Jeder ist schlagbar, sogar Frankreich: Die Achillesfersen der WM-Halbfinalisten

WM 2026

Jeder ist schlagbar, sogar Frankreich: Die Achillesfersen der WM-Halbfinalisten

Spaniens Rekordler ist für Aussetzer gut, Englands Defensive lädt zu Toren ein und Argentinien schwimmt, wenn es einmal überspielt ist. Und die Franzosen treffen nun auf den Gegner, der ihre Minimalschwäche am ehesten nutzen kann

Analyse

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Martin Schauhuber

Ein Fußballspieler im Trikot der argentinischen Nationalmannschaft mit der Rückennummer 10, blau-weißen Streifen und Kapitänsbinde am linken Arm, ist auf dem Spielfeld zu sehen. Im Hintergrund verschwommene Zuschauermenge.
Ohne Lionel Messis Brillanz wäre Argentinien wohl längst draußen. Beim Verteidigen ist er aber eher Teilzeitangestellter.

Die FIFA hat es so gewollt: Erstmals wurden die Top vier der Weltrangliste bei der WM-Auslosung analog zur Setzung bei Tennis-Grand-Slams in unterschiedliche Viertel des Turnierbaums platziert – und siehe da, genau diese vier stehen im Halbfinale. Frankreich, Spanien, England und Argentinien haben allesamt reelle Chancen auf den Titel. Doch auch das Spitzenquartett hat kleine Schwächen, die den großen Triumph verhindern könnten.

Frankreichs Zugriff im Zentrum

Fangen wir mit dem Schwierigsten an, also der Mannschaft, die sich bei den Buchmachern und den meisten Fans in die Topfavoritenrolle gespielt hat. Mit einer echten Schwäche kann Frankreich nicht dienen, doch auch das Team von Didier Deschamps hat Merkmale, die es verwundbar machen. Auch gegen spielerisch unterlegene Gegner hat die Équipe Tricolore wenig Anspruch auf Spielkontrolle im Mittelfeld. Sie lebt von schnellen Gegenstößen, und die bekommt man eben öfter, wenn der Gegner den Ball hat.

Zwei französische Fußballspieler in weißen Trikots springen während eines Kopfballduells im FIFA-Weltmeisterschafts-Viertelfinalspiel 2026 gegen Marokko in Boston, USA, am 9. Juli 2026.
Man muss bei Frankreich schon sehr genau hinschauen, um einen Schwachpunkt zu finden. Dass die zuletzt von Adrien Rabiot (l.) und Manu Koné (r.) gebildete Doppelsechs gegen den Ball auf die Lauerstellung dressiert ist, könnte einer sein.

Gegen Gegner wie Marokko, Schweden und Paraguay funktionierte das tadellos. Wenn einmal ein seltener Ball in die Gefahrenzone kam, war der flott wieder in französischem Besitz. Gegen Spanien könnte das anders aussehen. Ob Rodri, Fabián Ruiz oder Pedri: Im perfekt einstudierten Positionsspiel von Luis de la Fuente weiß jeder, wo der Ball hin muss und wo auch im Zentrum ein freier Mann auftauchen könnte. Schon Portugal, Belgien und Österreich haben erfahren: Irgendwann geht es nicht mehr gut, wenn man Spanien das Mittelfeld überlässt. Hier könnte auch Deschamps’ offensiv genialer Kniff, Michael Olise zum Zehner umzufunktionieren, erstmals Kratzer bekommen: Kann er in dieser Position 90 Minuten fehlerfrei gegen den Ball arbeiten? Wenn das herausragende Gegenpressing der Furia Roja Frankreichs entlastende Gegenstöße neutralisiert, wird es ein langer Arbeitstag für Frankreichs Doppelsechs. Immerhin dürfte Deschamps wieder auf den zuletzt verletzten Aurélien Tchouaméni bauen können.

Spaniens Schlussmann

Kein Torhüter hat in der Geschichte der Weltmeisterschaften so lange kein Gegentor kassiert wie Unai Simón. 649 Minuten lang musste Spaniens Schlussmann keinen Ball aus dem Netz fischen, bis Charles De Ketelaere im Viertelfinale das 1:1 köpfelte. Und doch ist Simón Spaniens Schwachstelle. Der Rekord ist nur sekundär sein Verdienst, seine Vorderleute lassen schlicht keine guten Chancen zu. Wenn es Frankreich nun gelingt, das spanische Pressing zu überspielen und dann die vierköpfige Mbappé-Olise-Dembélé-Doué-Hydra auf Simón zugehirscht kommt – gute Nacht.

Ein Fußballspieler im weißen Trikot (Belgien, #22) läuft mit dem Ball am Liegen verteidigenden Torhüter im grünen Trikot (Spanien, #23) vorbei. Ein weiterer Spieler im roten Trikot (Spanien) rennt von hinten herbei. Die Szene spielt auf einem Fußballfeld.
Unai Simón, hier locker von Alexis Saelemaekers überdribbelt, ist auch bei Großereignissen gerne für einen Schnitzer gut.

