Jana Holecek leitet zertifizierte Notesel-Pflegestelle in Heusenstamm
Stand: 24.07.2026, 06:41 Uhr
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Jana Holecek betreibt eine zertifizierte Notesel-Pflegestelle in Heusenstamm. Die vernachlässigte Eseldame Jule stand die ersten Tage abseits in der Ecke – jetzt traut sie sich langsam in die Nähe der anderen Tiere.
Heusenstamm – Lange Ohren, aufmerksame Augen – und eine Vorliebe für frische Brombeerblätter direkt vom Strauch. Eseldame Lisa lässt sich den Snack bei einem Spaziergang mit Halterin Jana Holecek schmecken. Zu ihren Eselfreunden Emmy und Janosch gesellt sich seit Neustem auch Jule dazu – sie ist der vierte Schützling, der in der zertifizierten Pflegestelle der 59-Jährigen unterkommt. Die Stelle gehört zum bundesweit agierenden Verein Noteselhilfe.
In Holeceks Stall beim Reit- und Fahrverein leben die vier teils auf Zeit, teils für immer. Oftmals nimmt sie Esel auf, deren Partnertier gestorben ist. „Esel sind Herdentiere. Es ist nicht artgerecht, sie alleine zu halten“, informiert Holecek. Auch die Haltung zusammen mit Ponys ist genauso wenig artgerecht wie das Halten von Kaninchen und Meerschweinchen in einem Stall, denn: „Die Arten kommunizieren nicht miteinander.“
Es sind also oft Situationen, in denen die Besitzer sich dazu entscheiden, die Eselhaltung aufzugeben. Da die Tiere bis zu 50 Jahre alt werden, sollte es wohl überlegt sein, sich ein Fohlen anzuschaffen. So ist auch Holecek auf den Esel gekommen: Ihren ersten hat sie von einer Freundin übernommen. Für ein Partnertier hat sie sich bei der Noteselhilfe umgeschaut – kurz darauf ist Zwergeselin Emmy 2010 eingezogen. 2021 kommt Maultier Janosch dazu, seit Anfang 2026 teilt sich Holecek die Haltung von Eselstute Lisa.
Neuzugang Jule ist fast blind
Mit Jule ist die Gruppe nun zu viert. Über einen Aufruf in den sozialen Medien ist die 59-Jährige mit dem Verein auf das vernachlässigte Tier aufmerksam geworden. Ihr struppiges Fell war auf den Bildern schon erkennbar und wurde in der Anzeige als Sommerekzem deklariert. Als Jule vor zwei Wochen in Heusenstamm ankam, stellte sich heraus: Bei dem Tier liegt noch deutlich mehr im Argen. Auf dem einen Auge blind, Zahnprobleme, ein dicker Huf, Übergewicht. „Das gehen wir in der Pflegestelle alles Schritt für Schritt an“, sagt sie.
2025 hat sich die Vorsitzende des Reit- und Fahrvereins als offizielle Notesel-Pflegestelle beworben und darf den Namen inklusive Zertifikat nun offiziell führen. Die nächstgelegene Notstelle ist in Mörfelden, insgesamt gibt es rund 30 ehrenamtliche Stationen. Der Verein mit Sitz im sächsischen Nechern arbeitet ehrenamtlich und auf Spendenbasis; so werden etwa Gesundheitschecks beim Tierarzt und Hufschmied finanziert, die bei jeder Neuannahme gemacht werden. Jules nötige Untersuchungen wurden ebenfalls darüber bezahlt.
Der Person, die den Esel abgegeben hat, macht Holecek keinen Vorwurf. Diejenige habe selbst mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen und habe den Aufruf selbst ins Leben gerufen, um dem Tier ein schöneres, artgerechtes Leben zu ermöglichen. Jule war auch eine ganze Weile alleine, was Holecek an ihrem Verhalten ihren anderen drei Eseln gegenüber gemerkt hat. „Sie stand die ersten Tage abseits in der Ecke und war richtig depressiv.“ Mittlerweile traut sich Jule in die Nähe der anderen und beginnt zu interagieren.
Die Eseldame wird nun aufgepäppelt und bekommt Medikamente. Der Tierzahnarzt, der ihr eine Menge Zahnstein entfernt hat, rät dazu, nach jedem Fressen die Zähne zu schrubben. Auch das sind Aufgaben, die Holecek und ihr Team übernehmen. Um die Esel müsse sich täglich gekümmert werden, „aber wir sind so eingespielt, dass wir auch mal in den Urlaub können“.
500 Quadratmeter für zwei Esel
Ehemalige Besitzer haben jederzeit die Möglichkeit, die Pflegestelle zu besuchen. Manche nehmen das in Anspruch, andere Halter hat Holecek lediglich bei der Abgabe gesehen und danach nie wieder. Andere Eselpflegestellen kümmern sich wiederum um Tiere, die das Veterinäramt beschlagnahmt hat.
Wer Jule – oder einen anderen Esel – adoptieren will, muss mehrere Voraussetzungen erfüllen, etwa einen Artgenossen halten, für die zwei mindestens 500 Quadratmeter Platz sowie eine trockene Liegefläche bieten. Anders als Pferde reagieren Eselhufe deutlich empfindlicher auf Feuchtigkeit.
Holecek, die früher als Turnier- und Showreiterin unterwegs war, hat ihr Herz inzwischen komplett an die „Randgruppe Esel“ verloren. Im Gegensatz zu Pferden sind sie keine Fluchttiere, sondern werden sogar als Herdenschutztiere eingesetzt. Das Bild des „sturen Esels“ leitet sich daher, sagt Holecek: „Anstatt in Panik zu verfallen, scannen sie ihre Umgebung und schätzen die Lage ein.“ Mulis etwa werden sogar im Militär eingesetzt. Holecek weiß die Charakterköpfe zu schätzen. „Das ist eine ganz andere Herausforderung beim Reiten.“
Um Interessierten den Kontakt zu Tieren und der Natur zu ermöglichen, bietet der Reit- und Fahrverein Spaziergänge mit den Eseln und dem Muli an. Interessierte melden sich per Mail an [email protected]. (Von Lisa Schmedemann)