschlag im Tiergarten
Als Merz die Kirche betritt, bringt er für einige Minuten Unruhe in die heiligen Mauern. Sicherheitsleute, Mitarbeiter und Pressevertreter folgen ihm durch den Mittelgang. Köpfe drehen sich, Mobiltelefone werden gehoben. Manche Besucher wechseln noch einmal den Platz, um das Gesicht des Kanzlers sehen zu können. Merz geht nach vorn und setzt sich auf eine Bank in einer der ersten Reihen.
Es dauert einen Moment, bis sich das Gewusel legt. Dann wird es langsam still und Orgelmusik erklingt. Es sind nicht einmal 19 Stunden seit dem Anschlag vergangen.
Gemeinsam mit Angehörigen und Betroffenen gedachte die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz der getöteten Frau. Zugleich beteten die Trauergäste für die Verletzten. Neben Merz nahmen auch Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) und Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) an der Andacht teil. Bischof Christian Stäblein und Generalsuperintendentin Julia Helmke sprachen zu den Anwesenden.
48 Stunden später ist aus Feier Gedenken geworden
Noch zwei Tage zuvor war in der St. Marienkirche ein großer Gottesdienst zum CSD gefeiert worden, heißt es zu Beginn der Andacht. Nun gehe es darum, die Opfer „in unsere Mitte“ zu nehmen und ein Licht für sie zu entzünden. In den Reihen fließen Tränen. Einige Menschen halten einander an den Händen, andere sitzen mit gesenktem Kopf auf den Bänken.
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) spricht bei einem Gottesdienst in der St. Marienkirche.
© Christoph Soeder/dpa
Merz war eigens aus dem Sauerland nach Berlin gereist. Vor Beginn des Gottesdienstes verurteilte er den Anschlag scharf. Seine Gedanken seien bei den Angehörigen und Verletzten, sagte der Kanzler. Zugleich dankte er den Einsatzkräften für ihr schnelles Eingreifen, das möglicherweise Schlimmeres verhindert habe.
An die Teilnehmer des Christopher Street Days in Berlin und ganz Deutschland richtete Merz einen eindringlichen Appell: „Lassen Sie sich nicht einschüchtern! Lassen wir uns nicht einschüchtern!“ Solche Taten sollten die Gesellschaft nicht spalten und ihr „Offenheit und Freiheit“ nehmen. Die Bundesregierung werde alles dafür tun, den oder die Täter schnellstmöglich zu fassen und notwendige Konsequenzen „mit Besonnenheit, aber auch mit Entschlossenheit“ zu ziehen.
Merz ruft nach CSD-Anschlag zum Zusammenhalt auf
„Diese Straftäter, diese Extremisten haben in der Mitte unserer Gesellschaft keinen Platz“, erklärte Merz. Deutschland werde nicht zulassen, dass sich „das Gift des Terrorismus“ weiter ausbreite. Zugleich beschwor der Kanzler den gesellschaftlichen Zusammenhalt: „Wir sind mehr, wir sind stärker, und wir halten in unserem Land zusammen.“
Zum Ende der Andacht wurden die Besucher eingeladen, nach vorn zu kommen und eine Kerze zu entzünden. Nach und nach bildet sich im Mittelgang eine Schlange. Menschen traten vor, nahmen ein Licht entgegen und stellten es zu den anderen Kerzen. Manche verweilten nur kurz, andere schlossen die Augen und blieben einige Augenblicke stehen.
Nach dem Gottesdienst wollte Merz seine Reise nach Paderborn fortsetzen. Dort wurde er am Abend beim traditionellen Libori-Mahl im Historischen Rathaus erwartet, bei dem er eine Festrede halten sollte. Vorher ließ er sich noch den Tatort im Tiergarten zeigen. Diesmal ohne Worte.
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