Keine Frage, Simón ist ein Spitzengoalie. Vor allem am Ball ist er einer der Klassenbesten. Für Spaniens Spiel ist das so wertvoll, dass de la Fuente dem 29-Jährigen den Vorzug vor David Raya und Joan Garcia gibt – beides Torleute, die in der Ur-Disziplin des Bällefangens wohl etwas höher einzuschätzen wären. Die größte Gefahr für Spanien liegt in Simóns regelmäßigen Aussetzern. Gegen Belgien vergeigte er bei zwei Ausflügen das Timing und hatte Glück, dass die Schüsse auf das leere Tor von Feldspielern abgefangen wurden. Gegen Kaliber wie Frankreich und danach England oder Argentinien kann schon ein Blackout eines zu viel sein – auch für eine Mannschaft, die in allen anderen Mannschaftsteilen höchst souverän ist.

Englands Außenpracker

Die Gleichung bei England-Matches ist relativ simpel: Hat der Gegner Offensivpower, schießt er Tore. Kroatien gelangen im ersten Gruppenspiel zwei Stück, die DR Kongo traf im Sechzehntelfinale einmal. Mexiko schenkte Jordan Pickford zwei Tore ein und hätte wohl noch bessere Chancen auf ein drittes gehabt, hätte es sein Offensivspiel in Überzahl nicht auf mittelprächtige Flanken reduziert. Im Viertelfinale bilanzierte Norwegen mit einem Treffer, einem aberkannten Goal und einer stümperhaft vergebenen Großchance. Häufige billige Ballverluste servieren den Gegnern verlässlich gute Szenen, Tuchels Pressing greift kaum – und fehlt dann der zuletzt kränkelnde Declan Rice als Ticketkontrolleur im defensiven Mittelfeld, werden die Schwächen der englischen Viererkette entblößt.

Zwei Fußballspieler im Zweikampf während eines Spiels auf einem grünen Spielfeld. Der Spieler in Weiß mit der Nummer 2 von England streckt sich nach dem Ball, während der Spieler in Rot und Blau von Norwegen mit der Nummer 12 den Ball spielt.
Auch der gelernte Innenverteidiger Ezri Konsa (l.) musste bei England bereits als Außenverteidiger aushelfen.

Einen klassischen Mittelstürmer à la Erling Haaland können die Three Lions einigermaßen unter Kontrolle halten, insbesondere John Stones leistete da gegen Erling Haaland ganze Arbeit. Wenn aber eine fluide Offensive mit dribbelstarken Außenstürmern antanzt, wackeln die englischen Außenverteidiger. Ob Nico O'Reilly, Djed Spence, Ezri Konsa, Reece James oder der gegen Argentinien gesperrte Jarred Quansah – sie alle hatten in diesem Turnier ihre unsouveränen Momente. Auch deshalb ließ England von den letzten Vier die meisten Expected Goals zu: Pickford bekommt pro 90 Minuten Abschlüsse im Wert von 0,8 Toren auf seinen Kasten, Frankreich (0,6), Argentinien (0,5) und Spanien (0,3) sind da stabiler.

Argentiniens Konterabwehr

Der Titelverteidiger hat den unsouveränsten Pfad ins Halbfinale hinter sich. Ein 3:2 nach Verlängerung gegen Kap Verde im Sechzehntelfinale, ein 3:2 gegen Ägypten im Achtelfinale und dann ein 3:1 nach Verlängerung gegen zehn Schweizer, all das ist kein weltmeisterliches Bewerbungsschreiben im engeren Sinn. "Es ist offensichtlich, dass wir uns verbessern müssen", sagt Trainer Lionel Scaloni.

Scaloni verzichtet weitgehend auf Breite im Offensivspiel und vertraut darauf, dass sich seine Zauberkicker auch auf engem Raum durch die Mitte kombinieren. Geht dann einmal ein Ball verloren, ist üblicherweise ausreichend Personal vor Ort, um etwaige Gefahr gleich wieder einzudampfen. Holt sich Argentinien solche Bälle nicht sofort zurück, ist die Mannschaft in ihrer Restverteidigung anfällig. Das zweite Problemfeld im Spiel ohne Ball: Im modernen Fußball ist es keine leichte Übung, mit neun Feldspielern zu verteidigen. Das ist aber der Preis von Lionel Messis Genialität.

Argentinische Fußballspieler, darunter mit der Nummer 9 und 10, jubeln gemeinsam über ein Tor im Viertelfinale der FIFA-Weltmeisterschaft 2026 gegen die Schweiz. Ein Schweizer Spieler zeigt Enttäuschung. Im Hintergrund ist ein grüner Rasen zu sehen.
Lionel Scaloni hat gerne viele Spieler in Ballnähe. Das beschleunigt im Erfolgsfall auch die Jubeltraubenbildung.

Die Schweiz demonstrierte zudem Argentiniens offensive Abhängigkeit von Messi. Da die Eidgenossen die Kreise des Ausnahmekickers erfolgreich einschränkten, brachte Argentinien trotz seiner längeren Überzahl nur ein Eckball-Tor zustande, bis sich Julián Álvarez in Minute 112. zu seinem Geniestreich hinreißen ließ. Die Tiefenläufe auf dem Flügel, mit denen Ángel Di María vor vier Jahren Defensiven auseinanderzog und überforderte, finden nun kaum mehr statt. Erst im Finish gegen die Schweiz ließ Scolani die Flügel ordentlich bespielen, dafür waren hauptsächlich die Außenverteidiger verantwortlich. Gerade angesichts der beschriebenen Anfälligkeit der Engländer könnte der argentinische Zentrumsfokus am Ziel vorbeigehen. (Martin Schauhuber, 14.7.2026)

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